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Das jüdische Literaturblatt · 1894-12-07 · No. 50. (7.12.1894) · p. Seite 198

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 50. (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
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190 selben befinden sich 80 Manche, die ich persönlich kenne, von deren Rechtschaffenheit ich überführt bin, die zwar von Vermögen abgekommen, und vielleicht nicht im Stande sind, die ihnen auferlegten Lasten zu tragen; die aber sicherlich nicht durch Verschulden, nicht durch Verschwendung und Faulheit, sondern durch Unglücksfälle so weit heruntergekommen sind. Gütiger, allwohlthätiger Vater! wo sollen diese Elenden mit ihren schuldlosen Weibern und Kindern hin? wo Schutz und Schirm finden? wenn das Land, in welchem sie um ihr Vermögen gekommen sind, sie ausschleudert? Das Vertreiben ist für einen Juden die härteste Strafe: mehr als blosse Landesverweisung, gleichsam Vertilgung von dem Erdboden Gottes, auf welchem das Vorurtheil ihn von jeder Grenze mit gewaffneter Hand zurückweist. Und diese härteste der Strafen sollen Menschenkinder leiden ohne Schuld und Vergehung, bloss weil sie andern Grundsätzen zugethan und durch Unglück verarmt sind? Und der Israelit soll ehrlich sein, an dem Armuth so hart als Unehrlichkeit bestraft wird? — Nein! ich enthalte mich aller weiteren Betrachtungen, um das Herz des Menschenfreundes zu schonen, welches dadurch zu sehr verwundet werden würde. Ich habe noch Hoffnung, gegründete, und in meiner Herzensangst mich noch tröstende Hoffnung. Unter der Regierung des besten, liebevollsten Fürsten, unter der Verwaltung weiser Menschenfreunde kann unmöglich Strafe ohne Verbrechen zu befürchten sein; kann der schuldlosen Armuth, in welcher Gestalt, Sitte und Religion sie sich einfindet, nicht Feuer, Wasser und Obdach versagt werden. Vergeben Sie, verehrenswürdigster Beschützer der Unschuld! wenn ich nicht so an Sie schreibe, wie ich an Sie schreiben sollte. Mein Herz ist zu voll, mein Gemüth zu unruhig, und keiner überlegenden Fassung fähig. Ich bin mir aber gleichwohl völlig bewusst, mit welcher Ehrerbietung und Hochachtung ich bin etc. Moses Mendelssohn. Ulende lsttohn an David l'riedl&nder. Liebster Freund! Ich höre, dass der Rabbiner die Sache unseres Freundes Hartwig Wessely wirklich bei den Vorstehern der Gemeinde angebracht haben 8011. Ob er die Briefe, welche er dieserhalb bekommen, vorgelegt hat oder nicht, weiss ich nicht. Ich will aber nicht hoffen, dass man sich dazu wird brauchen lassen, das Mindeste zu verfügen, was dem ehrlichen Wessely unangenehm sein könnte. Ich setze alles übrige bei Seite, will gar nicht untersuchen, wer in der Sache Recht hat; und gebe nur dieses zu bedenken: was werden Christen dazu sagen? was wird man von uns denken, wenn wir uns solche Gewalt über die Schriftsteller anmaassen, und sie verhindern wollen, ihre Gedanken bekannt zu machen? Als ich mich unterfangen, bei dem Lavatersehen Streit wider den christlichen Glauben aufzutreten, ist mir von dem Consistorio alle Freiheit gelassen worden, mit der einzigen hinzugefügten Clausel: man wäre von mir versichert, ich würde nichts schreiben, das öffentliches Aergerniss geben könnte. Ueberhaupt geniesst jeder Scribent im Lande unseres gnädigen Königs alle mögliche Freiheit: beschnitten oder nicht beschnitten, wer nur die Feder führen kann; und wir wollten Jemand Einhalt thun, der bloss unsere Lehren, und Erziehungs-Methode tadelte? Was werden die Herren dazu sagen? Ich bitte Sie und Ihren Freund Herrn Itzig, dieses Ihrem Schwiegervater