Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 50. (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- Seite 200 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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198 wurde. Meines Erachtens ein neuer Beweis für die Einheit der Abfassungszeit und des Schriftstellers. Recensionen. Kosenniaim, M., Dr., Studien zum Buche Tobit. Berlin 1894. Mayer & Müller. Diese in zehn Abschnitten dargelegten vortrefflichen Studien führen zu dem Ergebnisse, das die Abfassungszeit des Buches Tobit in das zweite vorchristliche Jahrhundert zu setzen ist (S. 31) und dass das Buch, vermöge des unhistorischen Charakters der Erzählung, nichts anderes sei, als ein Loblied auf Wohlthätigkeit und Gerechtigke it (S. 25). Bei alier Achtung vor der in den Studien bekundeten Eachgelehrsauikeit möchte die Kritik sich hiermit erlauben, hinsiohtlich des Buches Tobit, Tendenz und Abfassungszeit nach, eine von den bisherigen Meinungen abweichende Ansicht, wenn auch nur zum Zwecke weiterer Anregung, zu äussem. Mir scheint das genannte Buch unmittelbar nach der Zerstörung des zweiten Tempels mit der Absicht verfasst worden zu sein, die Pharisäer gegen die Sadducäer einerseits undgegen die neue christliche Gemeinde andererseits in Schutz zu nehmen. Angesichts der furchtbaren Katastrophe, welche über das von den Schriftgelehrten geleitete Volk hereingebrochen war, mochte das Schicksal der Geistes-Aristokratie nach Innen und Aussen ein sehr bedrängtes gewesen sein, wie dies unzweideutig aus den bezüglichen Stellen des neuen Testaments (Matthäi 23,13 und folgende) hervorgeht. Um nun auf der einen Seite, der Partei der Geburts-Aristokraten, der Sadducäer, und auf der anderen der ausschliesslich dogmatisch-ethischen Tendenz der christlichen Gemeinde ein Gegengewicht zu bieten, wird in der Person des Tobias ein Held einer religiösen Bewegung geschildert, der, obschon er Pharisäer war, nur die Vorzüge, aber nicht die Mängel der gegnerischen Parteien hatte. Tobias handelte genau nach den Vorschriften des Religionsgesetzes (S. 38), legte aber auf die Reinheit der Familie durch Bevorzugung des eigenen Stammes und Hauses viel Gewicht (Tobit VIII, 14) und bekundete seine wahrhaft religiöse Gesinnung in der Liebe zu den Lebenden und Todten (Tobit I, 20) nnd in der sittlichen Gerechtigkeit (Tobit XIV, 11). Von diesem Gesichtspunkte aus aber mochte es nur praktisch gewesen sein, das Buch Tobit in neutestamentarischer Fassung darzustellen. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, dass mit Salmanassar und Sennacherib, den altassyrischen Herrschern (Tobit II, 18), die Kaiser Vespasian und Titus gemeint waren, und die auf den Untergang lautenden Weissagungen über Ninive (Tobit XII, 6) auf Rom Bezug hatte. Die Umschreibung der Namen sollte offenbar bewirken, dass das Buch in der Zeit der Bedrängniss vor den römischen Herrschern unbeanstandet sollte verbreitet werden. Bei dieser Tendenz des Buches würden auch die vom Herrn Autor (S. 37 u. f.) hervorgehobenen Schwierigkeiten sich wohl beseitigen lassen. — Die Verpflichtung zur Agnatenehe war, meiner Meinung nach, erst in der Verfolgungszt it Hadrians erloschen (Taanith 30b) und bestand bei ausgesprochen reinen Absichten (Tobit VIII, 9 non luxuriae causa [Vulgata|) entsprechend der rabbinischen Norm (Ketuboth 04a) noch fort; wie denn auch die Heirath der Schwester-Tochter als religiöses Gebot gilt (Jebamoth 62b. Maimonides Jad hachsakah. H. Issure Biali 2,14). Auch entsprechen die Formalitäten bei eheliehen