Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1901-01-01 · No. 3. (1901) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 3. (1901)
Date
1901-01-01
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492408-5990879-5999236--2898-5369568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

21 by few i£ any Jew8 in Bohemia. (S. 11.) Wie sehen dem gegenüber die Thatsaehen aus? Nach Wertheiiner’s Jahrbuch 1,25 gab es in Prag allein im Jahre dreissig Aerzte, fünf Chirurgen, zwei Zahnärzte und sieben Advokaten, von denen doch der grössere Theil älter als Wise gewesen sein muss. Nach derselben Quelle II 118 gab es in Böhmen 4 Rabbiner, die Doktoren der Philosophie waren. Dr. Salomon Sachs in Lichteustadt veröffentlichte eine am 27. Schebat 5603 gehaltene Predigt (Orient, Litteraturblatt 1843, 422), Simon Hainsfurt, Rabbiner in Wise’s Geburtsort, veröffentlicht in der ״Allgemeinen Zeitung des Judenthums“ (1839, 441, 557 , 603) Wissenschaftliehe Aufsätze, die Kenntniss der klassischen Sprachen zeigen. In derselben Gemeinde wurde nach der Allg. Ztg. d. Judt. am Pessachfeste 1839 (S. 248) zum neunten Male Confirmation gefeiert. Ein Freund in Brünn that mir den Gefallen, die alten Kataloge des Gymnasiums nachzuschlagen und fand, dass bis zum Jahre 1840, in welchem Wise das Gymnasium absolvirt haben soll, 71 jüdische Gymnasiasten gezählt worden. Bedenkt man, dass in Brünn Juden die Niederlassung nur in seltenen Ausnahmen gestattet war, während Prag eine zahlreiche Gemeinde hatte und dass Böhmen eine viermal grössere jüdische Bevölkerung hatte als Mähren, wird man wohl nicht fehlgehen, wenn man für Prag bis 1840 dreihundert jüdische Gymnasiasten annimmt. Interessant ist es auch, dass der am 9• November 1838 in Prag gestorbene Peter Beer über die vielen gedruckten Predigten und über die vielen Doktoren unter den Rabbinern klagt. (AUg. Ztg. d. Judt. 1839, 496.) Von alledem abgesehen giebt es doch geschiehtliehe Persönlichkeiten, die beweisen, dass Böhmen im Jahre 1842 durchaus nicht mehr auf der Kulturstufe des 18. Jahrhunderts stand. Da ist doch vor Allem, der 1806 verstorbene Dr. Jonas Jeiteles, mit seinen vier schriftstellerisch bekannten Söhnen. Da ist der berühmte Musiker Moscheies, da ist der grosse Publizist Kuranda, der berühmte Psychiater Fischl und auf jüdisch-theologischem Gebiete,Wolfgang Wessely, später Professor des Strafrechtes an der Prager Universität, Zacharias Frankel, Leopold L ö w, Moritz Steinschneider, Albert Löwy (London), die alle in Prag ihre Studien machten und alle älter sind als Wise. Diese Namen sind auf’s Gerathewohl aus meinem Gedächtnisse geschöpft und liessen sich leicht vermehren. Sie genügen aber, so wie sie sind, zu beweisen, dass Wise, wenn er ordentliche humanistische und akademische Studien gemacht hätte, nicht das Wunderthier gewesen wäre, für das ihn die Biographie ausgiebt. Uebrigens hat ein durchaus zuverlässiger Freund in den Registern der Prager Universität den Namen eines Isaak Weis oder Weiss aus Steingrub nicht gefunden; von dem Archiv der Universität Wien erhielt ich die offizielle Nachricht, dass ein Student dieses Namens in den Registern nicht vorkommt, und eine in Dayton, Ohio, ansässige respektable Frau, welche in Ronsperg Schülerin war, erinnert sich ganz genau, dass Wise, nachdem er in dem Dorfe Grafenried 3—4 Jahre Privatlehrer gewesen war, im Herbst 1841 nach Ronsperg kam und dort bis zum Frühjahr 1843 blieb. Es ist unmöglich alle Einzelheiten aufzuführen, bei denen die Unrichtigkeit auf der Hand liegt, wie z. B. wenn von einem Unterrichtsminister in Prag die Rede ist, oder ein Kaplan ein candidate forthe priesthood genannt wird. Ich muss mich auf das Auffallendste beschränken. Ein Graf Fürstenberg (sic!), der den ganz merkwürdigen Titel eines member of the imperial council führt, fragt Wise, wie es denn komme, dass unter den Juden so viele uneheliche Kinder seien. Der Rabbiner erzählt dem Herrn Rath, der Referent für jüdische Angelegenheiten war, die grosse Neuigkeit, dass in Oesterreich die Anzahl der jüdischen Eheschliessungen beschränkt sei und viele Paare daher sich ohne behördliche Bewilligung verlieirathen und demnach ihre Kinder offiziel als illegitim gelten. Der Herr Graf verspricht, sich um die Aufhebung dieses Gesetzes zu bemühen und ״thatsächlich verschwand bald darauf diese barbarische Beschränkung aus den Gesetzbüchern“ (S. 13). Das erinnert doch einigermassen an den biederen Landonkel, der in seiner Heiinath erzählt, dass in der Residenz die Wache vor ihm in s Gewehr getreten sei, und da man dieser Behauptung Zweifel entgegensetzt, beruft er sich darauf, dass Tausende von Menschen und der König selbst dessen Zeugen gewesen seien. Es ist nicht nur ein wenig unwahrscheinlich, dass der Referent für jüdische Angelegenheiten bei der Landesregierung, von der Beschränkung der jüdischen Familienzahl nichts gewusst habe, und auf die Vorstellungen eines 27 jährigen Predigers einer kleinen Landgemeinde sich zu einer Haupt- und Staatsaktion entschlossen habe, es ist absolut unmöglich, denn das Gesetz, welches die Zahl der jüdischen Familien im Königreiche Böhmen beschränkte, wurde überhaupt niemals direkt aufgehoben, sondern fiel durch die Verfassung vom 4. März 1849, welche die Gleich- Stellung der Juden aussprach. Noch bezeichnender ist die Tliatsache, dass unter der Herrschaft der Reaktion die Beschränkung der Judenehen im Jahre 1853 unter der Form kreisämtlicher Bewilligungen wieder eingeführt und erst am 29. November 1859 ausser Kraft gesetzt wurde. Unbewiesen und daher absolut unglaublich ist die Behauptung, dass Wise in Radnitz ein kleines Gebet- und Gesangbuch verfasst habe. Wo und wann ist es erschienen? Welche Bibliothek besitzt ein Exemplar? Wie kommt es, dass eine so radikale Reform in dem kleinen böhmischen Städtchen möglich wurde, während man in Wien und in dem Tempel für geregelten Gottesdienst in Prag sich noch bis auf den heutigen Tag mit der Streichung einiger Pijutim begnügt? Im Jahre 1844 8011 Wise der Frankfurter Rabbiner- Versammlung beigewohnt haben. Das ist allerdings nicht möglich, da diese Versammlung erst 1845 statt• fand. Nun ist aber sein Name in den Protokollen nicht erwähnt, Wise hat bei späteren Anlässen, z. B. bei dev fünfzigjährigen Gedenkfeier der Braunschweiger Versammlung in seinen Zeitungen davon nicht gesprocheu, von den Mitgliedern, die später nach Amerika kamen, Samuel Adler, David Einhorn und Samuel Hirsch, hat Niemand davon erzählt und es ist gewiss höchst unwahrscheinlich, dass ein ehrgeiziger junger Manu,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.