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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1901-01-01 · No. 3. (1901) · p. Seite 20

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 3. (1901)
Date
1901-01-01
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 Geburtstag — er war am 3. Nissan 5579 29. März 1819 in Steingrub, Bezirk Eger, in Böhmen geboren — war buchstäblich ein nationales Ereigniss für die Judenheit der Vereinigten Staaten. Bei diesem Anlasse beschlossen seine Schüler eine Biographie und eine Sammlung seiner Aufsätze herauszugeben. Die Herausgäbe verzögerte sich bis nach dem Tode des gefeierten Mannes, aber das Buch hat dadurch nur gewonnen. Wir stehen einer geschichtlichen Persönlichkeit in der nöthigen geschichtlichen Ferne gegenüber. On doit des egards aux vivants, ou ne doit aux morts que la verite. (אמת מארץ תצמח besagt dasselbe. Red.) Isaac M. Wise war ein höchst begabter, geradezu genialer Mensch, der seinen selbstgewählten Namen ״Wise weise" verdiente, als ein תאה את הנולד, er besa88 eine unverwüstliche Arbeitskraft, er verstand die Zeitströmung wie kein Zweiter und war ein geborener Organisator. Er war aber nicht ein schulmassig gebildeter Gelehrter und ein Theologe mit klar defmirten religiösen Principien. Da aber die Biographie ihn als solchen hinstellt, ist sie leider vollständig verfehlt und hat unsere historische Litteratur nur um eine Tendenzschrift bereichert. Zu einer Biographie gehört in erster Linie eine Kenntniss der zeitlichen und lokalen Verhältnisse, in welchen der Gegenstand der Biographie lebte und in zweiter Linie ein treues Erfassen seiner Individualität. Die erste Bedingung fehlt vollständig. Gleich auf der zweiten Seite wird uns der Geburtsort Wise’s als ein ״kosmopolitischer Platz“ geschildert, in welchem Deutsche und Czechen friedlich nebeneinander wohnten. Der Verfasser weiss also nicht, dass das Egerland kerndeutsch ist und dass Slaven dort seltener sind als in den Industrieorten des sächsischen Voigtlandes oder in den Kohlenbezirken Pennsylvaniens. Auf S. 6 wird eine sehr pathetische Geschichte erzählt, die wie fast alle diese rührenden Erzählungen nicht wahr ist. Wise 8011 1835 — 1837 in der Jeschiba zu Jenikau gewesen sein. Eines schönen Morgens trat Rabbi Aron Kornfeld ein, setzte sich ohne ein Wort zu reden, auf den ßodeu ״und benahm sich als hätte ihn ein schwerer Schicksalsschlag betroffen.-' Erst nach einiger Zeit erhob sich der ״ehrwürdige“ Rabbi und erzählte seinen Jüngern, dass ein neues ״Edikt" erschienen sei, welches die Bekleidung des rabbiniselien Amtes von dem Besuche eines Gymnasiums und einer Universität abhängig machte. Vor allem Andern ist es eine Thatsache, dass ein solches Gesetz in Böhmen und in Oesterreich überhaupt noch heute nicht besteht. Das ״Gesetz zur Regelung der äusseren Rechtsverhältnisse der Juden in Oesterreich" vom 21. März 1890 bestimmt, dass der Rabbiner ein Gymnasium alsolviert. haben müsse und auch davon kann der Minister dispensiren. Von einer Universitätsbildung ist auch heute die Rede nicht. Hingegen bestimmte allerdings das Judenpatent für Böhmen vom 3. A.ugust 1797. dass Rabbiner ״philosophische Studien ‘ gemacht haben mussten. Eine ״allerhöchste Eutschliessung•- vom 22. Januar 1820 verlangte wieder von den Rabbinern aller Krouländer die Kenntniss philosophischer Wissenschaften, und ein Hofdekret vom 7. Juli 183(1 verlangte, dass vom 1. September 1846 in Galizien kein Rabbiner angestellt werden dürfe, der nicht philosophische Studien gemacht habe. Wie wenig dieses Gesetz respektirt wurde, zeigen nicht nur die gegenwärtigen Verhältnisse in Galizien, sondern auch der Umstand, dass bald darauf Rapoport, der gar keine Schulbildung besass, zum ״ersten Religionsvorsteher“ in Prag gewählt wurde. Das Gesetz, welches dem ehrwürdigen Rabbi Kornfeld den Untergang aller Jeschibalierrlichkeit bedeutete, war vierzig Jahre alt. als er sich so tief darüber kränkte, hingegen war der ״ehrwürdige“ Rabbi, - er starb am 26. Oktober 1881 — damals kaum vierzig Jahre alt. In Jenikau war damals Jonathan Altar Rabbiner, von dem uns S. 7 erzählt wird — wir lassen die Stellein wörtlicher Uebersetzungfolgen: ״Chorin wurde von den Rabbinern der alten Schule erbarinungslos verfolgt, aber von Niemandem mehr als von Altar.“ Der Autor citiert Löw’s Gesammelte Schriften. Von dort hätte er sich doch darüber belehren können, dass Markus Benedikt in Nikolsburg, Moses Minz in Altofen und andere ungarische Rabbiner es waren, die Chorin zum Widerrufe seiner Ketzereien zwangen. Altar, der unbedeutende Rabbiner eines unbedeutenden böhmischen Städtchens, der im Jahre 1826 eine Schrift gegen Chorin’s Sendschreiben eines afrikanischen Rabbi geschrieben hat, kam gar nicht in Betracht. Des Weiteren wird uns erzählt, dass Wise auf Rapoports — der Verfasser schreibt immer Rappaport — Empfehlung Lehrer in Ronsperg geworden sei. Er 8011 dann ein Jahr auf diesem Posten geblieben und hierauf nach Pressburg gegangen sein, wo er nach sechsmonatlichem Aufenthalte das final examination at the gymnasium for entrance to tlie university — also wohl Abiturientenexamen — ablegte. Während seines Pressburger Aufenthaltes besuchte er die Jeschiba von Moses •Sopher. Da aber Moses Sopher am 3. Oktober 1839 starb, das Neujahrsfest dieses Jahres auf den 9. September fiel, muss die Jeschiba ihr Semester im August geschlossen haben. Wise musste also spätestens Anfang Februar 1839 nach Pressburg gekommen sein und Anfang 1838 seine Stelle in Ronsperg angetreten haben. Da aber Rapoport erst am 12. August 1840 seine Stelle in Prag antrat, kann er Wise unmöglich nach Ronsperg empfohlen haben. Nebenbei sei bemerkt, dass es eine Reifeprüfung in Oesterreich erst seit 1849 giebt, dass das Gymnasium in Oesterreich damals sechs und nicht fünf Klassen — wie der Autor angiebt — hatte, und dass weder damals noch heute ein Volksschullehrer die Reife für die Universität nachzuweisen hatte. Durch eiu Versehen lässt der Autor Wise in zwei Jahren 184U—42 vier Jahre auf den Universitäten Wien und Prag zubringen, worauf er in Prag vor Rapoport, Freund und Ephraim Löb Tewelfes ein Rabbiuerexamen bestand und von Rapoport nach Radnitz als Rabbiner empfohlen wurde. Er soll dort der erste deutsche Prediger gewesen sein und ausser Prag war nur noch eine Gemeinde mit deutscher Predigt in Böhmen vorlianden. Ebenso wird uns versichert, dass Wise eine weltliche Bildung besass, wie vielleicht kein anderer, aber jedenfalls nur wenige Juden in Böhmen, equaled

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