Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 5. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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36 und doch waren beide äusserlich und innerlich sich so unähnlich. Jacob wurde Erbe des geistig-religiöser! Berufes, er erhielt den väterlichen Segen. Esau verfolgte irrdische Interessen, sah auf weltlichen Besitz und sinnliche Genüsse. Jakob musste der Gewaltthätigkeit und Verfolgung seines Bruders weichen; auch er verlässt das elternliche Heim und wanderte in und durch die Fremde. In dieser Nacht der Vereinsamung war ein harter Stein das Kopfkissen, worauf er lagerte. Dies wurde bedeutungsvoll für Israels Wanderung, sowohl durch die Sandwie Völkerwüste. Wie hart war und ist da Israels Geschick! Indess auch Jacobs Traum hat eine trostreiche Vorbedeutung für Israels Geschichte. Er sah eine Leiter, mit der Spitze bis zum Himmel reichend; Engel stiegen daran auf und nieder, und Gott oben hält Wache. Ja, es besteht eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, Gott sendet seine Liebesboten an den Menschen und überwacht sein Geschick. Es ist wahr, hart war Israels Geschick, aber es ist nicht zu leugnen, es stand stets unter göttlichem Schutze. Esau versöhnt sich auch wieder mit Jacob, eine hoffnungsvolle und trostreiche Hindeutung auf die dereinstige Aussöhnung der feindlichen Brudervölker mit dem nach Jacobs Beispiel stets friedlich gesinnten Volke Israel. Der Gegensatz zwischen Jacob und Esau war von Anfang an ein religiöser. Aufgabe und Segen des Vaters gingen auf Jacob über; er erhielt die Rechte und die Pflichten der Erstgeburt, Träger des religiösen Geistes zu sein, welche Esau verächtlich von sich wies, um ein Linsengericht, d. h. für nichtige weltliche Genüsse dahingab. Auch das Volk Israel wird deshalb der erstgeborene Sohn Gottes genannt (Exod 4,22), als das Volk, welches zuerst Gott in seiner Wahrheit erkannte und ihm diente. Dieser religiöse Gegensatz tritt auch in der Er- Zahlung von dem Kampfe hervor, den Jakob in der Nacht mit dem Geiste Esau’s zu bestehen hatte. Es war in der Nacht vor der Begegnung mit Esau. Da trat dem geängsteten Jacob im nächtlichen Traume der Gegenstand und die Veranlassung des feindlichen Gegensatzes zu seinem Bruder lebhaft vor die Seele. Jacob kämpfte im Traume während der dunklen Nacht bis zum Anbruch des Tages, wie es heisst, ,,mit Göttern und Menschen“ d. h. gegen sie und überwand sie. Davon erhielt er den Namen Israel d. h. Gotteskämpfer, der den Kampf Gottes auf Erden führt und ihn siegreich beendet. Davon wird auch das Volk Isreal das ״Kriegsheer Gottes“ genannt (Exod. 12,41). Die Nacht, während welcher der Kampf geführt wird, bezeichnet die Zeit der Verblendung, in der die Völker ohne Gottes-Religion leben, und diese Nacht und dieser Kampf dauern, bis der Morgen der Aufklärung und der Tag des Lichts anbricht. Aber es ist kein Kampf der Unterjochung und Unterdrückung, den Isral zu führen hat, sondern ein Kampf der Erhebung. Der Gegner will von Israel los; Jakob lässt ihn aber nicht, bis er ihn gesegnet d. h. anerkannt habe, dass der Kampf zu seiner Aufklärung und Versittlichung geführt worden sei und zu seinem Heile gedient habe. ״In Zukunft werden die Völker sprechen: Wir hielten Israel, den Diener Gottes, für einen verachteten und geschlagenen Mann; wir erkennen aber jetzt, er hat durch unsere Verirrungen gelitten und durch seine Leiden sind wir geheilt“ (Gen. 32,25. Jes. 63,4). d. h. zur Erkenntniss gebracht worden. Aus allem dem geht die göttliche Berufung Israels und seine providentielle Zukunft mit Deutlichkeit hervor; sie drängt sich unsrer Ueberzeugung aus Schrift und Geschichte mit Deutlichkeit auf. Es wäre ein verwegener Trotz Israels, sich dagegen aufzulehnen und sich dem Aufträge Gottes entziehen, von seiner leitenden Hand losmachen zu wollen. Nur dadurch, dass Gott Israel festgehalten hat, erklärt es sich, dass es sich nicht von Gottes Sache getrennt hat, und dadurch, dass Gott Israel geschützt hat, vermochten die Mächte und Völker der Welt nichts gegen uns. Wie könnte, wie dürfte Israel Gottes Sache untreu werden und sie treulos verlassen, wie seine ruhmvolle Vergangenheit der Geschichte verleugnen und seiner aussichtsvollen Zukunft und Bestimmung entsagen! Nach der providentiellen Berufung der Väter erklärte Gott am Sinai Israel als das für seine heiligen Zwecke auserwählte Volk. Als eine gnadenvoUe Bevorzugung Israels ist dies wohl anzuerkennen, aber nicht als eine ungnädige Verstossung der anderen Völker und übrigen Menschheit. Alle Menschen sind Gottes gleieligeliebte Kinder, er ist allen der gleich gnädige Vater. Alltäglich gewahren wir noch bei Einzelnen wie bei Völkern eine ähnliche Gottbegnadigung und Bevorzugung. Dem Gott in solcher Weise viel gegeben, von dem fordert er auch viel. Nur Israels Pflichten sind grösser, als die der andern Völker, nicht seine Rechte. Israel 8011 andern als Führer und Vorbild vorausgehen, den Völkern als Lehrer und Priester dienen. ״Mit seinen Frommen nimmt es Gott auf ein Haar genau“, ist ein Spruch der alten Weisen, Gott hat Israel eine grosse Verantwortlichkeit auf erlegt, es darf sich nichts zu Schulden kommen lassen; Gott geht mit Israel wegen seiner Fehler doppeltstreng ins Gericht. (Fortsetzung folgt.) Actenstücke zur Geschichte David Friedländers. Von Dr. R. II. ״Abriss von dem politischen Zustande der sämmtlichen Jüdischen Kolonieen in den Preussischen Staaten, mit Ausschluss vonSchlesien.Westpreussen undOstfriesland“. Erste Abtheilung Von den Abgaben in baarem Gelde. A. Allgemeine. Bestimmte jährliche. 1. An Schutzgeld: 25000 Tlilr. Bis auf das Jahr 1768 gab die ganze Kolonie 15000 Tblr. In diesem Jahre wurde die Summe, nach neu angenommenen Grundsätzen, wegen ausgemittelter grösserer Anzahl von Familien, mit 10000 Thlr. vermehrt, doch ohne, dass dafür die Freiheiten der Nation erweitert worden wären. Die sämmtlichen Provinzen tragen aber sowohl diese, als alle folgende bestimmte