Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 49. (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- Seite 193 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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193 auf’s Schloss lud. Aber dort wurde der Prediger arg enttäuscht, denn statt der erwarteten Lobsprüche über die gehaltene Predigt nahm der General ein kleines Büchlein heraus, eine Instruktion für Militärgeistliche, und las aus ihr, dass eine Predigt nie länger als eine halbe Stunde dauern dürfe; »Ihre Rede aber, fügte er hinzu, hat 33 Minuten gedauert.« Damit war die Audienz zu Ende. Wie gut wäre eine solche Instruktion für viele unserer Prediger. Da sie aber nicht existirt, so möge das Beispiel des Dr. Güdemann sie lehren, um wieviel besser kurz und gut als lang und gut ist. Wer hätte nicht schon unter einem jener endlosen Redner gelitten, die, wenn sie erst einmal das Wort haben, es freiwillig nicht mehr aufgeben! Referent war einmal vor einem Jahrzehnt bei einer Festlichkeit in einem Saale, da erhob sich ein wackerer Kollege zu einem Trinkspruch, uud sprach, und sprach und fand kein Ende; seitdem bin ich öfters in diesen Raum gekommen, aber jedesmal, wenn ich ihn betrete, wendet sich unwillkürlich mein Blick nach dem Platze wo damals der Redner stand, in der Furcht, dass er noch immer rede. Vollends bei ernstem Anlasse gilt es sich zusammenzufassen; — am Grabe, an der Bahre stehen tiefbewegte Menschen, denen es allerdings ein Trost ist, wenn ein freundliches und möglichst wahres Bild von dem Verschiedenen entworfen wird; aber sie sind vom Schmerze ermattet; soll ihnen die tiefschmerzliehe Scene ohne Noth verlängert werden? So scheint uns Güdemann in dem Bande Grabreden, den er jüngst veröffentlichte, dadurch vor Allem vorbildlich, dass er sich kurz fasst. Darin wenigstens kann ihm Jeder nachstreben. Daneben hat die Sammlung ganz besondere Vorzüge, fast überall ist der Kern der Persönlichkeit, der die Grabrede gilt, klar dargelegt, die Eigenart und selbst die Eigenheit dieser hervorragenden Menschen wild geschildert und überall zeigt sich die Wahrhaftigkeit und der Freimuth des Redners, die vielleicht nicht überall nachgeahmt werden können, weil nicht jeder die Stellung hat und die allgemeine Werth- Schätzung in dem Grade geniesst, dass er 80 geradeaus seine Meinung sagen darf; mancher würde auch, statt wie G. gerade zu reden, grob werden. Diese Reden sind auch in Form und Ausdruck durchaus modern. Viele verkennen selbst, wenn sie eine Grabrede halten, völlig ihr Publikum; sie tüfteln und deuteln und werden allenfalls von in jüdischer Theologie Geschulten verstanden, aber ihr Wort bleibt eindruckslos bei den Leidtragenden und bei allen denen, die auf diese geistreichen Sprünge nicht eingerichtet sind; abgesehen davon, dass ein solches Brillantfeuerwerk überhaupt für eine Grabrede sich nicht schickt, so gefällt es eigentlich nur dem, der es angezündet hat. Die Reden G’s. sind ungekünstelt und ebendeswegen künstleriscli schön; die geistreiche Pointe wird nicht verschmäht, aber es wird nach ihr nicht gehascht. So sagt er z. B. von einer Dame, die die ersten Personliclikeiten Wiens in ihrem Salon vereinigte »sie wollte nicht durch das gelten, was sie dem Zufall verdankte, sie wollte durch ihre Persönlichkeit gelten, durch das, was sie sich verdankte; ja und auch das wollte sie nicht einmal.« »So war ihr Haus zum Sammelpunkt der besten und glänzendsten Gesellschaft, der glänzendsten, insofern cs die beste war.