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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 8. (1900) · p. Seite 59

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 8. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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59 wahren Gottesbegriff festzustellen, nach welchem Gott nicht bloss Repräsentant des allgemeinen Naturgesetzes, sondern zugleich Repräsentant des Individualismus ist. Gerade die Bezeichnung des Tetragrammaton macht ganz zweifellos das charakteristische Merkmal des Mosaismus aus; die Schrift sagt es selbst, dass er mit Mose erst in s Leben getreten und sogar den ersten Patriarchen unbekannt geblieben war, (2. B. Mos. 6, 3). Die ״dreissig Silberlinge“. Die alten Christen deuteten bekanntlich Zacharia 11.12—13 auf die Leidensgeschichte Jesu1). Denen gegenüber gaben die Juden, wie Hieronymus mittheilt, eine malitiöse Erklärung der: ,,30 (dreissig) Silberlinge“. Als auf eine derMittheilungdes Hieronymus entsprechende polemische Agada, verweist der selige Grätz in seinem bahnbrechenden Artikel: ״Agadische Elemente bei den Kirchenvätern“2) auf die Deutung Ulla’s (Chullin folio 92 a) wonach die ,,dreissig Silberlinge“ sich auf die ״dreissig Gebote“ beziehen, welche die Noachiden auf sich genommen, von denen sie aber nur drei befolgen. Worauf die Behauptung Ulla’s, dass die Noachiden dreissig Gebote auf sich genommen, beruht, wusste weder Raschi noch der selige Dr. M. Joel3). In meinen Anmerkungen zum ספר תשובת הנוצרים des ״B. Benjamin b Mosche aus Rom“ Seite 47 No. 43 habe ich auf die ..pseudoclementinischen Recognitionen“ IV,30 hingewiesen, wo Petrus in seiner Rede in Tripolis sagt, dass es 3 Grade der Gebote gebe, der erste Grad enthalte 30, der zweite 00 und der dritte 100 Gebote. Hieraus folgt, dass in den betreffenden christlichen Kreisen die Tradition vorhanden war, dass jeder Christ wenigstens dreissig Gebote beobachten müsse und dass sich in den Händen der betreffenden Christen Formulare der dreissig Gebote fanden, von wo aus auch die Rabbiner davon Kenntniss erhielten, dass die Apostel den Christen dreissig Gebote gegeben hatten. Wie ich nun nachträglich sehe, findet sich die betreffende Tradition auch in den kanonischen Schriften des N. T. angedeutet, in der bekannten Parabel vom Sämann. Matth. 13, 3 ff., Mark. 4, 3 ff. Lukas 8,5 vergleicht Jesus sich mit einem Sämann und sein ״Wort“ mit den Saatkörnern, von denen manche verloren gehen, aber doch ein Theil ״auf gutes Land fällt und Früchte bringt“ und zwar das eine dreissig, das andere sechzig und ein anderes hundertfältig. ״Der, bei welchem auf das gute Land gestreut ist, das ist der, der das Wort hört und versteht, der dann auch Frucht bringt und trägt, der eine hundertfältig, der andere sechzig-, der andere dreissigfältig“ (Matth. 13,23; Mark. 4,20). Man braucht nur die fragliche Stelle aus Recognitionen IV,36 mit Matth. 13,8;23; und Markus 4,8;20 zusammenzustellen, um zu erkennen, dass die neutestamentlicken fraglichen Verse gleichfalls die altchristliche Tradition reflektiren, dass die Apostel drei Grade von Geboten ') Cfr. Matth. 26, 16; 27, 9. *) Frankel Monatsclift. 1866 8. 191. •) ״Einige Notizen“ u. s. w. (Souderabdruck aus der ״Jubel- Schrift zum siebzigsten Geburtstag des l’rof. Grätz“ Note Seite 4—6. angeordnet hatten, der erste Grad mit 30, der zweite mit 60 und der dritte Grad mit 100 zu befolgenden Geboten. Beachtenswerth ist auch das Verhältnis der Evangelisten zu dieser Tradition. Während das aus judenchristlichen Kreisen hervorgegangene Evangelium des Matthäus in erster Reihe den hundertfältigen Ertrag nennt, ist bei dem gemässigten Pauliner Markus die Reihenfolge: 30, 60 und 100 und bei dem radikalen Pauliner Lukas ist die fragliche Tradition gänzlich verwischt und er nennt bloss, in Erinnerung an 1. Buch Moses 26, 12: ״hundertfachen Ertrag.“ (Lukas 8,8), ״Diejenigen, welche mit rechtschaffenem Herzen das Wort, das sie gehört, festkalten und fruchtbringen in Beharrlichkeit“. (Lukas 8, 15). Da mir die exegetische Litteratur zu den neutestamentlichen Schriften hier nicht zu Gebote steht, so weiss ich nicht, ob nicht Jemand schon im obigen Sinne die fraglichen Verse erklärt hat; um dies zu erfahren, ist Zweck der Veröffentlichung der obigen Auseinandersetzung4). Dr. Goldfaku. שמא ודילמא. Diese beiden Ausdrücke zählen zu der grossen Menge von Wörtern, für die man zwar eine Erklärung gesucht und gefunden hat, ob sie aber die richtige ist, kann man nicht mit Bestimmtheit behaupten. Besonders die Uebersetzungen beider Ausdrücke sind durchaus ungenau d. h. nicht wortgetreu, sie geben nur den Sinn wieder. Auffallend ist ausserdem, dass man דילמא ausser der mit שמא gemeinsamen Bedeutung ״vielleicht“ auch noch die Uebersetzung ״damit nicht, sonst“ beigelegt hat, ohne eine Begründung dafür zu haben. Zum besseren Verständniss der beiden Ausdrücke mögen hier klar und übersichtlich die bisherigen Erklärungen folgen. Zunächst דילמא. Dieses Wort führt ״Aruch“ auf das syrische דלמא zurück und übersetzt es kurz mit ״vielleicht“, für das Wort שמא giebt er zwei Erklärungen ab, woraus doch deutlich hervorgeht, dass er zwischen zwei Ableitungen schwankt. Das eine Mal sucht er dieses Wort folgendermassen zu erklären. שמא, entstanden aus שלמא, welch letzteres durch den bekannten Wechsel von S- und T-Laüten gleich דלמא wird. Auf diese Weise hat er auch שמא auf das Syrische zurückgeführt und übersetzt es infolgedessen ebenso wie דילמא mit ״vielleicht“. Das andere Mal erklärt ״Aruch“ das Wort שמא aus דמאי ״Zweifelhaftes“ und übersetzt es daher ״möglich, dass“ vielleicht“. Der einen oder anderen dieser beiden Erklärungen schliessen sich die übrigen Grammatiker und Lexikographen an. Ich will es nun versuchen, eine einfache etymologische Erklärung der beiden Ausdrücke und eine wortgetreue Uebersetzung zu geben. Es sei kurz erwähnt, dass beide Ausdrücke 1) ein und dieselben Wörter sind, nur mit dem Unterschied, dass das eine der rabbinischen, das andere der chaldäischen Sprache angehört, 4) Auf die Kahlen 30, 60 und 100 und deren Hcdeutu 11)׳ in dem rabbinischeti Schriftthume komme ich in einem späteren Artikel noch besonders zu sprechen.

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