Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 202 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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202 mehr als das, was geschehen ist, erzählen sie auch, was im Innersten der Seele vorgegangen ist; in dem Herzen dieses Franzosen ist die Vaterlandsliebe geradezu der Gegenstand eines religiösen Cultus und Gott selbst kann nicht lieisser geliebt werden, als Frankreich von ihm geliebt wird; sehnend blickt sein Auge nach Elsass-Lothringen, und er spricht von einem verstümmelten Vaterlande, als sei Frankreich eine lebendige Persönlichkeit oder ein organisclies Ganzes, während doch die Franzosen zu der Zeit, als sie Macht hatten, mit deutschem Lande souverain gewirthschaftet haben; der jüdische Geistliche vergisst, dass der Hund mit Russland der Bund mit der Barbarei ist und freut sich nur des Triumphes, der dadurch seinem Vaterlande zu Theil wird; aber auch ihn erregt die antisemitische Gefahr und es ist ganz unleugbar, dass drüben jenseits der Vogesen die Antisemiten, die sonst nicht einen Schuss Pulver mehr werth sind, alsdie unsrigen, wenigstens den einen Vorzug haben, nicht langweilig zu sein. Mit gerechtem Stolze redet er davon, wie Frankreich seit einem Jahrhundert die Juden zu Bürgern gemacht hat und wie sich die Juden treu bewährt haben. In jedem Staatshaushalte giebt es alljährlich eine bestimmte Summe für Synagogenbauten. Das ist ihm ein stolzes Zeugniss der Gleichberechtigung; auch für die Verfassung des Judenthums, die in Frankreich eingeführt ist, hat er Worte hoher, dankbarer Anerkennung. Interessant ist die Rede, di«? er den jungen Schülern des Pariser Rabbinerseminars hielt, als zum ersten Mal in Folge des;Gesetzes, welche die Befreiung der Geistlichen vom Militärdienst aufhob, junge Theologiebeflissene in die Armee eintraten; auch eine. Rede, die er an junge jüdische Soldaten vor derVereidigung hält, ist sehr heach teils werth. Die Gedächtnissreden auf Albert Cohn, Netter, die verwittwete BarODin von Rothschild, den Oberrabbiner Isidor sind 8chw־ungvoll und innig, aber sie liefern dennoch scharf umrissene Bilder dieser Persönlichkeiten und ihres Wirkens, bei Isidor fehlt bei allem Lobe nicht einmal die Bemerkung, dass die Reden desselben den strengen inneren gedanklichen Zusammenhang vermissen liessen und dass seine Beredsamkeit etwas Abgebrochenes hatte. Da so viele Männer werkthätiger Liebe gefeiert werden, da überdies einige der Reden in Wohlthätigkeitsvereinen oder bei Einweihung wohlthätiger Institute!gehalteu worden sind, so istes natürlich,das der Preis der Liebeswerke etwas häufiger, als dem Ab- Wechselung heischenden Leser lieb ist, in diesen Ansprachen wiederkehrt. Aber die ganze Sammlung ist doch ein erbauliches Zeugniss für die würdige Stellung des französischen Judenthums und für die Trefflichkeit des Mannes, der nach der in Frankreich geltenden Verfassung dort an der Spitz(‘ der jüdischen Gesammtheit steht. Auch die hebräischen Citate aus Bibel und Talmud sind fast stets passend und zuweilen höchst geistreich und von treffender Wirkung; nur einen Text können wir nicht billigen und da der faux pas nicht selten ist und uns auch bei deutschen Predigern begegnet ist, so sei er hier erwähnt. Der Reder spricht hui der Einweihung einer Synagogo und wählt zum Text einen Vers, den die Todfeinde Israels gesprachen haben, als sie den Tag des Sturzes u. der Verödung Israels erlebten; diese Todfeinde sprachen, wie in den Klageliedern des Jeremias zu lesen ist: »Wahrlich, dies ist der Tag, den wir erhofft haben, wir haben ihn gefunden, wir haben ihn erlebt. : Einen Satz der heiligen Schrift ganz im entgegengesetzten Sinne anwenden, scheint uns ein allzufreier Gebrauch, ja fast ein Missbrauch der heiligen Worte. Wir vermissen an dieser Stelle den Takt, der sonst ein Erbgut der Franzosen, auch ein vorzüglicher Schmuck dieser ausgezeichneten Reden ist. B. R. Isidore Gohlblum. מגנזי ישראל בפי־־יז• Wien 1804. JV. SO s. l'nter diesem bescheidenen Titel ijat. der in der jiidi sehen Gelehrtcnwclt bereits rühuilichst bekannte Herr Goldblum ein Schriftchen veröffentlicht, dass