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Das jüdische Literaturblatt · 1894-12-07 · No. 50. (7.12.1894) · p. Seite 199

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 50. (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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197 Unterhalt zu suchen, werden Sie hoffentlich aufgegeben haben; denn es war gar sehr übereilt. Mosos Mendelssohn. Mendelssohn hatte viele Jünger; eine grosse Anzahl begeisterter, begabter Männer nannte sich nach ihm, aber keiner reichte an ihn heran, keiner war auch nur fähig, seine ganze Persönlichkeit zu verstehen und auf sich wirken zu lassen. Vielen, die sich mit Stolz zur Mendelssohn’sehen Schule zählten, konnte er zurufen: »Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, nicht mir!« Die Ausschreitungen mancher seiner Schüler schienen geradezu eine Rechtfertigung derer zu sein, die schon Mendelssohn verdächtigt und als den Urheber gefährlicher Neuerungen bezeichnet hatten. Erklärung unklarer Bibelstellen. Von I)r. Herzel-Brody. Samuel I Cap. SO v. 14—IS. Diese Verse zählen bekanntlich zu den unverständliebsten des ganzen Buches. Vergebens suchen wir bei älteren und neueren Bibelübersetzem eine halbwegs zusagende Erklärung; und doch muss der Verfasser, der mit breiter Umständlichkeit die Begegnung Davids und Jonathans beschreibt, irgend einen Hintergedanken aussprechen wollen, der dem Leser zugäng- Uch ist. Versuchen will ich es, den verborgenen Sinn aus dem Zusammenhänge herauszuschälen, muss aber vorausschickeH, dass wir es hier aber wieder mit einer stylistischen Sonderart zu thun haben, wie dies leider nur zu oft in diesem Buche der Fall ist. Ich werde noch Gelegenheit haben, auf eine ganze Menge derartiger stylistischer Unebenheiten und Absonderlichkeiten hinzuweisen, für die es keine andere Erklärung giebt, als dass sie eben dem Verfasser zusagten, obgleich sie nicht den Sprachgesetzen und Sprach- Schönheiten entsprechen. Solche Styleigenthümlichkeiten, oder besser Styl-Incorrectheiten, haben auch in unseren Tagen keine andere Bedeutung als höchstens die, dass man, nach dem Grundsätze: le styl c-est l’homme, behaupten kann — der Schreiber ist ein eigenthümlicher Mensch, eine Sonderart! Und nun zur Sache. David befindet sich vor seinem Schwiegervater, dem Könige Saul, auf der Flucht. Zwei Dinge heruhigen ihn in seinem Unglücke; er ist sich keiner Schuld bewusst, und obgleich er zu wiederholten Malen von Saul am Leben bedroht wurde, kam ihm doch niemals der sträfliche Gedanke in den Sinn, feindselig gegen seinen König aufzutreten — und ferner beruhigt und erhebt ihn das Bewusstsein, in Jonathan einen Freund zu besitzen, der gerne den Hass des Vaters gegen ihn (David) beschwichtigt und von demselben abgelenkt hätte. In seiner derzeitigen Verlegenheit, von der uns das 20. Capitel erzählt, nimmt David abermals zu Jonathan Zuflucht, um sich dessen Intervention beim Könige zu erbitten, und wenn dies nicht möglich sein sollte, oder wenn dieselbe erfolglos wäre, wünscht er durch die Hand des Freundes, und nicht durch die Hand des ihm feindlich gesinnten Königs zu sterben. Jonathan schwört bei Gott, die Gesinnung des Vaters gegen ihn (David) zu erforschen, und falls sich derselbe unversöhnlich zeigen und ihm Gefahr drohen sollte, gewissenhafte Auskunft persönlich zu bringen. Von der Tüchtigkeit David’s als Feldherr überzeugt, und wohlbewusst, dass schliesslich David König in in Jsrael sein werde, benützt Jonathan den Abschied von demselben, um sich dessen