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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 5. (1900) · p. Seite 36

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 5. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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315 ehrten Vaters. Dr. Immanuel Deutsch bekleidete *׳,egen 23 Jahre dieses Amt*). Die jüdische Schule. — Ueber die Schulverhältnisse Hesse sieh viel, aber im Ganzen wenig Erfreuliches sagen. — Das Urbariuin der Stadt Sohrau erwähnt im Jahre 1750 eine jüdische Schule. Dabei ist jedoch au eine jüdische Volksschule im modernen Sinne nicht zu denken. Die Aufsichtsbehörde nimmt fast ein halbes Jahrhundert lang, vom Jahre 1807 bis zum Jahre 1855, ein sehr actuelles Interesse an den jüdischen Schulen und jüdischen Lehrern in Sohrau. Man empfängt den peinlichen Eindruck eines Kulturkampfes im Kleinen, wenn man die verschiedenen Wünsche, Beschwerden und Bemängelungen der Aufsichtsbehörde würdigt. Es handelt sich hier durchgehemls um jüdische Privatschulen Die Behörde hat allerlei, zumeist wohl gerechtfertigte Bedenken gegen die pädagogische Qualifikation der ungeprüften, jüdischen Privatlehrer, deren positive Kenntnisse in den Profaufiichern des Oefteren grössere Lücken aufweisen mochten. Es macht einen deprimirenden Eindruck, wenn man zu hören bekommt, am 23. September 1812 habe Kaplan Krebs die drei jüdischen Lehrer im Aufträge der Behörde geprüft, Lehrer Schlesinger habe die Prüfung bestanden, Lehrer Schiller habe zur Nachprüfung sich verpflichten und Lehrer Abraham den Unterricht einstellen müssen. Iin Jahre 1824 werden gar die Brüder Eleasar und Simon Simenauer wegen unbefugten Unterrichtens bestraft. Im Jahre 1828 werden die Privatlehrer Herzfeld und Wallbach nach Oppeln zur Ablegung der Lehrerprüfung berufen, eiue Aufforderung, welcher sie nicht entsprachen. Im Jahre 1833 muss sich bei den jüdischen Hausvätern der Gemeinde ein sehr reges Bildungsbedürfniss geltend gemacht haben. Der durch litterarische Arbeiten vortheil hilft bekannte Lehrer Saloinou Heilberg wurde mit einem Jahresgehalt von 300 Thaleru an die Spitze der jüdischen Schule berufen. Ihm zur Seite standen die Hülfslehrer Fraenkel und Glücksmann. Ln Ganzen waren damals (5(! Kinder, meist Knaben, zu unterrichten. Alle diese Austeilungsacte trugen nur privaten Charakter und fristeten darum nur ein kurzes, um nicht zu sagen ephemeres Dasein. Darum wechseln die Namen der Lehrer häutiger, als die Jahresdaten, und darum begegnen wir einem embarras de richesse an Lehrkräften, der auf den eisten Blick sehr frappirt. So wird im Jahre 1843 Lehrer Wachsmann an die jüdische Elementarschule berufen. Neben ihm wirkten nicht weniger als drei andere Lehrer Cohn, Fraenkel und Karfunkel. Eine Wandlung zum Bessern trat erst im Jahre 1850 ein, als die Ge- *) Die Verödung und Verarmung der Gemeinde, welche fast in geometrischer l’rogression durch den Tod oder Wegzug nach grossen •Städten die leistungsfähigsten Mitglieder suceessive verlor, ohne uucli mir annähernd Kraut z zu linden, legte dem letzten Knb biner den Gedanken nahe, sein Amt unter diesen traurigen Verhältuissen aiifzugeben. Am I. April 18!M schied er schweren Herzens aus der ihm überaus theureu Gemeinde. Die Gemeinde liess ihn ungern ziehen. Sie ernannte ihn zum Khrenmitgliede der Gemeinde •Sohrau. Herzlielie und ehrenvolle Kundgebungen der Gemeinde und der einzelnen Geineindemitglieder legten erfreuliches Zeugniss davon 