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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 10. (1900) · p. Seite 78

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 10. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 Kritik und Tradition. Von Kirchenrnth I) r. T11. Kroner in Stuttgart. VII. Jesstfah, Kapitel 1. V. 8. כדיר נצורה. Diese Worte machen den Erklarem zn schaffen. Man kann wohl die Tochter Zion’s, das heisst die Stadt Jerusalem bezw. die Bergstadt, in dem vom Feinde eroberten und ringsum verwüsteten Lande wegen ihrer Vereinsamung mit einer ״Hütte am Weinberge“ oder ״eine;• Naclitlagerstätte im Gurkenfelde“ vergleichen; aber eine belagerte Stadt mit einer ״belagerten“ zu vergleichen, ist unverständlich. Das Targnm identificirt aber בת ציון nicht mit der Stadt Jerusalem, sondern mit der Zionsgemeinde und übersetzt כקרתא דציירין. Das Targum tliut dies ebenso an den Stellen: Jesaj. 1(5,1; 37,22; 52,2; Jerem. 4,31; 6,2; (5,23 u. s. w. Es übersetzt darum auch בקרתא דציירין?ןלה Das ganze israelitische Volk kann in seiner Vereinsamung und Unischliessung von lauter Feinden wohl mit einer belagerten Stadt verglichen werden. Dieser Auffassung schliesst sich auch Raschi an. Die ganze Schwierigkeit liegt nur in der Annahme dass zur Zeit, als der Prophet diese Worte redete. Jerusalem belagert gewesen sei. Lässt inan diese Annahme fallen und wendet sich der Annahme zu, dass wohl der Feind im Lande war, Verwüstungen in grosser Zahl angerichtet hatte, dass er Jerusalem näher kam und die sonst so volkreiche, so offene und verkehrsvolle Stadt, jetzt menschenleer, abgeschlossen und von Niemand aufgesucht war, so ist die Schwierigkeit gehoben und der Vergleich verständlich. Man braucht deshalb nicht mit Rauss und Stader in diesen Worten des Verses eine Glosse zu sehen. Es ist aber nicht nur der Vergleich an sich eine Schwierigkeit gewesen, sondern das Wort נצורה selbst. Cheyne leitet es von נצר ab und meint, dass man eine Bezeichnung erwarten sollte, die ״Wachthurm“ bedeuten müsste, dass die vorliegende aber nur ״bewachte Stadt“ zu verstehen und deshalb unverständlich sei. Er vermuthet dass hier ein anderes dem Schreiber anstössiges Wort gestanden habe und vielleicht עזובה gelesen werden müsste. Aber auch diese Schwierigkeit ist eine schon Dr. Kimchi bekannte gewesen. Er erklärt darum נצורה gleich Jesaj. 65,4 ומצורים ילינו und Jes. 49,6 ינצרי ישראל mit ״Ruine“. Das ״ צור צרר נצרumschliessen“ bedeutet und נצור nicht nur ein ״Bewachtes“ sondern ein ״Vereinsamtes, Abgesondertes“ bedeutet, zeigt deutlieh Ezech. 6,12. Dort heisst es והנשאר והנצור ברעב ימות. Demgemäss ist also נצור und נשאר synonym, sinnverwandt und bezeichnet hier eine dem Hungertode verfalleue Person. Man kann demgemäss hier wohl übersetzen ״wie eine eingeschlossene Stadt“. Cheyne hat auch den Text in Wirklichkeit nicht kritisch geändert. Grätz dagegen will parallel dein in V. 7 statt זרים gesetzten סדם in V. 8 statt נצורה das Wort עטרה setzen. Man muss aber gestehen, dass diese Veränderung weder philologisch noch ästhetisch eine Verbesserung wäre, ausserdem aber auch den Vergleich falsch machte. Die Stadt Amora ist mal zerstört worden, aber nicht ein Bild der von allen Seiten