Verbindungen (Tobit, Cap. VII) der Satzung der Mischnah (Kidduschin 2a) und waren zur talmudischen Entwickelung späterer Zeiten noch nicht gediehen. (Vgl. S. 15 u. f.) Die Stelle Tobit IV, 16: <5 ptael? prjöevt 5ןז0ןו101ל (»Was Dir nerhasst ist, thue keinem Andern«), möchte wohl, ihrem Ursprünge nach, auf die gleiche Sentenz Hilel's (Sabbath 31a) zurückzuführen sein. Gleichwohl ist, trotz des ethisch-religiösen Inhaltes des Buches Tobit, Rabbi Akiba ein entschiedener Gegner der Apokryphen (Mischna Sanhedrin 90 a). Es erklärt sich dies, meinem Dafürhalten nach, aus der Anschauung dieses grossen Lehrers, welcher die Ehrfurcht vor den Gottesgelehrten als das Ergebnis der göttlichen Ehrfurcht betrachtet (Pesachim 22b). את ה׳ א־ תורא לרבות ת״ח Vor dem geistigen Auge Rabbi Akiba's erscheint daher die intellektuelle Gottesliebe der Weisen als eine ungleich wirksamere sittliche Macht, als der Wunderglaube von der Heilung des erblindeten Tobit und der Dämonen- Austreibung von der Schwiegertochter desselben durch Vermittelung des Engels Raphael. Wer durch lebendige, innige Gottesgemeinschaft sich erlöst fühlt, weiss das Göttliche im edlen Menschenthume zu finden, fürchtet sich vor Dämonen nicht und hoffet nicht auf Engel. — Auch sei bei dieser Gelegenheit hervorgehoben, dass eine Stelle in Tobit 12, 7 zu der Parallele Proverbia 25, 2 vielleicht aus Zugeständniss an die römischen Machthaber, sich im Gegensätze befindet. Im Buche Tobit heisst es nämlich: »Die Ehre der Könige besteht im Verbergen der Dinge«. (Etenim sacramentum regis abscondere bonum est [Vulgata].) In unserer dem Thierschutze freundlichen, in antisemitischen Kreisen allzu freundlichen Zeit darf es wohl in Bezug auf den Begleiter des Tobias, den Hund (VI, I), hervorgehohen worden, dass dieses Thier auch im talmudischen Zeitalter sich ganz besonderer Fürsorge erfreute. (Raschi Pesachim 22a.) (Vgl. S. 32.) In Bezug auf das im VI. Capitel des Buches Tobit erwähnte Leichenmahl, möchte ich hiermit auf die einschlägige Stelle der Vulgata (V. 18) aufmerksam machen (»Panem tuum et vinum tuum super sepulturam justi constitue«) und zu bemerken mir erlauben, dass dieses Mahl «סעודת הבראה) biblischen Ursprungs ist (II. Samuel 12. 20) (Vgl. S. 20)• Hinsichtlich der Persönlichkeit Noah’s sei auf die Stellen Ezechiel 14, 14 und Raschi zu Genesis 6, 9 hingewiesen. In jener Stelle wird die erlösende Frömmigkeit Noah's hervorgehoben, in dieser erörtert, ob der Prophet im relativen oder absoluten Sinne ein Gerechter seiner Zeit war. (Vgl. S. 8 und 9). Die Studien des Herrn Verfassers verdienen Aner« kennung und Lob. Sie sind streng wissenschaftlich gehalten und regen zur Forschung an, Dr. S. Nascher•) Briefkasten der Expedition. W. Die in vor. No. besprochenen »Grabreden« sind nicht in unserem Vorlage, sondern bei Alfred Holder in Wien erschienen uud kosten 1,50 M.; die in unserem Verlage erschienenen »Trauungs- und Grabreden« kosten 3 M. Brieikasten der Redactlon. Eine Recension der jüngst erschienenen »Sermons et Allocutions« von Zadoc Kahn wird die nächste No. bringen. *) Druckfohlerborichtigung. In moinen »Liter. Notizen« (in vor. No. S. 194a) ist sub 1 für »Friedlicher zu leson: »Friedlieber und für Kolnock »äzolnok«; sub H ist für »ehom.« z. 1. »ehrw.«_ Inhalt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. XVII. — Erklärung unklarer Bibelstellen. Von Dr. Her zel-lirody. Recensionen: Kosenmann, M. I)r., Studien zum Buche Tobit Verantwortl. Kedacteur Dr. M. Kalimer, Druck Leistner & Drcwfs, Verlag der »Expedition«, sämmtlich in Magdeburg.