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Das jüdische Literaturblatt · 1894-12-21 · No. 51 (21.12.1894) · p. Seite 201

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 51 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 201 (sequence 3)
Language
German
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201 Hebräische Handschriften in Sofia. Von Dr. M. Griinwald, Grossnibbiner von Bulgarien. IV. Solche Liedersammlungen führen bei den Sefardim den Namen Song*) (Dschong); im spanischen führen bekanntlich den Namen Concionero. Die Sofianer Handschrift beginnt mit dem hebräischen Gedichte: אר תניף נשם נדבות תוך צב* בי־וב 0«) ברכה. Gott, lass auf’s herrliche, gelobte Land u. s. w.«) Blatt 8 erfahren wir, dass der Schreiber dieses Song Josef Lilo**) aus Plewna war; bis zum 18. Blatt sind hebräische Loblieder. Blatt 19 beginnt mit den Worten: Con ajuda del Dio alto 10 alavo y lo canto che wayga nada manco. (»Mit Hilfe des hohen Gottes will ich ihn loben und ihn besingen, damit uns nie etwas fehle«). Blatt 20—44a enthielt hebräische Lieder; 44b beginnt mit den Worten: Empesar quiero contar echos del Dio (»Anfängen will ich zu besingen die Werke Gottes« ); 4:">—48 enthält ebenfalls hebräische Loblieder; Blatt f>9—(il behandelt in spagnolischer Sprache die midrascliische Auslegung der List von Haman's Gattin — Serescli. Blatt <>3 und (14 enthalten Lehrgedichte (תוכחות). Von diesen sind einige in die sefai’disclie Liturgie aufgenommen. so z. B. die mit den Worten beginnt: ,למענך ולא לנד ולשיכבי בוצרה בנה נאצב־ תפארה ירישלים היד,־ה בזכות תי יר, הישרה דברות עשרה. Aus der Wiederholung einiger Worte erhellt zur Genüge, dass diese Tochachoth gesungen wurden, wie dies thatsächlieh noch heutzutage im Orient geschieht. Blatt 04 und <>f> enthält abermals die Purimgeschichte. Blatt (i(i beginnen neue Tochachoth (Mahngedichte) und zwar: אראה יומי הוא מתרהק והפיצליס עצלים ובעל הבית דו־ק, השוכר את הפועלים »ich sehe, dass mein Lebenstag sich entfernt (zur Neige geht), die Ar-beiter werden träger, der Hausherr (Gott) drängt, der die Arbeitei gemiethet.■: Eine sehr interessante geist-und coucetti -- reiche Dichtung. — Blatt 08b ist spagnoliscli. Blatt 09—82a enthält hebräische religiöse Dichtungen. 82b enthält ein Loblied auf den Sabbath; am Schlüsse des Gedichtes ist zu lesen:והשיר הזה יסדו החכם הגדול דרב מנחם לונואני ע״ה (***. Dieses Loblied ist mit Vocal־ Zeichen versehen. Das Manuscript No. f> ist ein liturgisches Buch, das mit Fol. 0 beginnt und mit Fol, 117a schiesst■. Die Schrift ist die spauiseh-jüdische, d. h. der Text ist mit Quadratbuchsaben geschrieben, während der Commentar mit den im Orient üblichen Sehriftzeichen geschrieben ist. Das Gebetbuch ist, wie schon aus der Schrift zu ersehen ist, für den sefardisclien Ritus bestimmt gewesen und der Text bestätigt dies vollständig. *) Uli dieses Wort «lern englischen; Worte »seng« entlehnt ist, oder aber aus dem spanischen mal spagnulisrlicn Worte gionco (lat. juncus) »Halm, Schilf« abzuleiton ist, weil niim ich diese Gesänge gewöhnlich mit Begleitung dieses Instrumentes, K011rplbif«, gosungon wurden, ist für mich nicht entschieden. Den Spagnolen, die alles sub ejKcie acternitatis betrachten, ist die Ktyniulogie ganz Nebensache. **) Im Arabischen heisst das Akrostichon tauschih (eigentlich einen Gürtel, »wischah« genannt, setzen), siehe Garein do Tassy's Buch »Bhctoriiine et prosodio des langues, do l’orient musulmcn.