Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 5. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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35 Chronik der Synagogen-Gemeinde Sohrau O.-S. Vou Kablnner Dr. Imnmuuel Deutsch. (Schluss;) Statuten und Verfassung der Gemeinde. — Ein Wendepunkt iti der Gemeinde-Verwaltung trat mit dem 15. December des Jahres 1854 ein. An diesem Tage billigte die Aufsichtsbehörde der Gemeinde die von ihr erbetenen Corporationsrechte zu. Das Vor- Stands- und Repräsentanten-C^llegium, welches aus der Wahl der Censiten unter Leitung des königlichen Wahl- Gommissars nach erfolgter Bestätigung durch die königliehe Regierung hervorgeht, hat die Gemeindeangelegenheiten zu regeln und zu vertreten. Drei Vorsteher und neun Repräsentanten bilden die Gemeinde-Collegien. Die ersten Vorsteher nach Erlangung der Corporationsrechte waren: Salomon Hamburger, Adolf Borinski und Moritz Katschinsky. Die Aufsicht der Regierung erstreckt sich nur auf die innere Verwaltung. Der Etat muss der Regierung alljährlich eiligereicht und jeder einzelne Etattitel von ihr genehmigt werden. Um Cultus- und Ritus- Angelegenheiten kümmert sie sich nicht. In dieser Hinsicht besteht für jede Gemeinde die weitest gehende Autonomie. Rabbiner in Sohrau. — In der Gemeinde Sohrau ruhte die oberste Leitung und Aufsicht der Ritus- und Cultus-Angelegenheiten in der Hand des Gemeinde- Rabbiners. Seit ihrem Bestehen haben vier Rabbiner in unverfälscht israelitischem Geiste segensreich gewirkt. Die eisten zwei Rabbiner gehörten, wie dies in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts allenthalben in Oberschlesien der Fall sein mochte, wohl der exclusiv-talmudisch-rabbinischen Schule an. Wir dürfen in dem Rabbiner Abraham Freund 8. A. und in seinem Nachfolger Wolff Zellnicker s. A. ebenso tüchtige wie kenntnisreiche Talmudgelehrte vermutlien, bei denen das Profanwissen zurücktrat. In der Lauterkeit ihres Charakters, in ihrer ungeheuchelten Frömmigkeit, in ihrer streng israelitischen Gewissenhaftigkeit glichen diese zwei tugendreichen Männer sich; mochten auch sonst vielleicht ihre Geistes- und Gemüthsaulagen Verschiedenheiten aufweisen. Abraham Freund dürfte 16 Jahre — vom Jahre 1828 bis zum Jahre 1844 — sein Amt bekleidet haben. Näheres über seine und seines Nachfolgers Amtsführung vermochten wir nicht zu ermittein. Die Gemeinde oder richtiger die hl. Brüderschaft des Leichenbestattungsvereins, ehrt das Andenken an den ersten Rabbiner dadurch, dass sie alljährlich am 11. Tammus, am Todestage ihres ersten Lehrers und Leiters, den Buss- und Bettag der Chewra-Kadischa abhält und sich zur Grabstätte des Hingeschiedenen begiebt. Der Rabbiner weihte die ernste Feier auf dem Friedhofe durch einen zu Ehren des Verklärten abzuhaltenden religiösen Vortrag. Wolff Zellnicker wirkte leider nicht lange in seiner Gemeinde. Ein vorzeitiger Tod setzte nach kaum zweijähriger Amtsverwaltung seiner frommen Thätigkeit ein Ziel. Im Jahre 1844 ins Amt berufen, starb er im Jahre 1846. Eine ganz andere Eigenart bekundete Zellnickers Nachfolger, David Deutsch. Im Jahre 1846 von Myslowitz, wo er sieben Jahre erfolgreich gewirkt hatte, einem ehrenvollen Rufe der Gemeinde Sohrau folgend, widmete er 28 Jahre bis zu seinem am 7. Ab 5633 (31 Juli 1873) erfolgten Hinscheiden seinem Amte, seiner Gemeinde, der Gesammtheit des Judenthums und der jüdischen Wissenschaft seine besten Kräfte mit vollster Anerkennung. Auf talmudisch-rabbinischem Gebiete seinen Vorgängern zum Mindesten ebenbürtig, hatte er als Autodidakt auf den verschiedensten Gebieten des profanen Wissens gediegene gelehrte Kenntnisse sich angeeignet, die ihn befähigten, in Wort und Schrift völlig frei und selbständig verschiedene wissenschaftliche Materien zu beherrschen. Er führte in Sohrau streng moderne und dabei doch streng positiv israelitische Kanzelvorträge ein. Die Reformbewegungen in den 40er Jahren, die Rabbinerversammlungen in Braunschweig, Breslau und Frankfurt a. M., boten ihm den Anlass, mit seinem congenialen älteren Bruder R. Israel Deutsch, Rabbiner zu Beuthen O.-S., wiederholt in die wissenschaftliche Arena zu treten und den Kampf gegen die destructiven Tendenzen Geigers und seiner Gesinnungsgenossen mit ebenso viel Unerschrockenheit wie Geschick aufznnelimen. (Näheres hierüber behalten wir wir uns in seiner Biographie vor.) Ein Meisterwerk in seiner Art ist seine Schrift: ״Die Orgel in der Synagoge.“ Dem die Orgel in der Synagoge vom talmudisch-rabbinischen Standpunkt gestattenden Gutachten, welches Rabbiner Loewe in Ratibor bei Einführung der .Orgel in die Synagoge zu Berlin dem Berliner Vorstande überreichte, trat er Schritt für Schritt ebenso gründlich wie scharfsinnig entgegen. Eine seiner bedeutendsten wissenschaftlichen Arbeiten ist die textkritisch korrekte Edition und die Uebersetzung des interessanten apologetischen antichristlichen Werkes חזוק אמונה von Isaac Troki. Die zahl- und inhaltreichen Anmerkungen und die grösseren Excurse des Herausgebers verleihen dem Werke, das im Jahre 1865 in erster, im Jahre 1873 in zweiter Auflage erschien, einen bleibenden Werth im Kampfe gegen die Missionsbe- Strebungen zur Judenbekehrung. Klarheit im Denken, Gründlichkeit im Forschen, Makellosigkeit im Charakter, Herzenswärme, ungeheuchelte Frömmigkeit, rührende Demuth und Bescheidenheit zeichneten ihn vor Vielen seines Gleichen zu seinem Ruhme aus. Im Badeorte äalzbrunn i. Schl, suchte er nach dem ihn tief beugenden Tode seiner heissgeliebten Gattin Stärkung und Erholung. Er konnte aber diesen herben Schicksalsschlag nicht verwinden. Mit dem Keime des Todes in der Brust trat er die Rückreise an. Er sollte seine Heimath nicht lebend wieder erreichen. Auf der Eisenbahnfahrt begriffen, hauchte er am 7 Ab 5633 (31. Juli 1873) in Freiburg i. Schl, in den Armen seines jüngsten Sohnes seine fromme, gottgesegnete Seele aus. Seine Beisetzung erfolgte am 10. Ab 5633 in Sohrau unter regster Betheiligung seiner zahlreichen Freunde, Verehrer und Gönner aus den verschiedensten Theilen Oberschlesiens. Nach Ablauf des Trauerjahres berief die Gemeinde den jüngsten Sohn des Rabbiners David Deutsch, den in Sohrau geborenen Dr. Immanuel Deutsch, der eben in Breslau seine akademischen und theologischen Studien absolvirt hatte, auf den Posten seines allver-