und seinem Vater, den Aeltesten der jüdischen Gemeinde, wie auch dem Herrn Isaac Wolff vorzustellen. Ich würde selbst zum Rabbiner gehen, wenn ich nicht zu befürchten hätte, ich käme zu weit mit ihm in den Text; wozu jetzt der Zeitpunkt nicht ist. Nach meiner Meinung müsste man ihn auch davon abzubringen suchen, dass er in seiner Rede nichts davon erwähnt. Will er den Rabbinern antworten, so kann er sich ja bloss darauf berufen, dass in Deutschland die Pressfreiheit allgemein gesichert und gesetzlich sei; man könnte dagegen schreiben und drucken: aber nichts verfügen, wodurchJemand gehindert wird, seineMeiuung zu sagen. 17. April 1782. Moses Mendelssohn. Meadelasohn an Hers Homberg. Berlin, den 22. Sept. 1783. Bester Freund! Dass Sie in meinem »Jerusalem« eben nicht alles haben neu und befremdend gefunden, war mir weder neu noch befremdend. Erstlich kann über diese Materien, über welche die Menschen von je her nachgedacht haben und in aller Zukunft nachdenken werden, wenig Neues mehr aufkommen, nur hier und da etwas berichtigt und in helleres Licht gesetzt werden. Sodann haben wir unsere Begriffe über diese wichtigen Angelegenheiten des Menschen sehr oft einander mitzutheilen Gelegenheit gehabt; und bei der echten Wahrheitsliebe, die unsere Unterhaltungen beseelte, mussten wir uns nothwendig über manche Punkte einverstehen und gleiche Gesinnung annehmen. Wie konnte ich also in einer Schrift, in welcher ich mich mit dem Leser zum ersten Male über diese Materie unterhalte, Ihnen noch sonderlich viel Neues sagen? Ueber die Nothwendigkeit der Ritualgesetze sind wir nicht einerlei Meinung. Wenn auch ihre Bedeutung als Schriftaxt oder Zeichensprache ihren Nutzen verloren hätte, so hört doch ihre Noth wendigkeit als Band der Vereinigung nicht auf; und diese Vereinigung selbst wird in dem Plane der Vorsehung nach meiner Meinung so lange erhalten werden müssen, so lange noch Polytheismus, Anthropomorphismus und religiöse Usurpation den Erdball beherrschen. So lange diese Plagegeister der Vernunft vereinigt sind, müssen auch die echten Theisten eine Art von Verbindung unter sich stattfinden lassen, wenn jene nicht alles unter den Fuss bringen sollen. Und worin soll diese Verbindung bestehen? In Grundsätzen und Meinungen? da haben wir Glaubensartikel, Symbole, Formeln, die Vernunft in Fesseln. Also Handlungen, und zwar bedeutende Handlungen — d. i. Ceremonien. Unsere Bemühung tollte eigentlich nur dahin gehen, den eingerissenen Missbrauch abzuschaffen, und den Ceremonien echte, gediegene Bedeutung unterzulegen; die Schrift wieder leserlich und verständlich zu machen, die durch Heuchelei und Pfaffenlist unverständlich gewordexi ist. Alle unsere Halsstarrigkeit aber sollten wir dem jesuitischen Kunstgriffe entgegensetzen, mit welchem man uns mit allem Anschein der Freundlichkeit zur Vereinigung auffordert, und im Grunde uns nur herüber locken will. Man nähert sich uns mit falschen Schritten, hebt den Fuss hoch auf, und kommt gleichwohl nicht von der Stelle. Es ist das Vereinigungs- System der Wölfe, die sich mit den Schafen 80 sehr zu vereinigen wünschen, dass sie aus Schaf- und Lammfleisch gerne Wolfsfleisch machen möchten. — Der Raum ist zu enge, mich hierüber weitläufiger zu erklären. Ich denke aber, Sie werden mich verstehen. — Geben wir diesen Anlockungen Gehör (wovor die Vorsehung behüte!), so ist in Zeit von 50 Jahren alles wieder Barbarei. — Leben Sie wohl! und schreiben Sie mir bald auch etwas von Ihrem Befinden. — Das Vorhaben, sich zu verheirathen und in hiesiger Gegend

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