Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 4. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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30 dienen 8011 für das menschliche Streben, um als reiner Modns der ewigen Natur za existiren. Allein 80 lange der Mensch noch nicht reiner Geist oder reine Vernunft ist, ist stets ein Gegensatz zwischen derjenigen ethischen Stufe, auf welcher der Mensch als Spielball seiner sinnlichen Natur oder seiner Affekte steht und derjenigen, welche sich aus der adäquaten Idee oder ewigen Vernunft ergiebt; und aus diesem Gegensatz entwickelt sich ein Konflikt, in welchem der Geist über den Affekt siegen muss und in diesem Sinne lehrt Sp., dass es sich für den Menschen nicht darum handeln kann, zu erstreben, dass er überliaupt von Leidenschaften unberührt bleiben. (Eth, 4 prop. 4.) Das Ziel des Menschen den Leidenschaften gegenüber kann daher blos das sein, sie möglichst einzuschränken. Von diesem Gesichtspunkte aus giebt uns Sp. in dem 5. Buche der Ethik die geistigen Waffen an die Hand, die Leidenschaften einzuschränken. Diese geistigen Waffen bestehen für alle Menschen zunächst in der klaren ursächlichen Erkenntniss der Affekte. Die Affektionen des menschlichen Körpers vollziehen sich nämlich innerhalb des Naturzusammenhanges, und gerade aus ihm stammt der Einfluss, welchen die äussern Körper in einer mit der eigenen Natur des menschlichen Körpers nicht übereinstimmenden Weise auf diesen üben. Den Natur- Zusammenhang zu durchschauen, ist nun den Menschen nicht gegeben; er ist uns verborgen, solange wir einen endlichen Verstand haben, da im Naturzusammenhange jede einzelne Ursache von einer endlosen Reihe anderer Ursachen bestimmt ist, und jede einzelne Wirkung somit endlos viele Ursachen hat. Gleichwohl ist wenigstens eines über den Naturzusammenhang klar und zweifellos, nämlich, dass alles darin schlechthin nothwendig ist, und diese einzige wirkliche Erkenntniss von dem Naturzw sammenhange ist bereits ein Heilmittel gegen die Gewalt der Affekte. (Eth. 5. prop. Ö.) Diese Erkenntniss von der strengen ursächlichen Verbindung in dem Naturzusammenhange ist aber allen Menschen zugänglich. Auch das zweite Mittel gegen die Affekte, welches Sp. angiebt, die Verkettung der Leidenschaften eines adäquaten Ideen, auf dessen weitere psychologische Erörterung hier nicht eingegangen werden kann, ist von ihm zweifellos für jeden Menschen gegeben. Der Verfasser erörtert im Verlaufe seiner Untersuchung ferner die Frage, ob Sp. durch sein System das Ziel seiner Philosophie, nämlich die Erreichung der immerwährenden Freude, ermöglicht und kommt zu dem Resultate; da eine zureichende Erkenntniss Gottes alle seine Attribute und Modi umfassen müsse, 80 ist das Ziel der Philosophie nicht ermöglicht. Hinsichtlich dieses Einwandes verweise ich den Verfasser auf Eth. 5 prop. 30. ״Sofern unser Geist sich selbst und seinen Körper unter der Form der Ewigkeit erkennt — und das ist ja die Erkenntniss der dritten Stufe — hat er nothwendig die Erkenntniss Gottes und weiss, dass er nur durch Gott und in Gott begriffen wird. Es folgt allerdings aus diesem und folgenden Sätzen, dass die intellektuelle Liebe zu Gott aus der Erkenntniss der dritten Stufe resultiert, weil diese die höchste Erkenntniss Gottes und die Abhängigkeit des Geistes von Gott ist, auf keinen Fall aber ist, wie der Verfasser meint, daraus zu ersehen, dass die zureichende Erkenntniss Gottes alle seine Attribute und Modi umfassen. Ein sehr gewagtes Urtheil spricht der Verfasser aus, indem er den reinen Rationalismus des Sp. als veralteten Standpunkt gegenüber dem modernen Empirismus hinstellt. Dass der Empirismus einen viel festem Boden hat, als der Rationalismus, ist allerdings nicht in Abrede zu