« Paris 1873 p. Iü4—105. *•*) Mcuachcm bar K. Jehuda de Ixmzano ist einer der bedoutendsten Kabbincr Italiens gewesen, dessen Werke allerdings bis auf das lexikographische Maaricho, das von dem nunmehr verewigten Dr. Adolf Jellinek im J. 1853 in Ia'ipzig veröffentlicht wurde, noch vom Staube der Bibliotheken bedeckt, der Vergessenheit anheimzufallen drohen. Fol. (i beginnt mit den Worten: כרכות השחר »Segensprüche des Morgengebetet« und fährt fort: ייר״מ״י׳(־ יהירצק ב לפדר הי) א״וא שבכה סגורה כרכה זו יתוקן ויזרכד אותן החצוניות. Jedem Segensspruche, ja jedem einzelnen Theile desselben, ist die geheime (kabbalistische) Kraft, uie er besitzt, beigefügt und zwar, wie im Manuscript zu lesen ist, עייפי הרב (nach Aussage des Meisters). Der Meister ist bekanntlich הא״רי זיל. Dies geht soweit, dass z. B. Fol- 21b, wo die 13 Erklärungsregeln des Rabbi Jismael angeführt werden, zum קל וחימר hinzugefügt wird מקל »vom leichten« מהסר und zum Worte הימר (und dem Schweren) מגבורה פירוש לפעמים דקבלת מחסד ולפע״ים מגבורח d. h. manchmal empfängt sie (die Thora) von der Gnade (ihre Anordnungen und Erläuterungen) und manchmal wiederum von der Stärke. Der erste Kaddisch, der sogen. Kaddisch di-Rabbonon, der nach sefardischem Ritus nach den Worten ותל־ד מלכותיה den Zusatz hat: ויצמח פורר,ניר, ויל,ריב משיחיה, ist mit kabbabilistischen כוונית versehen. — Fol. 11t) enthält סדר פדיון הבז bei den Sefardim »fadar (v. hebr. פדה) al ijo« genannt. Da meines Wissens ein derartige Gebetbuch noch nicht gedruckt ist, dürfte dessen Veröffentlichung nicht ohne Interesse sein. Recensionen. Sermons etallocutions par Zadoc Kahn, grandrabbin de France. 1894. 383. Es giebt viele religiöse Redner, die ihr Pensum gar nicht übel erledigen und die dennoch uns nicht tiefer rühren, weil sie den Pulsschlag der Zeit nicht hören oder ihn nicht verstehen. Es giebt sicherlich eine ganze Reihe von Gegenständen, die in jeder Zeit zeitgemäss sind, die zu dem ewigen Bestände der religiösen Beredsamkeit gehören. Aber selbst diese Gegenstände erhalten eine eigenthüuiliehe Färbung, bekommen ein originelles Gepräge, wenn der Redner, erfüllt ist vom Geiste der Zeit, wenn das Herz des Jahrhunderts gleichsam in seinem eigenen Herzen schlägt und sein persönliches Empfinden bestimmt. Nehmen wir das nächste Beispiel, die Liebe zu den Eltern. Man kann sie den Gennithern einschärfen, indem man die alten und ewigen Beziehungen der Eltern zum Kinde aufruft; aber wir vertiefen das Thema und erwecken eine grössere Theilnähme für dasselbe, wenn wir daran erinnern, wie in unserem Zeitalter, wo die Anschaumigen rascher sich wandeln, die Gegensätze zwischen Jung und Alt sich verschärfen und wie dadurch für Alt und Jung ganz neue Forderungen sich ergeben, damit das uralte Gebot recht erfüllt werde. -- So rühmen wir denn zuvorderst von den Reden, die Herr Oberrahbiner Zadoc Kahn jüngst veröffentlicht hat, dass sie so recht Zeitpredigten sind. Goethe sagt: »Hier istRhodus, tanze du Wicht, und der Gelegenheit mach’ ein Gedicht.« Die wechselnden Erscheinungen der Zeit, wie man sagt, sub specie aeterui, in religiösem Geiste betrachten, die Religion selbst durchströmen lassen von der mächtigen Gedankenarbeit dieses Jahrhunderts, an den Triumphen sich freuen, die die Religion in diesem vielverschrieenen Zeitalter des Materialismus feiert, an den Gefahren nicht achtlos vorübergehen, mit denen gerade die Ideen der Gegenwart die Religion bedrohen, das ist die Pflicht des Redners, mul indem er diese Pflicht erfüllt, giebt er seinen Reden einen eigenen Reiz, gewinnen sie für den Hörer wie für den Leser den Werth des Aetuellen und erwecken unsere tiefste Theilnahme. — Diese Reden sind nicht nur nach ihrem ästlietischen Werthe oder nach ihrer religiösen Wirkung zu beurtheilen, sondern sie haben die Bedeutung geschiehtlieber Documente für das französische Judenthum im letzten Jahrhundert und besonders in den letzten Jahrzehenden; ja weil es Predigten sind, kündigen sie noch

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