Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 11. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 Jannai diu Alexandra erst beim Antritte seiner 27 Jahre dauernden Regierung• geelielicht hätte, konnte dieselbe, wenn sie ihren Gatten uni 9 Jahre überlebte, höchstens zwei Jahre bei ihrer Verlieirathung gezählt haben. Es scheint daher gerathen, Jost'8*) Vorschlag anzunehmen, die Alexandra etwa 20 Jahre und Hyrkan vielleicht 15 Jahre jünger werden zu lassen. Alsdann begreift man sehr wohl, dass Alexander seiner einsichtsvollen, 44 Jahre zählenden Frau die Krone überlässt, dass er sich nicht dazu entschliesst, dem ältesten, aber schwachen, kaum 17 Jahre alten Sohne die Krone zu vererben und noch viel weniger dem jüngeren, wenn auch ihm gleich gearteten, aber noch viel zu unreifen und hitzigen, vielleicht erst 15 jährigen Aristobul. Alsdann hat auch die oben erwähnte Klage der Alexandra, welche Josephus sie vor dem sterbenden Gatten erheben lässt, einen ganz verständlichen Sinn. Der träge Hyrkan und der heissbliitige Aristobul, beide noch nicht mannbar und gereift, waren allerdings ־rixva דtap’ dXXwv fiorjO-eia{ Seipeva. Uebrigens wäre dieser Fall nicht vereinzelt, wo Josephus in der Zahlenangabe ungenau und unzuverlässig ist. Den Herodes lässt er z. R. im Alter von 25 Jahren auch erst 15 Jahre alt sein. (Vgl. Hitzig, Geschichte der Israeliten p. 47(5 und ganz besonders Griitz, Geschichte der Juden III p. 151 Amu. das.) Wenn diese Berichtigung Platz greift, dann ist Salome Alexandra im 44. Lebensjahre zur Regierung gelangt und sie hat überhaupt im Ganzen ein Alter von 53 Jahren erreicht. Nur 9 Jahre (von 79—70 v. Ohr.) war die Königin Salome Alexandra berufen, an der Spitze des jüdischen Reiches zu stehen. Diese kurze Zeit schloss aber eine Reihe von glanzvollen Tagen in sich. Diese glorreichen Tage des jüdischen Reiches unter dem unmuthigen Scepter seiner einsichtsvollen Königin mahnten an die glücklichste Epoche des jüdischen Volkes, an die glorreichen Zeiten des davidischeu und salomonischen Königshauses. Diese Tage bildeten das freundliche Abendrotli, dessen das jüdische Volk sich zu erfreuen hatte, bevor die düstere Nacht seiner traurigen Leidensgeschichte anbrechen sollte, sie waren — wenn wir so sagen dürfen, — die Henkersmahlzeit, welche dem /.tun politischen Untergänge bestimmten Staate unmittelbar vor seiner Hinrichtung gegönnt war. Es waren unter dieser Königin in der That die Tage zurückgekelirt, in welchen — mit der Bibel zu reden — Jeder in seinem Weinberge und unter seinem Feigenbäume friedlich und sicher lagerte. Da gebührt denn der Königin, welcher es augenblicklich glückte, ruhige Tage und friedliche Zeiten über ihr Land zu bringen, unbedingt unser(“ Bewunderung. Denn wir dürfen nicht vergessen, wie die Verhältnisse sich gestaltet hatten, als Alexandra den königlichen Thron bestieg. Alexander Jannai war gestorben. Zwar hatte er nach Aussen hin das Reich erweitert und gekräftigt, zwar war es ihm gelungen, den Territorialbestand des Reiches zu vergrössern und demselben die Grenzen seiner rühmreichen Vorzeit wiederzugewinnen; aber die Wunden, welche dieser Fürst mit gewaltthätiger Faust seinem eigenen Lande geschlagen hatte, waten noch lange nicht vernarbt. Wie trostlos sah es im