Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 5. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Litteratnrbericht. Recensionen. Horovitz, Dr. 8., Die Psychologie bei (len jüdischen Religions-Philosophen des Mittelalters von Saadia bis Maimuni. Breslau 1900. Heft I.: Die Psychologie Saadia's, 75 S. Heft II.: Die Psychologie der jüdischen Neuplatoniker: A. Die Psychologie Gabirols, 70 S. Besprochen von Uabl). I)r. B. Seligkowitz in Coethen. Während die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters durch die umfassenden Arbeiten von Munk, Joel, Kaufmann, Guttmann 11. A. vielfach behandelt worden ist, hat es bis jetzt an einer systematischen Darstellung des Entwickelung8ganges, welchen die Psychologie bei den jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters genommen, wie dieselben die psychologischen Probleme und I.׳ehren des Alterthums aufgefasst und weiter entwickelt, wie sie dieselben mit den Lehren der Schrift in Einklang zu bringen gesucht haben, gänzlich gefehlt. Zwar werden in den genannten religions-philosophischen Arbeiten gelegentlich auch einschlägige psychologische Fragen herangezogen; jedoch eine systematische Darstellung haben wir bis jetzt vermisst. Dieser Arbeit hat sich der Verfasser unterzogen, und hat derselbe dieses, wie aus den beiden vorliegenden Arbeiten zu ersehen ist, in sachkuudiger und durchsichtiger Weise gethan. Es liegt diesen Arbeiten ein ausserordentlich ileissiges Studium der so weit verzweigten hergehörigen Litteratur zu Grunde, sowohl der jüdischen Religions- Philosophie, als auch der Philosophie des Alterthums. Was zunächst die Darstellung des Psychologie Saadia's betrifft, so hat sich Verfasser nicht nur auf das philosophische Hauptwerk desselben beschränkt, in welchem die Grundzüge seines psychologischen Systems im Zusammenhänge entwickelt sind, sondern er hat auch die einschlägige Litteratur aus seinen Commentaren zum Jezirah-Buche und zu den Sprüchen herangezogen und die scheinbaren Widersprüche auf geschickte Weise zu lösen gesucht. Allerdings ist bei Saadia an ein selbständiges System der Psychologie nicht zu denken. Vielmehr stossen wir in seinem psychologischen System bald auf Aristoteles, bald auf Plato und den Neuplatonismus, bald auf eine Verschmelzung zweier philosophischen Theorien. Jedoch verdienen die Ausführungen Saadia's, die gegen die Grundanschauungen der Gegner gerichtet sind, hohes Interesse, da dieselben von der Klarheit seines Denkens, als auch von seiner selbständigen unbefangenen Auffassungsweise genügend Zeugniss ablegen. Schon die Gruppirung des Stoffes und die Behändlung der psychologischen Probleme lassen deutlich den Aristoteles durchblickon. Wie Aristoteles eröffnet Saadia seine Abhandlung mit der Frage über das Wesen der Seele. Die verschiedenen von Saadia abgelehnten Theorien über das Wesen der Seele bringt der Verfasser, um den Stoff übersichtlicher zu gestalten und die Tendenz des Philosophen schärfer hervortreten zu lassen, unter drei Hauptklassen. Der leitende Gesichtspunkt seiner Polemik ist nämlich, die Substantialität, die Uukörperlichkeit und die Einheit der Seele festzustellen. Was nun die Substantialität der Seele betrifft, so weist Verfasser mit Recht nach, dass Saadia die Mitte hält zwischen Aristoteles und Plato. Seine Annäherung an Aristoteles ist bei Saadia in sofern zu finden, als auch nach Saadia die Seele das formende und bewegende Princip des Körpers ist, an Plato wiederum in sofern, als die Seele nicht eine untrennbare ״Entelechie“ des Körpers wäre, Bondern eine für sich bestehende Wesenheit, von Gott zugleich mit dem Körper geschaffen. Allein obschon Saadia die Seele für eine