Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 5. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 Segen dieses Bündnisses ist von Gott als das Erbe I der Väter für alle Zeiten auf die Kinder und Enkel übertragen worden (Exod. 19, Deut. 29, Jos. 24). Untergehen kann das Judenthum nicht, dafür bürgt seine Wahrheit und Göttlichkeit. Ueber die geringe Zahl seiner Bekenner sind wir getröstet, die Zahl der Edlen ist immer klein. Auch Abraham war nur Einer, und doch ist seine Nachkommenschaft, sein geistiger Anhang, gross geworden. Die Zahl der Israeliten ist auch nicht einmal so gering, wie es scheint; sie ist grösser, als während des Aufenthalts des Volks Israel im heiligen Lande zur Zeit seiner Blüthe. Ebensowenig wundern wir uns über die vielen Kämpfe und Duldungen, welche Israel um seiner Religion willen auf erlegt worden sind und werden. Für die geistigen und sittlichen Ideale des Lebens sind der Kämpfer stets wenige, der Gegner aber immer viele. Davon zeugt uns vorbildlich die Aufforderung Gottes an Abraham: ״Bring’ mir Deinen Sohn zum Opfer!“ Will er die rechte Nachkommenschaft und Vertretung seilies Vaters seiu, wie du verlangst, so muss er bereit sein, alles, selbst sein Leben, für Gott und Religion zu opfern. Der Sohn war bereit, der rettende Engel erschien ihm zur rechten Zeit und ist auch Israel stets erschienen. Die lohnende Verheissung für solche Opfer- Willigkeit aus dem Munde Gottes lautet: ״Dafür werde ich Deine Nachkommenschaft segnen und mehren; sie werden über die Gegner ihrer wahren Gotteserkenutniss und -Lehre siegen, und alle Völker der Erde werden durch sie gesegnet“ d h. der wahren Erkenntniss theilhaftig werden (Gen. 22). Dies unsre Arbeit, dies unser Lohn; so unsre Aufgabe, so unsre Verheissung! Israel tliue deine Arbeit, und der Lohn ist dir gewiss; lebe deiner Aufgabe, uud die Verheissung wird sich erfüllen 1 Müsste Israel von der Religion, die es erhalten 8011, oder von der Nothwendigkeit ihres Bestandes, für den es sorgen soll, erst überzeugt werden; es gliche einem Brunnen, in den das Wasser, welches man schöpfen will, erst hiueingetragen werden muss. Aus eiuem solchen Brunnen ist nicht mehr zu schöpfen, ein solcher Brunnen ist untauglich geworden. Es ist wahr, Israels Leben und Verhalten entspricht nicht überall und immer seinem heiligen und hohen, religiösen und cnlturellen Berufe; indess ist und bleibt Israel das Volk Gottes. Gott hat es erwählt und lässt es nicht los. Die ganze Geschichte Israels von Anfang bis heute zeigt deutlich die waltende Vorsehung und leitende Hand Gottes. Die Bibel unterscheidet sich von den Büchern weltlicher Geschichtsschreiber gerade dadurch, dass sie diese Vorsehung und Hand Gottes nach-, dass sie darauf liinweisst; in der spätem Geschichte Israels lässt sich dieser biblische Geist nicht minder zuin Ausdruck bringen, und die Geschichte Israels Hesse sich danach im Tone der Bibel erzählen. Widerspenstig gegen die Weisungen Gottes ist Israel ja von Anfung au uud immer gewesen; es musste für die Zwecke Gottes und der Menschheit erst erzogen werden. Die Masse des Volkes irrte oft ab, aber Gott erweckte Männer, die es von seiner Verirrung zurückriefen. Zuerst lebte Israel in nationaler Abschliessung, um in seinem grossen und heiligen Berufe und für denselben zu erstarken. Nachher wurde die Schale dieser nationalen Abgeschlossenheit gesprengt und Israel unter die Völker der Erde zerstreut, auf dass sein Gottes-Geist sich über die Welt ergiesse. Hier soll Israel auf seinem Posten stehen und nicht weichen, da Gott es darauf gestellt hat; sie sollen Pioniere der Gottesweisheit und Tugendlehre, der Wahrheit und Gerechtigkeit, Vorbilder der RechtHchkeit und SittHchkeit sein. Durch Lehre und Beispiel, durch Wort und Tliat 8011 Israel wirken, durch Ueberzeugung gewinnen, nicht überreden, zur Nachahmung anregen,nicht zwingen. ״Nicht durch Gewalt und Macht, sondern durch meinen Geist, spricht Gott“ (Zach. 4,6). ״Ein weises Volk ist Israel, sollen die Völker sprechen“ (Dout. 4,6). ״Israel leidet durch unsre Verirrung, nicht durch seine Sünden, werden später die Völker sagen“ (Jes. 53,5) Der erste Ruf Gottes für Israel erging an Abraham. Schon Seth erkannte Gott und betete zu ihm; diese Erkenntniss wurde aber wieder getrübt und ging verloren. In Abraham leuchtete sie wieder hell auf, und er erhielt den Beruf von Gott und fühlte den innern Drang dazu, Land und Haus zu verlassen und wandernd umherzuziehen, um die Erkenntniss Gottes unter den Menschen zu verbreiten und für Werke der Liebe und Gerechtigkeit unter ihnen tliätig zu sein. Hier ist Abraham’s Wanderung und Aufgabe vorbildlich geworden und gebliebeu für das unter den Völkern zerstreut, lebende Israel und dessen, religiöse Aufgabe unter ihnen — bis auf den heutigen Tag. Abraham war trostlos über seine Kinderlosigkeit, da er Niemand hatte, der mit dem reichen weltlichen Erbe auch sein geistiges übernehmen könne, seine religiöse Welt auf gäbe weiter führe. Im späten Alter wurde ihm sein einziger Sohn Isaak geboren; er wurde der zweite Stammvater Israels. Die Opferung, welche ihm aufgegeben wurde, deutet bildlich für ihn und seine Nachkommen an, dass im Dienste Gottes sie bereit sein müssten, Gut und Blut zu opfern, selbst unter Todesgefahr an dem Bunde und Berufe festzuhalten und selbst mit Hingabe des Lebens nicht davon zu lassen. Isaak hat diese heilige und schwere Aufgabe für sich und seine Nachkommen übernommen. Und wie hat die Geschichte aus alle Jahrhunderte hindurch bewahrheitet, das Israel bereit sein müsse, Besitz und Leben für die Erhaltung der Religion zu opfern! Ein grosses oder langes Matyriuin zeugt von den Opfern, welche Israel für seine religiöse Jdee und Überzeugung gebracht hat. So lange und so viel hat Niemand gelitten und geopfert, weder ein Einzelner, noch eine Gesanuntheit. Und das heutige Israel könnte, wollte seine grosse Geschichl« und bedeutungsvolle Vergangenheit verleugnen und seine hoffnungsreiche Zukunft aufgeben, indem es seine Religion vernachlässigt oder gar verlässt, auf die ideulen Güter und ewigen Hoffnungen der Zukunft verzichtet für die vergänglichen Güter und realen Be sitztlniiner der Gegenwart? Die Väter thaten nicht so! Sollten die Söhne der Jetztzeit den Vätern der Vorzeit so wenig ähnlich sein? Auch Jakob s Leben — Isaak s Sohn und dritter Stammvater unsere Volkes — war vorbedeutend für seine Nachkommen. Er war Zwillingsbruder Esau's,