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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 8. (1900) · p. Seite 62

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 8. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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62 den Juden eine der gehässigsten und entsetzlichsten Anklagen ins Antlitz zu sohlendem. Aehnlich verhält es sich mit dem andern Ausspruche des R. Simon ben Jochai, welcher, aus seinem Zusammenhänge gerissen, sehr gravirend und verfänglich klingt. R. Simon ben Jochai, sagt wirklich (Jebamoth fol. 61 a): (*,אתם קריין אדם ואין הכותים (ע קרויין אדם (Baba mezia fol. 114 b). Bei welcher Gelegenheit sagt das unser Rabbi? Er vertritt die Ansicht, welche von der rituellen Norm übrigens nicht acceptirt ist, קבריעכו׳ס 1״ .אינם מטמאין באה־Auf Grabstätten der Heiden bezieht sich nicht, was man »levitisch verunreinigend« nennt“. Für diese Ansicht sucht er eine Stütze aus der hl. Schrift beizubringen. Nur an einer einzigen Stelle, IV'. B. M. 19,14, ist von טומאת מת ע״י אדל die Rede. Gerade da heisst es aber ganz allgemein אדם, nicht etwa 1ישראל. Um diesen Vers halachisch in seinem Sinne auszudeuten, war er genöthigt, das allgemein gefasste Wort אדם zu specialisiren und an dieser Stelle unter dem אדם des Satzes Numeri 19,14 aus- 8chlieslich Israeliten zu verstehen. Das und nur das besagt sein obiger Ausspruch; nicht ohne Grund wird hier urgirt אתם קרויין אדם. Damit erledigen sich auch die von Tossaphot Jebamoth 1. c. und an den Parallelstellen aufgeworfenen Schwierigkeiten. Was Verfasser $289 ausführt, ist nach unserem Dafürhalten ein kleines Meisterstück der halachischen Hermeneutik. Ueberaus klar und lichtvoll ist, was aus der Forderung לא תונו in civilrechtlicher, ethischer, halachischer Beziehung folgt. Es hiesse den Eindruck dieses vortrefflichen Excurses abschwächen, weilteil wir seinen Inhalt hier kurz skizzieren. Wir verweisen auf die Aufführungen des Buches in extenso. Zum ersten Male wird uns hier ein beträchtlicher Bestandtheil der Ethik des Judenthums in streng systematischer Form mul dabei doch in gemeinverständlicher, ansprechender, klarer Darstellung vorgeführt. An Versuchen, die Ethik des Judenthums darzustellen, hat es im Laufe der Jahrhunderte, bis in die Gegenwart hinein, nicht gemangelt. Warum diese Versuche mehr oder minder als verfehlt gelten müssen, wird in unserem Buche an zwei klassischen Beispielen nachgewiesen, an der Ethik, die der grosse Maimonides darstellt, und an dem Buche, welches vor mehreren Decennien Hirsch B. Fassei veröffentlicht hat unter dem Titel ״ צדק ומשפטDie mosaiseh-talmudische Tugend- und Kechtslelire, bearbeitet nach der philosophischen Tugend- und Rechtslehre des seligen Krug“. Dass Maimonides, der glühende Verehrer des Aristoteles, im Grunde die aristotelische Ethik bearbeitet, leuchtet wohl ein. Wir verweisen auf die Kritik, welche Verf. im Anhang Nr. 3 pg. 366 ff. an Fasseis Buche, sowie ib. Nr. 14 pg. 386 ff. an der Ethik des Maimonides übt. Während die aristotelische Ethik in der Politik ihren Ausgangs-, Quell- und Zielpunkt findet, ist der Kernpunkt der Ethik des Judenthums: ״Suchet heilig zu werden!“ Daraus folgt, dass die Ethik nach jüdischer Auffassung den Höhepunkt der religiösen Anschauung, Entwickelung und Bildung bedeutet. Wie Verf. Eduard v. Hartmann (§ 92 pg. 97 ff.) abweist, muss man an Ort und Stelle nachlesen und nach Gebühr würdigen. Hartmann bestreitet den Bekennern der positiven Religionen die Möglichkeit, die exakte Ethik auszubauen, weil nach H.'s Annahme die ethischen Forderungen nicht autonom, wie Kant vorschreibt, sondern het.eronom erfolgen, d. h. weil die sittlichen Werke nicht um des Guten selbst willen, sondern lediglich im Aufträge des göttlichen Gesetzgebers im Hinblicke auf Lohn oder Strafe aiisgeführt. werden. Wie eigenartig die Ethik des Judenthums sich gestaltet, wie sie nicht nur neben jeder, wenn auch noch so hoch entwickelten Ethik ihren Platz behauptet, sondern sie sogar in wesentlicher Hinsicht überragt, das rückt Verf. oft in glänzende Beleuchtung. Wie richtig bemerkt z. B. unser Buch ($ 36 pg. 38); ״Das cultivirte Europa lernt das Institut der Volksküche um die Mitte des 19. Jahrhunderts kennen; im Talmud finden sich aber bereits genaue Vorschriften über Rechte und Pflichten der Doppeleinrichtung der Tamchuj und Kuppah, in deren einer dem Armen täglich gekochte Speisen dargeboten werden, während die andere (offenbar für den Verschämten) unbereitete Nahrungsmittel einmal wöchentlich gewährt!