Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 4. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
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31 Dass nun Mendelssohn als der edelste Vertreter der deutschen Aufklärungs-Philosophie, sein Interesse nur auf diejenigen philosophischen Gebiete beschränkte, welche auf die Vervollkommnung und Glückseligkeit des Menschen directo Beziehung haben, ist von den Geschichtsphilosophen bereits zur Genüge hervorgehoben worden. Der Verfasser müht sich 111 langen Exkursen ab, nachzuweisen, dass der Begriff der Glückseligkeit von Mendelssohn insofern am höchsten und reinsten gefasst worden ist, als er unter diesem Begriff die Gesamtglückseligkeit des Menschengeschlechte versteht, in welcher der Zwiespalt von Egoismus und Altruismus sich versöhnt. — Ist der Verfasser etwa der Ansicht, dass die andern Vertreter der Anfklärungs- Philosophie, in dein sie das menschliche Interesse zum Hauptgegenstand ihrer philosophischen Betrachtungen machten, den Egoismus oder den Utilitarismus gepredigt hätten? Drückt nicht vielmehr die' philanthropische und humanitäre Tendenz der Anfklärungs-Philosophie ihren Stempel auf? Auf die weiteren Ausführungen des Vorfassers, so z. B. Uber den Begriff des gesunden Menschen- Verstandes bei Mendelssohn, über das Verhältniss der Aufklärungs-Philosophie zum Kriticismus u. s. w. habe ich nicht nöthig einzugehen, da dies«‘ Punkte in der Geschichte der Philosophie bereits von den verschiedensten Seiten beleuchtet worden sind. Nur eine irrthiimliche Auffassung des Verfassers möchte ich hervorheben. Der Verfasser will nämlich in dem von Mendelssohn aufgestellten obersten Grundsatz der Sittenlehre: ״Mache deinen und deiner Nebenmenschen innen! und äussern Zustand in gehöriger Proportion so vollkommen, als du kannst‘’ Kants kategorischen Imperativ vorbereitet finden. Mit dieser Ansicht befindet sich der Verfasser entschieden im Irrthum, indem er ganz und gar den Schwerpunkt des Knntischen Moralprincipes missverstanden zu haben scheint. Der Schwerpunkt der Kantischen Ethik liegt eben darin, dass der kategorische Imperativ mit der Alaterie des Sittengesetzes, wie Vollkommenheit, Glückseligkeit u. s. w. nichts zu tliun hat, sondern lediglich ein formales Gesetz ist; d. 11. der Bestimmungsgrund unseres Willens, der ihm entsprechen 8011, darf nicht in den Gegenständen liegen, auf welche unser Handeln sich bezieht, sondern nur in der Unbedingtheit der sittlichen Anforderung als solcher, in der gesetzgebenden Form des Sittengesetzes. — Neue Gesichtspunkte haben wir, wie bereits Eingangs erwähnt, nicht zu entdecken vermocht. Wir heben jedoch lobend hervor, dass der Verfasser den Stoff geschickt zu gruppieren verstanden, 80 wie die hierhergehörige Litteratur fleissig und sorgfältig benutzt hat. Seligkowitz, Coethen. Dlihnow. S. M. Die jüdische Geschichte. Ein geschichts-philosophischer Versuch. Autorisirte Ueber- Setzung aus dem Russischen von J. F.. Berlin 1S9S, S. Calvary &־ Comp. Der Verfasser hat das Verdienst, die jüdische Geschichte unter folgenden Gesichtspunkten zu betrachten. Am Webstuhl der Zeiten verschlingen sich die verschiedensten Gedankenfäden zuin Gewebe der idealen Gemeinschaft der Juden. Diese zeitige Gemeinschaft macht die treue Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit ihrer Glieder zur Ehrensache. Das Ideal der Zukunft Israels ist das Hirnmelreich auf Erden durch die Einheit aller Menschen im einheitlichen Glauben an den erlösenden Gott der Liebe and Barmherzigkeit, Das Zukunfts-Ideal der Prophetie besteht in einein Frioden, welcher die Feinde entwaffnet, das Schwert des Kampfes in die Sichel der Arbeit verwandelt, und als Frucht redlicher Arbeit gleichmässige Wohlfahrt, Zufriedenheit und Beseliguug gewinnen lässt. Dieses