vom Körper ganz unabhängige Substanz erklärt, 80 kann er doch zur vollen Immaterialität und Reingeistigkeit derselben sich nicht verstehen. Die Seele ist ihm ein zarter, dünner, subtiler, ätherähnlicher Stoff, wie die Himmelssphären, nur noch reinerer und feinerer Natur als diese. — Diese Ansicht von der Beschaffenheit der Seele wäre allerdings eine Inkonsequenz in den Folgerungen Saadia's, da er Anfangs für die Unkörperlichkeit der Seele eintritt. Diese Inkonsequenz in den Ausführungen Saadia’s sucht Verfasser zu beseitigen durch die Unterscheidung zwischen Incorporeität und Immaterialität, sodass Saadia der Seele die erstere aber nicht die letztere abspricht. — Allein er liesse sich nach unserer Ansicht dieser scheinbare Widerspruch insofern viel leichter heben, wenn wir bedenken, dass in der neu-platonischen Philosophie die Ausdrücke, ״lichtartig“, ״durchsichtig“ auch auf die intelligible Welt angewandt werden. Ueberhaupt vermochten sich die alten Philosophen bekanntlich zu einer vollständigen Immaterialität nicht emporzuschwingen. Bei Saadia kommt noch der Umstand in Betracht, dass er sich an Aussprüche der Schrift anlehnte, wo die Vergleiche mit dem Lichtartigen gebraucht werden. Hatte nun Saadia hinsichtlich der Substantialität der Seele die Mitte zwischen Aristoteles und Plato gehalten, 80 folgt er in seiner Erörterung über die Einheit der Seele lediglich der platonischen Ansicht. Wie Plato unterscheidet er drei Grundvermögen: die Begierde, den Mut und die Vernunft. Dem untersten Vermögen entspringen die niederen sinnlichen Begierden, dem mittlern Vermögen die hohem und edlem Affekte; die Vemunftkraft 8011 die beiden andern Vermögen in ihrer Bethätigung überwacheu und regieren. Diese drei Vermögen wurzeln in einer Substanz, das zeigt schon die Schrift an, in dem sie sich für die Seele verschiedener Namen bedient. Eine grosse Schwierigkeit bietet das Kapitel Uber das Centralorgan der Seele. Während Saadia in seinem Hauptwerke, der aristotelischen Ansicht folgend, das Herz als das Centralorgan der Seele bet)achtet, wofür ihm ausser den Vernunftgründen, auch der biblische Standpunkt massgebend ist, nach welchem Herz und Seele als verwandte Begriffe behandelt werden, erfährt man aus einer Stelle seines Commentars zu den Sprüchen, dass Seelenthätigkeit in das Gehirn localisirt wird. Allerdings sind es die höherenErkenntnissquellen,welche nach dem Commentar im Gehirn zu suchen sind, während das Herz als der Sitz der niederen Seelenfunktioneu, wie Wahrnehmung, Bewegung, zu betrachten ist. Allein soweit ist aber auch die Einheit der Seele in Frage gestellt, da er uns im Dunkeln lässt, wodurch die Verbindung zwischen Herz und Gehirn hergestellt, in welcher Weise die Simw•»* Wahrnehmung dem Denken zugeführt werde. Zu der Annähme aber, Saadia habe inzwischen die aristotelische Ansicht in seinem Hauptwerke über das Centralorgan der Seele verlassen und sich der Anschauung Galens angeschlossen, sind wir, wie Verfasser mit Recht meint, nicht I berechtigt. (Fortsetzung folgt.) Bdcherschau und Litterariache Anzeigen mussten Raummangeln wegen aurUckbleiben. Inhalt der No. 5. Wissenschaftliche Aufsätze: Petöfl und das Judeuthum. Von Dr. S Nascher. — Chronik der Synugogeu-Gemeinde Sohrau (Schluss). Von Rabbiner Dr. I. Deutsch. — Zum Mischnacommentar des Muimonides V. Von Dr. M. Rahiner. — Kritik und Tradition IV. Von Kirchenrath Dr. Krön er. Recensionen: Horowitz, I)r. 8 , Die Psychologie bei den jüdischen Religions-Philosophen des Mittelalters von Saudis bis Maimuni. Von Rabbiner Dr. Seligkowitz. _ Verantwortlicher Redactenr: Rabbiner Dr. M. Rah me r, Magdeburg. — Druck von Leistner & Drewfs, Magdeburg.