« In einer andern Rede heisst es: »Er hat bei seinem Streben nach Ehren die Ehre ein Mensch zu sein, immer obenangestellt«; »Es mag schwer sein in der Gesellschaft emporzukommen, aber schwerer ist, kein Emporkömmling zu sein«; er war eine vornehme Persönlichkeit, die auch ohne Adel den Eindruck des Adels machte«; »er gab gern und liebreich und fertigte den, der Geld für gute Zwecke verlangte, nicht mit Gründen ab, es zu verweigern.« Wie schön sagt er von Kuranda: »Während Andere die goldenen Früchte vom Lebensbäume pflückten, langten seine Hände immer nach den Früchten, die auf dem Baume der Erkenntniss wachsen.« Tiefsinnig ist der Satz: »Der Tod endet, aber er vollendet auch das Leben.« Pointirt und doch nicht gesucht ist der Lobspruch: »Wenn er es nicht verschmähte von dem Dornbusch des Lebens die Rosen der Lebensgenüsse zu pflücken, so hat er doch auf den Dornenpfad so manches Unglücklichen und Verzagten mit vollen Händen Rosen ausgestreut«. Von Sulzer, dem Oberkantor und Professor, heisst es: »Während indessen Titulaturen sehr oft den Kleinen vergrössern, verkleinern sie den Grossen«. Er rühmt die intime Wohlthätigkeit des Freiherrn Moritz von Königswarter und fügt das Epigramm hinzu: »Wenn die Glocke zur Wohlthätigkeit auf ruft, da eilen auch Diejenigen mit offenen Taschen herbei, die lieber mit zugeknöpften zu Hause geblieben wären.« Ein besonderer Zartsinn bekundet sich darin, dass in dieser Sammlung, die dem Andenken der Gattin des Redners gewidmet, die Rede, die er an der Bahre dieser gehalten, nicht aufgenommen worden ist. Aber tief und innig sind die Worte, die er ihr weiht, und sie ergreifen besonders Jeden, der jemals in diesem gastlichen Hause geweilt hat. Einen Zeitraum von fünf und zwanzig Jahren umschliessen diese 19 Reden; die erste Rede und die letzte, sie enden beide mit einem Preise derer, die sich um den Frieden der Gemeinde Wiens gemüht haben. Eine starke Säule dieses Gemeindefriedens ist Dr. Güdemann selbst; er hat in seinem Schmerze über die Verödung seines Hauses, den Trost, dass er eine gewaltige Aufgabe zu erfüllen hat; er steht in dem Dienste des Heiligthums, das seiner treuen und tüchtigen Arbeit nicht entrathen kann; diese Reden künden nicht nur in edlen und würdigen Worten Lob und Leid grosser Todten, sie bezeugen auch, dass ein edler, welterfahrener, schmerzgehärteter, gedanken- und gemüthreicher Mann an der Spitze der Wiener Gemeinde steht. B. R. Entgegnung auf eine Recension. Die Recension der *Predigten des Dr. Horowitz in IIie 1 i tz« in No. 47 d. Bl. hat eine Entgegnung des Herrn Dr. Wilhelm Münz, mährisch-schlesischen Landes-Advocaten und Mitglied des Bielitzer israelitischen Kultusvorstandes veranlasst, die wir in den wesentlichsten Momenten hier aufnehmen. Herr Münz feiert die Gemeinde Bielitz als eine gebildete und moderne, es ist dem Recensenten aber gar nicht eingefallen, die Gemeinde Bielitz zu recensiren; wer jemals in diese Gegend gekommen ist, kennt den Gegensatz, den man schon wahrnimmt, wenn man über die Brücke in Bielitz schreitet. Aber da Galizien so nahe liegt, nnd so viele galizische Juden in Bielitz wohnen, so darf man wohl ohne Kränkung vom genius loci reden; zudem ist es ja kein Schimpf aus Galizien zu stammen. Herr Münz meint ferner, »die Wahrheit und das strahlende Licht, das von den Predigten des Dr. Horowitz ausgeht, wird besagte Recension nie zu verdunkeln im Stande sein«. Aber der Recensent will dem Dr. Horowitz, den er gar nicht kennt, absolut nicht verdunkeln, der Recensent liest mit grossem Vergnügen die Schriften des Maggid aus Duhno and möchte lieber ein guter Maggid als ein schlechter Prediger sein. — Offenbar ist Dr. Münz auf die deutsche Bildung nur deswegen so eifersüchtig, weil er hart an der Grenze der deutschen Bildung wohnt.