“ Man halte ferner einmal die Anschauung des Aristoteles der jüdisch-ethischen Auffassung gegenüber, welche unser Buch (§ 186 Anm. pg. 201) registrirt mit den Worten: ״Aristoteles rechtfertigt das Institut der Skiaverei damit, dass die Herren der Müsse bedürfen und darum Leute da sein müssen, welche alle Arbeit thuen. Die hl. Schrift aber will die Müsse als Bedingung eines — kurz gesagt — höheren Lebens gerade deshalb gesetzlich befestigen, damit Alle, welche am Werktage arbeiten — und auch für den Herrn gilt ja das: 6״ Tage sollst du arbeiten!“ — also auch Knecht und Magd und Fremdling einen Ruhetag haben und des Segens der Müsse theilhaftig werden“. Mit Recht wird in unserem Buche nachdrücklich auf gewisse hohe ethische Anschauungen hingewiesen, welche nur das Jndenthum kennt. Dahin gehört z. B. ״Sechus Aboth“. זנות אבות.׳ — sagt der Verf. (§ 30 pg. 28) — wird in specifisch-jüdischem Sinne ausgebildet und hat seines Gleichen bei keinem andern Volke“. Ueber die Bedeutung und ihren ethischen Werth spricht sich unser Buch im Anhänge Nr. 453 pg. 436 ff. aus. Wie tief diese ethische Anschauung im Herzen Juda's wurzelt, beweist der Umstand, dass die Liturgie in den täglichen Gebeten an זכות אבות appellirt. Erinnert sei an die erste der 18 Eulogieen זוכר חסדי אבות an die Stelle בעבור אבותונו שבטחו בך ונר (in Ahawa rabba). Dass die religiösen Handlungen, welche dem gewissenhaften Israeliten auf Schritt und Tritt im Leben von der Wiege bis zum Grabe zur Pflicht gemacht werden, Hebel der Sittlichkeit sein und im Dienste der Ethik des Judenthums stehen sollen, unterliegt keinem Zweifel. Verf. sagt (§ 20 pg. 23): ״Alle religiösen Gebräuche haben symbolische Bedeutung; sie sind Symbole von religiösen, aber weitaus am meisten von ethischen Ideen“. Vom Gesichtspunkte der jüdischen Anschauung aus lässt sich der Gegensatz zwischen religiösen uud ethischen Ideen nicht construiren. Dem Judenthume sind auch die ethischen Ideen religiöse Gedanken, allerdings religiöse Gedanken in höchster Potenz. Es befremdet uns, dass der Verf. in dem Gebote der Schaufäden nicht ein Symbol, sondern nur ein einfaches psychologisches Mittel der Erinnerung erblickt (cfr. § 204 Anm. pg. 222). Schliesst aber eines das andere aus? Wir meinen das Gebot der Schaufäden veranschauliche auch auf dem Wege des Symbols religiös-ethische Ideen. Die Fäden an den vier Ecken weisen symbolisch auf die vier Himmelsrichtungen hin. Die weisse und blaue Farbe dieser Fäden veranschaulicht im Symbol den Himmel, in welchem Gott thront und die ethische Forderung der Reinheit und Lauterkeit der Menschen. Sehr schön sagt der Verf. (§ 259 pg. 312): ״Heilig in der Einzahl ist nur Gott“. — — — ״Die Forderung aber: ״ihr sollt heilig sein“ u. 8. w, wendet sich in der ganzen Bibel nicht ein einziges Mal an den Mensehen in der Einzahl“. So apodiktisch hätte Verf. diese These nicht aussprechen sollen. Er ist doch selbst in der Lage (cfr. Anhang Nr. 42 pg. 432 ff.), seine Aussage einzuschränken. Der locus communis, die Ausnahme bestätige die Regel, vermag doch nicht zu befriedigen, ebensowenig, wie der Hinweis, dass II Kön. 4,9 der Ausspruch aus dem Munde eines Weibes komme. Trotz der sehr beachtenswerthen Auseinandersetzung des Verf. ist der Begriff der Heiligkeit und Heiligung nach jüdischer Anschauung noch nicht zur Genüge geklärt. Hier haben wir ein schwieriges, immer noch zu lösendes Problem vor uns.

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