Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 3. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 zur Glaubensgemeinschaft eines bestimmten Staatsgebietes vollkommen unabhängig164). Das Urtheil des Arztes war für die Beurtheilung des Kranken hinsichtlieh der Verpflichtung desselben auch für die heiligsten religiösen Handlungen in positiver und negativer Linie massgebend166). Die Aerzte wurden in Bezug auf wissenschaftliches Ansehen den theologischen Gelehrten gleichgestellt.166) Nur während der Zeit der Verfolgung von Seiten der römischen Kaiser, besonders unter Kaiser Hadrian, mochte, nach meinem Dafürhalten, gegen diejenigen Aerzte bei den hart bedrängten Schriftgelehrten eine erbitterte und verbitterte Meinung •herrschen, welche um in herrschenden Kreisen für ״gut“ ־ zu gelten, ein ihren Schutzbefohlenen entgegengesetztes Interesse hatten. So nur erklärt sich der harte Ausspruch: ״Der gut ist unter den Aerzten, gehört in die Hölle“167). Glücklicher Weise gehörten solche Aerzte zu den Ausnahmen. Denn auch anerkannt fromme Leute hatten in Fällen schwerer Erkrankung den Rath der Aerzte eingeholt168). Auch war die Thierarzneikunde in talmudischen Zeiten wohl ausgebildet169). Heilan- 8talten (Sanatorien17״) waren vorhanden und mit allen Comfort nusgestattete und den erforderlichen Einrichtungen versehene Badeanstalten171). Bekannt und anerkannt waren die Thermen von Tiberias zum Trinken178) und Baden173). Berühmt war das Aphroditenbad. Gleichwohl war R. Gamaliel in Akko tolerant genug, dieses Bad zu besuchen. Darüber befragt, antwortete der Weise, dass nicht der heidnische Name dem Bade Bedeutung beilege, sondern die Vortrefflichkeit des Bades dem Namen174). Trotz der erfreulichen Thätigkeit der Juden auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen geistigen Lebens, ist denn doch die Wissenschaft nicht Jedermanns Sache zu beurtheilen oder gar zu beherrschen. Wer die Wissenschaft versteht, für den bedeutet sie das Heil, wer sie nicht versteht, oder missversteht, für den ist sie von Uebel. Denn die Sittenthat erzeugende Wissenschaft bedingt Fähigkeit und Charakter. Gewiss war es die denkbar ungünstigste Zeit für die Männer der Aristokratie des Geistes, die Pharisäer, in welcher nicht die Wissenschaft die Stellung gab, sondern umgekehrt von der Stellung aus der Mann der Wissenschaft beurtheilt wird, was für die Wissenschaft und die Stellung von Nachtheil war. Nur einer solchen Zeit der Noth und Bedrückung der Pharisäer durch die Amtshierachen, die Sadducäer, ist es (meiner Meinung nach) zuzuschreiben, dass das an Geist und Charakter hell strahlende Schulhaupt Hillel in grösster Dürftigkeit war und den Ertrag leiblicher Arbeit zur einen Hälfte auf das Studium, zur anderen auf den Lebensunterhalt verwendete176). Das war eine tragische Zeit, in der am nächtlichen Himmel der Verfolgung die Sterne der Wissenschaft geleuchtet haben, welche für das Handwerk und die gewerbliche Arbeit vorbildlieh geworden sind. “*) Almduh suruh 26b. '**) Jonia 83a (ii'Ascher). 1M) Chnlin 77a. '•7) Soferim 15,10. ’*“) Haha kauia 80a. 169) Ibid. 71b (bei Hunden), Chulin 42a u. f. 50a 11. f. 08a u. (. (Geburtshülfe). ״") Gittin 07b, Balm mrzia 6b. 1״) Kuba batlira 67b. '״) Machschirin 0,7. ״*) Kabbath 40b. *,4) Aboduh auruli 44a. ״*) Joma 72b. "*) Joniu 35b. Dieser traurigen Zeit möchte wohl der pharisäische Spruch zuzuschreiben sein: Iss trockenes Brod mit Salz, trinke kärglichen Trunk, dein Lager sei die Erde, dein Leben an Entsagung reich, der Wissenschaft geweiht. So erarbeitest du dir die seelische Wohlfahrt für diese und die ewige Welt177). Hoffen wir auf eine glückliche Zeit, in der die Söhne der Gotteslehre die Baumeister werden im Tempel der Wissenschaft, deren Krone der Friede ist178). Hoffen wir auf jene Wissenschaft, welche auch für den Fall der Krankheit oder des Alters ihres Getreuen, der edelste und beglückendste Beruf bleibt, in der Jugend Heil, im Alter Hoffnung bietet179). Zum Lobe des Allgütigen aber, der dem treuen Arbeiter den verdienten Lohn niemals versaget180), der aller Meister Meister ist181), wollen wir die Harfe an das Herz uns pressen und den Morgen der Kindheit in der Menschheit wieder erwecken188). Möge die Glaubensgenialität wieder erwachen, welche die Kunst der Wissenschaft zünde und wecke, welche auf der Stätte der Religion das Wort belebe, in Lieder überströme. Solche von den Lichtsäulen der Religion, Wissenschaft und Kunst getragene Stätte sittlicher Wahrheit und wahrer Sittlichkeit ist das Zion der Zukunft. Auf den Höhen dieses Heiligthums der Ideale soll, ich schliesse wie ich begonnen habe, der Segen der Natur und der religiösen Kunst erblühen. Dort sollen die Pforten sich öffnen, durch welche einziebt das Volk der Gerechtigkeit, welches den Glauben bewahrt. Dort sei das Lied gesungen: Der Glaube ist die feste Burg des Heils.188) Dort ende des Daseins, der Gesellschaft und der Völker Kampf. Dort werde gelehrt die göttliehe Wahrheit als der ganzen Menschheit erlösende Wahrheit. Dort ende die Noth, die Angst und die qualerpresste Arbeit. ״Jeder sitze gesichert unter seinem Feigenbäume und seinem Weinstocke. So spricht der Mund des Herrn!“184) Berichtigungen zur Biographie i. M. Wise’s*). Von Professor Dr. G. Deutsch in Cinncinati. Der am 26. März 1900 verstorbene Isaac M. Wi 8e hat als Rabbiner einer hervorragenden Gemeinde, als Redakteur zweier Wochenblätter, d§8 in englischer Sprache seit 1854 herausgegebenen ״The American Israelite“ und der seit 1855 erschienenen, in deutscher Sprache herausgegebenen ״Deborah“, ferner als Direktor des durch seinen Einfluss 1875 begründeten Rabbinerseminars (Hebrew Union College) und als Präsident des 1889 begründeten amerikanischen Rabbinerverbandes (Central Conference of American Rabbis,) einen so weitreichenden Einfluss geübt, wie sich dessen kein zweiter Rabbiner des neunzehnten Jahrhunderts rühmen kann. Sein am 13. März 1899 gefeierter achtzigster 7״) Pirke Aboth 6,4. 1״) Beraclioth 648 (Jesaja 11,54, 13). 9״) Soferim 16,1 (Kiduschin 82a). ״״>) Pirke Aboth 2,21. ״״) Suk kah 49b (Hohes Lied VII,2). 1M) Psalm 57,9. '״>) Jesaja 1,26,1 n. 2. '4״) Micha 4,1—5. *) Wise, Isaac M., Selected Writings with u biography by the editors David Philipsou und Louis Grossmunn. Cincinnati VI. 419 S. 8°.