ewiger Freundschaft für sich und seine Nachkommen zu versichern. Und zwar die Letzteren sind es, die ihm besonders am Herzen liegen, denn er weiss es nur zu gut, wie man im Morgenlande sich der Gegner entledigt, dass man, ohne weitläufige Processe, sich dieselben vom Halse schafft. Wenn nun David König wird, so möchte Jonathan die Gewissheit haben, dass dieser, aus Rücksicht auf ihr beiderseitiges Freundschaftsbündniss, nicht nur ihm, sondern vielmehr noch seinen Nachkommen Treue und Freundschaft bewahren, und sie schonen möge, und so spricht er die denkwürdigen Worte: (־fl חי (= ואם לא עודני UTW ולא אם »und wenn ich nicht mehr am Leben bin«,!ולא תעשר עמדי חסד ה־ »und Du mir nicht göttliche Gnade erzeigen kannst«, ולא א רות »dass ich nicht sterbe (weil ich eben schon gestorben bin)« ולא תכרית את חסדןד מעם ביתי עד עולם »so sollst Du Deine Gnade meinem Hause, meiner Familie, nicht entziehen, auch dann nicht, wenn auf Befehl Gottes die Feinde Davids von der Erde vertilgt werden sollen!« Und Jonathan schloss einen Bund mit dem Königs hause David, und liess auch den David, den er wie sich selbst liebte, dieses neue Bündniss feierlich beschwören. War diese Vorsicht, die er seinem geliebten Freunde gegenüber gebrauchte, eine berechtigte? Hat er wohl daran gethan, ausdrücklich für seine Nachkommen unverbrüchliche Treue und Schonung zu verlangen, und trotz der grenzenlosen Liebe, mit der er dem Devid zugethan war, sich die Zusicherung und das gegebene Versprechen durch einen Eid erhärten zu lassen? Dass diese Vorsicht am Platze und der Eid des David ein nothwendiger war, darüber giebt uns eine Erzählung aus dem 2. Buche Samuels Cap. 21 genügende Aufklärung. Zur Regierungszeit David’s, heisst es daselbst, und zwar nach den siegreichen Kämpfen gegen Absalom und Schewa, wobei neben dem Schmerze, gegen den den eigenen Sohn kämpfen und denselben im Kriege verlieren zu müssen, auch noch eine starke Verstimmung gegen Mefiboschet, den Sohn Jonathans, der bei ihm durch den perfiden Diener Ziwa verläumdet wurde, im Herzen schlummerte, war eine Hungersnoth im Lande ausgebrochen. Der König liess den Herrn befragen, was wohl die Ursache dieser Landplage sein möge und es wurde ihm bedeutet, dass das an den Gibeoniten durch König Saul begangene, und noch in keiner Weise gesühnte ünrecht die alleinige Ursache der Hungersnoth sei. David beruft die Vorsteher der Gibeoniten und befragt sie, was sie verlangen, und was sie wünschen, damit wieder Gottes Segen im Lande walten könne? »Wir wünschen weder Gold oder Silber, noch möchten wir, dass Jemand aus Israel getödtet werde,« lautete die Antwort. »Nun, was Ihr begehret, das thue ich,« ruft der König aus. Und sie verlangen, dass die Sühne an den Nachkommen des Mannes vollzogen werde, der ihnen seinerzeit Vertilgung und Verderben zugedacht hatte; es mögen 7 männliche Nachkommen Sauls in Gibea, wo Saul gewohnt hatte, öffentlich (לפני ה׳) aufgehängt werden! Das Sühnopfer wurde durch den König zugestellt; doch — 80 heisst es daselbst Vers 7 — »es verschonte der König den Mefiboschet, den Sohn Jonathans, den Enkel Sauls, eingedenk des Schwures, den David dem Jonathan geleistet hatte« — und der den David auch nach dem Tode Jonathans verpflichtete. — Es ist kein Zweifel, dass der Historiker bei der Erzählung des feierlichen Eides, den Jonathan sich von David schwören liess, dies Schauderereigniss im Auge hatte, womit Gottes Zorn quasi beschwichtigt und göttliche Gerechtigkeit auf Erden geübt

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