verlassenen Vereinsamung geworden. Darum bleibt die masoretische Lesung vollständig gerechtfertigt. Vers 9. כמעט. Cheyne will hier mit Buhl und Dahm ״kim’at“ nicht ״kim’ot“ lesen und das Wort zu כסדם ה״ינו ziehen. Dass die masoretische Abtheilung welche durch das Ethnach das Wort zu שריד zieht, unrichtig ist, beweist er nicht. Es wäre ein Streit hierüber auch ebenso wertlilos wie zwecklos. Vers 10 לראות. Statt des Infin. Nifal will Grätz, Cheyne wie andere den Infin. Kal. Die Begründung aber ist nicht ausreichend. Wenn der Besuch der Gottesstätte nicht als ein Sehen Gottes, sondern als ein Sich zeigen, als ein Gesehen werden anfgefasst wird, 80 ist das der pentateucliischen Auffassung entsprechend. In Exodus 34,23 heisst es: יראה כל זכירך את פני, das. 23,17 wohl אל פני aber sonst gleich; das. 34,25 בעלתד לראות את פני immer im Nifal. Dass hier statt את פני oder אל פני nur *פג steht, kann kein ausreichender Grund sein, um aus dem Nifal den Kal zu machen. So weit aber gar zu gehen und zu meinen, dass die ursprüngliche Lesung an allen diesen Stellen der Kal gewesen war und nur eine spätere scrupulöse Besorgniss statt des Kal hier den Nifal lesen wollte, um einen Anthromorphismus zu verhüten, wäre eine ganz und gar widerspruchsvolle Annahme. Denn König hat Recht, wenn er (Lehrgeb. II S. 313) sagt: Wenn die Tradition die Vorstellung ״sehen des Angesichts J.“ aus dem Alten Testament hätte austilgen wollen, so hätte sie ihre Verwandlungsarbeit sehr mangelhaft verrichtet. Dazu kommt noch, dass 1. Samuel 1,12 steht: ״Hanna ging nicht hinauf, denn sie sagte zu ihrem Manne, wenn der Knabe entwöhnt sein wird, dann will ich ihn hinbringen und ונראה את ה' יישב שם. Hier ist wohl kein Zweifel, dass das Wort ונראה auf Samuel allein sich bezieht und der Nifal ist. רמס חצרי, Diese Worte ändert Cheyne nicht; er rechnet sie aber nicht mehr zu Vers 13. Dadurch entsteht folgende Darlegung des Propheten: 12) ״Wenn ihr kommt, um vor mir euch zu zeigen (nach Cheyne: um mich zu sehen), wer hat dies von euch verlangt?“ 13) ״Meine Höfe zertreten sollt ihr nicht fürder, Gaben bringen, eitel ist Räucherwerk, Greuel ist es mir“. So umschrieben diese Emendation ist, da sie keinen Buchstaben ändert, sondern nur die masoretische Satzabtheilung, so ist sie doch für die Erklärung dieser ganzen Mahnrede von ausschlaggebender Bedeutung und will eine Stütze für die so oft aufgestellte Beliauptung sein, dass der Prophet ein Gegner des Opferkultus ist und dass die pentateucliisclie Opfergesetzgebung im Widerspruch zu der opferlosen Verehrung Gottes, wie der Prophet sie will, sich befindet, dass sich darum hier für das Recht, in der israelitischen Gesetzgebung eine Entwickelung anzunehmen, vom Heideuthum zum Gottesglaubeu und von diesem zum nachexilisclien Priester- und Opferkultus, eine Stütze ergiebt. Dass man von nichtjüdischer Seite gern den Propheten Jesaj ah zum Vertreter aller Cultlosigkeit machte, bezeugt schon die Antwort, die R. Akiba einst gab (Jalk. ham. S. 16) Wir wollen diesen Anlass nicht unbenutzt lassen und der Frage ins Gesicht sehen: Hat der Prophet Jesajali den Opferkultus als eine vom Ewigen nicht gewollte oder gar verworfene Art der

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