stellen. Und doch steht gerade das System Spinoza’s anerkanntermassen am meisten in Einklang mit den epochemachendsten Theorien der modernen Naturforschung. Die Theorien der Erhaltung der Kraft,, die Evolutionstheorie sind gleichsam Konsequenzen des Systems Sp. Wenn die Substanz und ihre Kräfte, wie Sp. lehrt, ewig sind, weder Anfang noch Ende haben, so kann selbstredend keine Kraft verloren gehen und das Verschwinden einer Kraft kann nichts anderes bedeuten, als die Umwandlung derselben in eine andere Form. Und wenn ferner die Natur, wie Sp. lehrt, nicht nach Zwecken, sondern nach Ursachen handelt, und dieses Prinzip auch auf die organische Welt ausdehnt, so ist die Evolutionstheorie nur eine logische Konsequenz aus dieser Lehre. Ueberhanpt leitet die monistische Strömung der Gegenwart vielfach auf Quellen zurück, die in der Ethik ihren Ursprung haben. Dr. Seligkowitz. Dr.M.Lewlu, Lehrbuch der israelitischen Religion. Zweite umgearbeitete Ausgabe. Berlin, M Poppelauer’ s Buchhandlung 1900. (91 S. geb. 1,50). Dieses Religions-Ijehrbuch bildet, wie der Verfasser selbst im Vorwort sagt, den Schlusstheil seiner beiden Lehrbücher der biblischen und jüdischen Geschichte. Es umfasst den ganzen Stoff des sogenannten systematischen Religionsunterrichts und ist darum nur für die oberen Stufen, insbesondere für den vorbereitenden Confirmationsunterricht, bestimmt. So sehr wir uns nun auch im Ganzen und Grossen mit der ganzen Anlage des Buches, seiner Eiutheilung in einen theoretischen, praktischen und historischenTheileinverstanden erklären, so haben wir doch im Einzelnen 80 manches darin gefunden, was unsere Zustimmung nicht hat. Dass der Herr Verfasser, wie er im Vorworte sagt, sich bei der Anführung von Belegen zu seinen Lehrsätzen nur auf biblische Aussprüche beschränkt, ist unserer Meinung nach ein grosser Fehler. Er will doch in seinem Lehrbuch nicht blos eine historische Darstellung der althebräischen Religion, oder nur die rein biblische Lehre geben, sondern der reiferen Jugend ein Lehrbuch des gegenwärtigen Standes der jüdischen Religion, wie sie sich bisher entwickelt hat, als Leitfaden in die Hand geben, da durfte der traditionelle Faden, wie er [sich durch Mischna und Talmud zieht, nicht durchschnitten werden, sondern es musste durch Einflechtung der kernigsten Sittensprüche auch aus diesen Werken der einheitliche Geist, der das ganze jüdisch-religiöse Schriftthum durchweht, aufgezeigt werden. Viele dieser nachbiblischen Sittensprüche sind durch ihre kurze präcise Form fast als Sprüchwörter in das Bewusstsein der jüdischen Religionsbekenner gedrungen, 80 dass sie schon aus pädagogischen Gründen unserer Jugend nicht fremd bleiben dürfen, sondern ihrem Gedächtnisse eingeprägt werden müssen. Glaubte aber der Verfasser von seinem Standpunkt als Prediger der Berliner Reformgemeinde bei den biblischen Belegversen stehen bleiben zu müssen, so musste die Ueber- Setzung derselben eine streng wortgetreue, und nicht homiletisch zugestutzte sein. Gegen dieses Grundgesetz aller Exegese verstösst der Verfasser in seinem Lehrbuch leider sehr oft. Hier nur einige Beispiele. S. 2 wird Deut. 18,13 übersetzt: ״Vollkommen wirst Du werden mit dem Ewigen, Deinem Gotte“, während es nach dem Wortsinn ״Ganz (ungetheilt) sollst Du sein u. s. w.“ heissen muss, wie der Zusammenhang auch ergiebt. Auf derselben Seite ist Micha 6,8 ganz ungenau übersetzt: ״Es ist dir kund geworden“ (הגיד ל*ך) u. 8. w. Recht üben, Liebe bethätigen (אהבה הסו) und in Rein heit(?) und Demuth wandeln“ (röS ה*נע). 8. 3 übersetzt der Verfasser Hiob 23,13 fast agadisch, (״ : (והוא כאהדEr ist in Einheit“, desgleichen S. 4, Genes. 2,3 mryS ״ אשר ברא א׳Gott schuf die Welt, um in ihr zu wirken.“ S. 5 ist קניניו P8. 104 mit ״deiner Wunder“ übersetzt.