Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 5. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
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39 Nachdem ein solches Werk wie der Talmud abgefasst war, ging das ganze Bestreben der Folgezeit dahin, es zu verstehen, nicht mehr hinzuzufügen. Die Gaonim38) verfassten daher Commentare zu verschiedenen Traktaten; keiner jedoch erstreckte sich in genügender Weise über den ganzen Talmud; die Einen binderte ein zu kurzes Leben daran, die Andern allzugrosse Amtsbeschäftigung. Viele von ihnen verfassten schon Schriften, in welchen sie (theils in arabischer, theils in hebräischer Sprache) die Halachot für die Praxis fixirteu39). Am umfangreichsten ist in dieser Beziehung die flalachasaminlung des R. Jizchak (Alfassi), welche alle noch jetzt anwendbaren Gesetze umfasst40). Maimonides ist jetzt in der Geschichte der Tradition bei sich selbst augelangt. Für uns, die wir wissen, wie epochemachend seine Erscheinung in derselben geworden, ist es interessant, den spätem Autor des Mischne Thora und des More hier in seiner Entwickelung vor uns zu sehen und ihn Ursache und Plan seines Werkes vorlegen zu hören Er beginnt also: ״Als nun die Reihe an uns kam. ermannten wir uns und durchforschten mit grossem Fleiss und Eifer alles Vorhandene Ich sammelte hierauf Alles, dessen ich von den Erklärungen meines Vaters nur habhaft werden konnte, auch die von Andern, von R. Joseph ha Levi (Migasch), einem der tiefsten Denker und erleuchtetsten Köpfe im Talmud; sammelte auch, was ich in seinen Schriften von fixirton Ralachoth fand und verfasste nach meinen schwachen Kräften einen Talmudcommentar zu den drei Ordnungen, Moed, Naschim und Nesikin (mit Ausnahme von 4 Traktaten, die ich jetzt bei mehr Müsse zu commentiren gedenke), ausserdem noch zu dem einzelnen Traktat Chullin. des grossen praktischen Bedürfnisses wegen. Nach dem Allen schien es mir aber nöthig, einen Commentar zur Mischna zu verfassen.“ ״Was mich dazu veranlasst, ist der Umstand, dass der Talmud die Mischna in fast willkürlicher Weise erklärt, er nimmt zu viel Voraussetzungen an, schiebt ihr neue Grundsätze unter, supplirt ganze Fälle, streicht oder fügt manches Wort hinzu — kurz er deutet in die Mischna hinein.“ Mit diesen Worten hat Maimoides allerdings die Mängel des Talmuds als Mischnacommentar angegeben; was heute jedem Talmudkuudigen klar, von Maimonides aber wohl zuerst ausgesprochen worden ist. Freilich hat er dabei den wichtigsten Umstand ausser acht gelassen, dass der Talmud sich gar nicht die Aufgabe gestellt hat, ein Commentar zur Mischna nach unseren Begriffen zu sein. Der Talmud wollte die Mischna nicht blos erklären, sondern sie auch weiter fortbilden; Erklärung und Fortbildung sind in ihm vermischt; insofern er Erklärung ist, ist ihm Maimonides in seinem Mischnacommentar — wie er später selbst sagt — gefolgt; die Fortbildungen da- ״“) Die Suburäer-Epoche übergeht Maimonides mit Stillschweigen, — nicht so Schrira in seinem Sendschreiben. י׳") Als solche nennt er die וזוכות גרומות, ferner die ה^נות קטנות (wofür I’ococke תליכות קטועות seutentiae dneisae hat, שסק קטע), ferner ה^כר שסוקות, die Halachoth des li. Achn aus Schahclia 11. a. *°) Alfassi, sagt er, berichtigte viele lrrthüiner, die er l)ei seinen Vorgiingern in haluch. Beziehung gefunden; er selbst habe nur au wenigen Stellen, höchstens 10, das richtige verfehlt. gegen hat er in seinem Jad hachasaka codificirt. Maimonides gedenkt darum einen Commentar im strengen Sinne des Wortes zur Mischna zu schreiben (den vierfachen Nutzen, den er sich davon verspricht, haben wir oben S. 38 schon angegeben.) ״Mein Zweck bei der Abfassung dieses Werkes, sagt er weiter, ist, die Mischna nach dem Vorgänge des Talmuds zu commentieren 41); ich wähle nur die wirklichen Erklärungen desselben, verwerfe dagegen alle, welche der Talmud selbst widerlegt oder unberücksichtigt lässt, gebe die Prinzipien der Streitenden und schliesslich das endgültige Resultat — Alles im Sinne des Talmuds — an. ״Ich werde mich eines gedrängten Styles befleissen, um den Leser nicht zu verwirren; wir sprechen ja zu mit Vernunft begabten Wesen, nicht zu Steinen. Ich schicke meiuer Erklärung jedesmal den vollständigen Text der Mischna voran; selbst einer solchen Mischna (oder ״Halacha“, wie er nach dem Vorgänge des paläst. Talmuds einen einzelnen Paragraphen richtig nennt), die ich ihrer Einfachheit wegen unerklärt lasse ״Wolle Gott uns stets die Wahrheit finden lassen und vor Irrthümern bewahren!“43) _ (Schluss folgt.) Kritik und Tradition. Von Kirchenrath D r. Th. Kroner in Stuttgart. VI. Jesajah, Kapitel 1. Vers 3, ישראל לא ידע. Grätz verbessert ידע in ידעני. Cheyne thut dies nicht. Was Grätz zur Verbesserung veranlasst haben mag, ist wohl der Mangel eines Objectes in dem zweiten Teile des Verses, entsprechend den Objecten im ersten Teile קונהו und אבוס בעליו• Es ist aber Cheyne beizustimmen, dass er hier durchaus nichts Verbesserungsbedürftiges findet. Denn das Object ist im ersten Halbverse gegeben, und der Sinn ist klar: Der Ochs kennt seinen Besitzer, Israel kennt seinen Besitzer nicht. Auch das Targura zeigt mit seiner Paraphrase, dass es in seinem Urtexte kein besonderes Objectwort gehabt bat. Auch hat dei Prophet im ersten Theile des zweiten Halbverses dasselbe Prädicat gewählt ידע, wie im ersten Theile des des ersten Halbverses; er will darum gerade das Object קונהו auf Gott angewendet sehen, und hat darum kein anderes Objectwort gewählt, um zu zeigen, dass selbst die naheliegendste Auffassung von Gott als dem Wesen, das ein Eigenthumsrecht an der ganzen Welt, an jedem Geschüpfe, ganz besonders an Israel, das nur er allein ins Daseiu gerufen hat, den Israeliten abhanden gekommen ist. Dass ihnen ein tieferes Verständniss des erhabenen Wesens abgeht, dass sie nicht das grosse Erziehungswerk Gottes verstehen, das hat er in Vers 2 schon in erschütternder Weise zum Ausdrucke gebracht. Der Prophet hätte jenen zweiten schwereren Vorwurf nicht so scharf zum Ausdruck gebracht, wenn er ידעני statt ידע gesagt hätte, weil dadurch gerade Gott als קונה Israels nicht hervorgehoben worden wäre. (Fortsetzung folgt). 41) Mitn sieht also, dass er die Erklärungen des Talmuds an sieh für massgebend hält, und dass seine Ausstellungen nur der liiterpretntionsweise galten. ״) Die Schlussworte רס ונשא Sa stehen in der ed. Poe. nicht.