1111, dass Vertrauen, Hochuchtung und Diebe Mich dem letzten Habbiuer von seiner wacker» Gemeinde ungetheilt und ungeheudiclt gezollt wurden. ineinde sich entschlossen hatte, unter eigener Verantwortung und für eigene Rechnung eiue jüdische Eiemeiitarschule zu unterhalten und die bisher vegetirenden Piivatschulen eingehen zu lassen. Mit 105 Kindern wurde die Schule eröffnet und drei Lehrer, Kroner, Jacob und Fraenkel an die Schule berufen. Die Acquisition Kroners erwies sich sofort als ein pädagogischer Missgriff. Im folgenden Jahre wurde Kroner verabschiedet. An seine Stelle trat der Rector Friedrich Lorenz mit der Verpflichtung, die reiferen Knaben auch in der lateinischen und französischen Sprache zu unterrichten. Lorenz war Christ. Es gereicht der Gemeinde zur Ehre, dass sie an der jüdischen Schule, ohne den confessionellen Charakter der Anstalt zu beeinträchtigen, einen geeigneten christlichen Lehrer ungescheut unterrichten lässt. Auch später wirken vorübergehend die christlichen Lehrer Kretschmer und Korn an der jüdischen Schule Auch an der Gemeindeschnle ist zu ihrem Schaden ein häufiger Wechsel einzelner Lehrkräfte zu constatiren. Lorenz wirkt kaum drei Jahre, andere Lehrer arbeiten noch kürzere Zeit an der jüdischen Schule. Das hing zum grossen Theile mit dem Charakter der Anstalt zusammen. — Die Schule hatte in den ersten J ahrzehnteu den Charakter einer vom Staate concessionirten, aber nicht einer vom Staate als öffentlich anerkannten Unturrichtsaiiatult. Die Lehrer konnten keinen rechtlichen Anspruch auf definitive Anstellung, Versorgung im Alter, auf Erhaltung ihrer Wittwen und Waisen erheben. Gleichwohl unterrichtete Lehrer Fraenkel, welchem die hebräischen Disciplinen zugewiesen waren, bis zu seinem im Jahre 1872 erfolgenden Tode. Lehrer Jacob wirkte etwa 20 Jahre an dieser Schule erfolgreich und schied auf seinen Antrag im Jahre 1879 aus. Sein Nachfolger Petzal, welcher bis zum Jahre 1883 in Sohrau thätig war, erhielt auf Betreiben der Aufsichtsbehörde die erste definitive Vocation im October des Jahres 1880. Damit war der private Charakter der concessionirten jüdischen Gemeindeschule durchlöchert. Unter seinem Nachfolger Abraham, welcher seit dem Jahre 1883 an der Schule wirkte, erklärte die königliche Aufsiclitsbehörde die Schule für eine öffentliche, obgleich die Gemeindevertretung, welche nunmehr fast nur Pflichten, kaum aber nennenswerthe Rechte und Befugnisse dem Lehrer gegenüber geltend machen kann, sich lebhaft dagegen sträubte. Auch Abraham erhielt die definitive Vocation*). Humane Vereine der Gemeinde. — So alt wie die Gemeinde, sind auch die frommen Brüderschäften und Wolilthätigkeitsvereine. Die Chewra kadischa, die den Hingeschiedenen nach israelitischem Ritus die letzten Liebesdienste zu erweisen hat, konnte ihre heilige und humane Aufgabe im vollen Umfange erst im Jahre 5574 a. m. (1814 d. gew. Zeitrechnung) auf nehmen. In diesem Jahre erwarb der Gemeiude- *) Im Jahre 1891 schied Abraham 1111h der Schule, welche er durch energische Disciplin und pädagogische Geschicklichkeit zu liehen verstund. Sein Nachfolger Simon Grunewald wirkte iu iiliiilieber Weise bis zum October 18117. Seit dieser Zeit ist Uaphuel!,laut!118 Lehrer an die •Schule berufen. leider ist die Zahl der Zöglinge bedeutend zuriickpegangen. Die Schule, welche im Jahre 1859 dis stattliche Zahl von 105 Kindern aufwies, verfügt heute nicht niehr über 20 Zöglinge.

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