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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 12. (1900) · p. Seite 92

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 12. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 92 (sequence 4)
Language
German
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92 beugsamen Rechtes zu Liebe gegen seine bessere Ueberzeugung;1 Ile persönlichen Rücksichten überwindet und dem Buchstaben des Gesetzes volle Geltung verschafft. Eine Schaar Böswilliger — referirt unsere Quelle*) — uni sich an Simon wegen der Hinrichtung der Hexen zu rächen, bezeugte vor Gericht, Simon s Sohn habe ein todeswürdiges Verbrechen begangen. Wie wohl von der Unschuld des Sohnes überzeugt, musste der Vater doch als der Vorsitzende des Synliedrions, das Todcsurtheil über seinen Sohn verhängen, weil die Zeugen ihrer lügenhaften Aussagen nicht überwiesen werden konnten. Als Simon s Sohn zur Richtstatt geführt wurde, wurden die Ankläger von seiner Unschuld gerührt und erklärten ihre Aussage ganz unumwunden für lügenhaft. Schon wollte Simon das Todcsurtheil auflieben und den Sohn zurückführen, als dieser dagegen protestirte. ..Mein Vater! soll er ausgerufen haben Willst du, dass das Heil Israel s durch deine Hand befestigt werde, so mache mich zur Schwelle!" d. 11. achte den Buchstaben des Gesetz.es, da der Widerruf des Zeugnisses nach erkanntem Urtheilsspruche nicht mehr angenommen wird. Die römische Sage weiss ihren Brutus nicht genug zu feiern, weil er sich übeVwindct. seinen als Verschwörer mit Recht vor der Anklagebank stehenden Sohn zu verurtheilcn. Reicht die Tliat des Brutus an die Simon s und seines edlen Sohnes heran? — Noch einen Vorfall wissen unsere Quellen ans dem Leben Simon ben Schetacli's zu erzählen, aus welchem klar hervorleuchtet, wie wenig Simon sich bei seinen Amtshandlungen von Leidenschaftlichkeit leiten liess. mochte seine persönliehe Aufregung auch noch so sehr provocirt worden sein. Eines Tages - berichten unsere Quellen**) — trat Simon heu Sehetuch in eine öde Stätte. Dort erblickte er einen Erschlagenen noch röchelnd, während ein Anderer mit einem noch von Blut triefenden Schwerte dabei stand. ,.So wahr ich auf Erlösung hoffe rief ihm Simon entgegen - du bist der Mörder. Allein was kann ich thunV Dein Leben stellt nicht in meiner Hand, da die Lehre verschreibt : ״Auf die Aussage zweier Zeugen soll der des Todes Schuldige hingerichtet werden. Aber er. der die Gedanken kennt, wird dich nicht ungestraft lassen." Noch verdient hier ein Vorfall erwähnt zu werden, der zwar der Zeit nach nicht mehr in die Tage der Salome Alexandra fällt, der uns aber gleichwohl sehr bedeutungsvoll erscheint, weil er den Standpunkt präcisiren hilft, weleben die Männer vertraten, denen Simon ben Schetacli’s Richtung massgebend war. Wahrlich, wenn man sieht, wie geklärt die Ansichten sind, welch(‘ dieser Simon sieh zu eigen macht, wie erhaben er dasteht, sieh trotz des eelatantesten Erfolges fern zu halten weiss vom Aberglauben seiner Zeit, wird man mit Recht zu aufrichtiger Bewunderung dieses grossen Mannes hingerissen. Unter Aristobul 11. so melden unsere Quellen***) — war das Land von unfruchtbarer Dürre heimgesucht. Schon ging die Regenzeit ihrem Ende *) Jcru-ilialiiii Svnliciliiii iV, .’>. p. 221». .lern-u-lialmi Sviihodri״ IV, II. p. 22b, Iwbli S.viiluMlrin 2<b, Tlnesi'fta Syalirdria c. VIII, 7, wo dieser Vorfall auf Juda bei! Tabbai xuriieki'efiilir: wird. *** Aul. XIV, 2. 