Inneren dieses •■*) Jost, Geschichte 1U‘r Israeliten I. Anhang p. 31. Landes aus! Gerade in den letzten Jahren seiner Regierung hatte Alexander es mit der mächtigen Pharisäerpartei ganz gründlich verdorben und sich durch unerhört grausame Verfolgung dieser Partei den wenig schmeichelhaften Beinamen des ״rohen Tliracier’s, des wilden Mörders"*) zugezogen. Sechs volle Jahre wüthete der Bürgerkrieg der Sadduciier mit dem König Jannai an der Spitze gegen die Phärisäer. Erst auf dem Sterbebette scheint Alexander zum Bewusstsein seiner verkehrten Handlungsweise gekommen zu sein und von dieser Stimmung beseelt, ertheilt er unseren Quellen zufolge seiner Gattin den Rath, die von ihm arg verfolgten Pharisäer wieder zu Ansehen zu bringen, namentlich aber vor den Heuchlern und Scheinheiligen beider Parteien gehörig anf der Hut zu sein.**) Diesen weisen Rath vollkommen ausgetiihrt zu haben, ist ein Verdienst, welches man unstreitig der Königin Salome zuerkennen muss. Wenn man bedenkt, welchem feinfühligen Takte diese Frau, welche beim Antritte ihrer Regierung in einer keineswegs beneidenswerthen Lage sicli befand, die Zeitverhältnisse zu würdigen weiss, mit welchem Geschicke sie den brennenden Tagesfragen der damaligen Zeit Rechnung zu tragen versteht, so erscheint es wohl gerechtfertigt, ihrem Andenken in der Geschichte mit Achtung zu begegnen. Hätte diese Königin blos die Gabe besessen, welche einem Augustus und Ludwig XIV. nachgerühmt wird, durch eigenen Scharfblick sich mit tüchtigen Männern und geeigneten Rathgebern zu umgeben, wahrlich sie verdiente schon deswegen allein unbedingtes Lob. Allein, wenn man gerecht sein will, wird man ihr ein thiit-iges und energisches Eingreifen in die Staatsgeschäfte wohl nicht absprechen können. Wenn man deu Josephus***) hört, gewinnt es den Anschein, als ob die Königin Alexandra sich alles faktischen Einflusses auf die Regierung zu Gunsten der an ihren Hof gezogenen Pharisäer begeben hätte. Doch will es uns bediinken, Josephus habe hier die Farben etwas zu stark aufgetragen. Es hat freilich seine Richtigkeit, dass Alexandra den von ihr begiinstigten und nun zu grosser Macht gelangten Pharisäern gegenüber sich zu weitgehenden Concessionen verstehen muss. Sie wird es übrigens gern gesehen haben, dass die bisher in Verbannung lebenden Pharisäer nun scharenweise in ihr Vaterland zurückkehrten. Dagegen kann sie, wenn sie es mit den das Volk vertretenden Pharisäern und dem den Pharisäern treu ergebenen Volke nicht verderben und die Ruhe des Landes nicht verscherzen will, den pharisäischen Machthabern, wenn auch vielleicht mit blutendem Herzen, die Forderung nicht verweigern, die Sadducäer zu schwächen, die Hauptanstifter der Pharisäerverfolgungen, namentlich den ihnen verhassten Diogenes jetzt zur Rechenschaft zu ziehen und überhaupt mit den gefährlichsten und verhasstesten Sadducäern jetzt Abrechnung zu halten. Nichts berechtigt uns aber, mit Josephus zu sagen, Alexandra habe nur den Titel der Herrschaft, die eigentliche Herrschaft hätten die damals übermächtigen Pharisäer besessen. Alexandra weiss sich vielmehr noch Selbständigkeit genug zu wahren. Wie Josephus *) Munk, 1‘uleHtine, p. 632 col. 2. Not«. ••) Ant. XIII, 16, 6 und babli So11111 22 b. *»*) Ant. XIII, 16, 2. B. J. I, 2.