Ideal nun erhebt alle Menschen zur Erkenntniss, dass die sittlichen Wahrheiten des Judenthums der ganzen Menschheit Wahrheiten sind (vgl. S. 8H u. ff.). Wie diese Gesichtspunkte, welche aus der Geschichte der biblischen und nachbihii8chen Zeiten im Glauben und Denken gewonnen werden, beachtenswert)! sind, ebenso hochinteressant und originell ist die geologische Eintheilung des geschiehtliehen Stoffes in aus der eigensten Natur des Volkes ge. wonnene Entwickelungsphasen und die durch die Berührung und die Wechselbeziehung mit anderen Nationen erlangten Entwickelungsstufen, also in Epochen eruptiver und sedimentärer Kraftäusserung des jüdischen Geistes (vgl. S. 21). Im Einzelnen mögen der objektiven Kritik einige Bemerkungen gestattet werden. Hinsichtlich des Mosaismus sei hervorgehoben, dass dieser den Dreiklang des Glaubens Abrahams, der Liebe Isaaks und der Erkenntniss Jakobs in der Religion der That ausklingen lässt, welche nicht für den Tod, sondern für das ewige Leben erzieht und bildet (S. 2fi). Hinsichtlich der Propheten, welche im häufigen Gegeusatze zu den Priestern; die Vereinigung des Cultus der Gottesverelirung mit der die Menschheit erlösenden Wissenschuft verkündet, hatten, haben das Verdienst, das jüdische Volk auch in Zeiten des Druckes und der Leiden zur Selbstachtung durch sittliche Wahrheit, nnd wahre Sittlichkeit, den reinen Inbegriff der Religion gebildet zu haben (vgl. S. 32). Auch hatte sich allmählich das Bewusstsein entwickelt, dass die Familie die Wurzel des Volkes ist, welches auf der felsenfesten Grundlage der Abstammung von heiligen Vätern und Müttern zur heiligen Gemeinschaft ansgestaltet werden müsse. In dieser Richtung aber hatte Esra ein unvergängliches Verdienst (S. 33). Die Sadducäer und Pharisäer verhielten sich einigennassen ähnlich, wie die Priester zu den Propheten. Jene waren Geburts- und Stellungs-Aristokraten, diese die Aristokraten des Geistes und des Wissens. Die Sadducäer hatten durch Verläugnung der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens die Gläubigkeit aufgegeben, welche die Pharisäer mit der Vernünftigkeit vereinigt hatten (vgl. S. 37). Hinsichtlich des Talmudismus sei bemerkt, dass dieser keineswegs nur encyklopädiseh ist, sondern theils aus der heiligen Schrift, theils im Hinblick auf die Zeit- Verhältnisse in freier Diskussion Gesetze schafft, deren Wurzel die Moral ist. Die Reohtsbestimmung der Halachah hat daher ihre Grundlage in der ethischen Anschauung der Hagadali. Diese erweitert gerade die Ideen des Confessionalismus zu sittlichen Menscheits-Idealen!,vgl. S. 47). Auch hat der Talmud der freien Forschung siegreich die Wege geebnet (S. 43), er hat nicht das Ritual zum Zwecke, sondern erschliesst die Himmelspforten des Gesetzes und Rechts, durch welche der Gläubige zun! Ideal des Göttliehen gelangt iS. 44). Dass der Talmud Ehrfurcht vor Staat und Staatsoberhaupt lehrt, darf gleichfalls hier angeführt werden. Hinsichtlich der Tossafoth sei bemerkt, dass diese der Quelle der halachischen Ansichten Raschi's, dem in früheren Zeiten angelegten talmudischen Commentar!״Kontros“) durch Fragen nachgespürt und in Antworten die vom Commentar abweichenden Textirungen und Erklürungen beleuchtet haben, so dass häufig die Ansichten der Tossafoth durch Kaschi methodologisch präjudizirt erscheinen (vgl. S. öd). 111 Bezug auf die Kahbalah sei bemerkt, dass dies• keineswegs ursprünglich mystisch war, sondern jene aprioristische Religionswissenschaft enthielt, die nach kanonische■ Normen und Formen theils aus der Schrift heraus exegesirt, theiis in dieselbe hineinphilosophirt worden war, um das ermattete geistige Leben des Volkes zu kräftigen. Hierbei hatte die fromme Vorstellung mit derSitteuthat erzeugende■ Erkenntniss, Poesie mit Philosophie sich vereinigt, um da«