wenn auch klein an l'mfang, doch reich an werthvollem Inhalt ißt. Es enthält eine Auswahl mehrerer Artikel aus den in den öffentlichen Pariser Bibliotheken befindlichen Handschriften theils bekannter, theils unbekannter jüdischer Gelehrten des Mittelalters. Besonders interessante Artikel sind der Kampf des Talmud mit der Philosophie, ferner ein Brief Elia Levita’8, einige Abhandlungen über hebräische Grammatik, Prosodie und endlich als willkommene Zugabe mehrere Briefe des Herausgebers literarisch-historischen und bibliographischen Inhalts an hervorragende jüdische Gelehrte der Jetztzeit, die ebenfalls viel des Interessanten und Wissenswerthen bieten. Jedoch nicht nur die veröffentlichten Abhandlungen an 8icq selbst sind von hohem Werthe; sie werden erst geniessbar und werthvoller durch die gelehrten Anmerkungen des Herausgebers, der durch seine immense Belesenheit in der wissenschaftlichen Literatur des Mittelalters und seine seltene, in den grössten Bibliotheken Enropas erworbene gründliche Kenntniss der jüdischen Handschriften, besonders zur Bearbeitung solcher Abhandlungen befä'higt ist. Die Ausstattung des Schriftchens ist splendid, der Preis (2 Mark) massig. Solle rek-Posen. Es ist ein Gott. Juden und Christen zugeeignot von Dr. E. Klein, Rabbiner in Stockholm. Bibliographisches Institut in Berlin. 181)4. Referent sass einmal in fröhlichem Gespräch mit zwei Collegen in einem Berliner Caf£. Der eine dieser Männer ist ein äusserst wirkungsvoller religiöser Redner in einer hervorragenden Stellung, der andere ein jüngerer Mann, war zu grossen Hoffnungen berechtigt. Das Gespräch lenkte sich auf die Frage, ob jeder religiöse Gegenstand, also z. B. das Dasein Gottes und die Beweise dafür, sich für die Predigt eignen. Der eine dieser gescheiten Männer, durch seine Erfolge verwöhnt und mit der Kraft ausgestattet, den gewaltigsten Eindruck auf die Gemüther hervorzubringen, meinte; er habe oft das Dasein Gottes in seinen Predigten zu beweisen versucht und die Zuhörer für seine Ueberzeugungen gewonnen. Da sagte der Jüngere: »Wie beweisen Sie das Dasein Gottes? Sie strengen Ihre Kehle zur äussersten Kraftleistung an, schlagen mit Ihrer stattlichen Faust mächtig auf die Kanzel und rufen: »und es ist doch ein Gott‘.« An dieses Gespräch wurde der Referent durch die kleine Schrift von Dr. Klein erinnert. Ein gewaltiger Anlauf, der Dr. Klein versichert, jetzt würde der Beweis für das Dasein Gottes von ihm unwiderleglich geführt werden; wir horchen auf; auf die Gefahr hin, ein Plagiator gescholten zu werden, nehme ich mir schon vor, den Inhalt dieser Schrift am nächsten Sabbath auf die Kanzel zu bringen, da lese ich weiter und finde, was ich und mit mir schon so viele andere längst gepredigt haben und was allerdings den Gläubigen die Ueberzeugung vom Dasein Gottes befestigen wird; aber das ist doch im wissenschaftlichen Sinne kein Beweis für das Dasein Gottes zu nennen. Gerade an dem Tage, an welchem ich Kleins Broschüre bekam, hatte ich mit erwachsenen Schülern das 2G. Cap. des III. Buches Moses besprochen und darauf hingewiesen, wie Trauer und Trost, die hier verkündet sind, erstaunlich eingetroffen sind: »Und wenn sie auch weilen im Lande ihrer Feinde, ich verachte sie nicht und verstosse sie nicht, um sie ganz zu verderben.« Heine sagt, jeder lebende Jude sei das grösste Wunder. So ist uns allerdings im Gotteshause, in der Schule das Schicksal Israels ein Beweis für das Dasein Gottes und wir begreifen, dass Dr. Klein von seinem Funde so erfreut ist. Aber dieser Beweis, so wirksam er ist, den Frommen in seiner Frömmigkeit zn bestärken, ist doch nicht stark genug, um den Geist des Unglaubens niederznwerfen. Auch Herr Klein hat den Stein des Weisen nicht gefunden. Inhalt. David Friedländer. — Erklärung unklarer Bibelstellen. Von Dr. Herzel-Brody. — Hebräische Handschriften in Sofia IV. Von M. Grünwald, Bulgarien. Recensionen: Sermons et allocutions par Zadoc Kahn. — Isidore Goldblum. — Es ist ein Gott. Von Dr. K. Klein, Stockhnlm. Verantwortl. Kedaeteur Dr. M. Rahme r, Druck Leigtner & Drowfs, Verlag der »Expedition«, siiinmtlich in Magdeburg.