1, babli Tliaauitli e. XII, jeruseh. Thaauith III.!1 -12 p. Cei 11. zu und noch immer versagte der Himmel dem trockenen Boden seinen fruchtbringenden Regen. Oeffentliches Beten und Fasten führte nicht zum gewünschten Ziele. In seiner Noth und Rathlosigkeit nahm das Volk zuin Kreisdreher Onias, dem Wunderthäter, seine Zuflucht. Onias flehte um Regen, aber der Regen blieb aus. Darauf beschrieb er einen Kreis, trat• in denselben und sprach: ,,Herr der Welt! Deine Kinder haben sich an mich gewendet., weil ich bei dir wie ein Sohn des Hauses bin. Tch schwöre bei deinem grossen Namen, dass ich diese Stell(* hier nicht verlasse, es sei denn, du habest Mitleid mit deinen Kindern". Einige Tropfen fielen hierauf vom Himmel. ״Nicht einen solchen Regen — lassen unsere Quellen den Onias weiter sprechen — habe ich von dir erfleht, sondern (‘inen Regen, welcher lüsternen, Brunnen und Höhlen füllt". Augenblicklich stellte sich ein furchtbarer Platzregen ein. ״Audi dies habe ich nicht verlangt — so lauten abermals des Onias Worte sondern einen Regen, welcher deine Fürsorge, dein Lob und deine Güte zeigt". Und nun gestaltet(' sich der Regen sofort zu einem fruchtbringenden und anhaltenden, so dass die Israeliten auf den Tempelherg flüchten mussten. Simon ben Schetach nahm aber keinen Anstand, das Verfahren dos Onias scharf zu tadeln. ״Wenn du nicht Onias wärest . liess er ihm sagen — wahrlich, du verdientest die Strafe des Bannes wegen deines anmassliehen Gebetes. Allein was kann ich tliun? Du spielst vor Gott wie (*in verzogenes Kind, welchem der Vater alle sein(‘ Wünsche erfüllt; denirbesser, es treten Jahre der Dürre (,in. wie in den Tagen des Propheten Elias, als dass das Volk zum Irrthum verleitet und der Name Gottes entweiht werde". — Wir haben diese Begebenbeiten der Reihe nach vorführen zu müssen geglaubt, um so einen richtigen Einblick in die Anschauungs- und Gesinnungsweise dieser Männer geben zu können, um den Geist und sittlichen Ernst zu begreifen, mit welchem unsere zwei Synhedrialhäupter ihr(‘ hohe Aufgab(* erfassten, um zu zeigen, dass sh* stets nur das unbeugsam(‘ Rocht vor Augen hatten und demselben willig ihre eigenen Interessen opferten, ja dass sie mit begeisterter Hingebung die Reorganisation des Judentliunis erstrebten. Aber ausserdem bergen diese Vorfülle manche bedeutsame Gesetzesbestimmungen in sich, welche seit jener Zeit sich Eingang und Geltung in dev Reehtspvaxis des jüdischen Gerichtsverfahrens verschafften. So resultirt aus dem Verfahren Simon ben Schetacli's gegen den Mörder, welchen er noch mit bluttriefendem Schwert(* beim Erschlagenen traf, der wichtig(* Rechtsgrundsatz: Zeugen, welche nicht mit eigenen Augen eine verbrecherische Tliat nusführeu sehen, dürfen Keinen auf ihre moralische Uoherzeugung und subjektiv(‘ Vermuthung hin eines Verbrechens bezichtigen. Wenn Juda ben Tabbai einen der lügenhaften überwiesenen Zeugen hinrichten lässt, wird bei dieser Gelegenheit der .Rechtsgrundsatz eingeschärft: Falsche Zeugen sind nur dann zu bestrafen, wenn sie alle der lügenhaften Aussage überwiesen sind. Wenn Simon ben Schetacli's Sohn gegen die Anullirung des über ihn verhängten Todesurtheils protestiert, so tritt hier der Rechtsgrundsatz in Kraft: Zeugen können die vor Gericht einmal abgegebene und rechtskräftig

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