Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 48. (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- Seite 189 (sequence 3)
- Language
- German
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180 — »Strecke Deine Hand ansl« endlich hat Jesus ja den Sabhatli auch nicht im Entferntesten entweiht. Er appellirt ganz überflüssig an die in der That rührenden pharisäischen Vorschriften, um ein am Sabbath verunglücktes Vieh retten zu können, ohne dabei direct den Sabbath entheiligen zu müssen. Aber um etwas ganz andere> handelte es sich hier. Jesus Heilverfahren bestand im sogenannten »Besprechen« (לחישה), Das war nicht nur am Sabbath. sondern überhaupt verboten (Synhedrin IM). Mischna) und mit dem Verlust des ewigen Seelenheils bedroht. Darauf fusste die Anklage der Pharisäer und mit der Behauptung, »dass es recht sei, am Sabbath Gutes zu thun« war dieselbe noch keineswegs entkräftet. Marcus 3, 4 fügt noch die Frage hinzu: »Soll man an» Sabbath ein Leben erhalten oder tödten?« Sie aber schwiegen stille. Ob den Pharisäern nach den oben angeführten Grundsätzen ihrer Lehre eine treffende Antwort zu Gebote stand, mag jeder Unparteiische entscheiden. Wütliend, wie sie es nach Lucas (5, 11 geworden sind, mögen sie nur über die seltsame, mit dem Gegenstände gar nicht zusammenhängende Fragestellung gewesen sein. — Mit der Heilung des Kranken im Teiche Betliesda verhält es sich freilich ganz anders. Nach dem ausdrücklichen Zeugnisse des Evangelisten Johannes 5. 10 richtete sich der Unwille der Pharisäer nicht gegen die Heilung am Sabbath, sondern gegen den gesundeten Kranken, der trotz des Trageverbots, am Sabbath die Bahre, auf der er gelegen, tmg. »Es ziemet Dir nicht, Deine Bahre zu tragen,« riefen sie ihm auf Grund der bib lischen und talmudischen Verordnung zu und der Evangelist schliesst ganz ungerechtfertigt: »Und darum verfolgten die Juden Jesum, weil er solches am Sabbath that.« Viel eher scheint es uns, dass man den Talmud von jeher so bitter verfolgte, weil aus ihm eine unwiderlegliche historische Kritik gefärbter und entstellter Berichte jener Zeitepoche gewonnen werden kann. Recensionen. Singer, J., Anarchie et Antisemitisme. Paris, Imprimerie Tyj־ographique F. Chatclus, Rue de Forges 0, Place de Caire. Der durch seine Schriften im Interesse des Juden" thums bekannte Verfasser erhebt seine Stimme zu einem — wie er selbst zugiebt — undankbaren Appell an die Grossen der Welt und Israels, um sie mit wannen Worten, die zuweilen etwas phrasenhaft wirken, über den Antisemitisnius aufzuklären. Er nennt diesen »le lils bätard du clericalisme et de ranarehisme«, und wenn er im zweiten Theil dieser Benennung auch nichts Neues sagt, so bringt er für ihn doch neue Beweise und rechtfertigt auch die erste neue Bezeichnung. Dass der Antisemitismus eine Vorstufe der Anarchie ist, dafür bringt er Belegstellen aus Ereignissen und Aus- Sprüchen bedeutender Männer verschiedener Länder. Sein Misstrauen aber gegen den Klerikalisiuus begründet er durch die Mittheilung einer Ansprache, welche der frühere Untersccretair der schönen Künste, M. Edmund Turquct, am 17. Mai an ein Auditorium von mehr als tausend Studenten zu Paris gerichtet hat, und die thatsächlieh das Menschenmöglichste an Gehässigkeit und Aufreizung leistet und von der wir Einiges wiedergeben: »Auferte gentem perlidam credentinum de linibus. Eloigncz des frontiörüs ehretiennes la nation pertide!« Nach diesem vielversprechendem Anfänge (»Haltet fern diese falsche Nation von den christlichen Grenzen«) fälut unser antisemitischer Meister etwa folgendermaassen fort: »Die katholische Kirche, welche sich mit diesem Gebete zu Gott wendet, zeigt uns in den Juden die menschgewordene Treulosigkeit und warnt uns vor einer Gefahr, die durchaus nicht eingebildet ist — die Erfahrung beweist es!« Wir sind die Beraubten und Verfolgten. Wir schämen uns, die schmachvollen Fesseln zu tragen, welche in den freimaurerischen Judenlogen gegen die Christen geschmiedet werden. Der Kampf, d! n wir organisiren, ist kein Kampf der Partei oder der Ehrsucht, sondern ein Kampf für den Altar . . . .« In diesem zeintischen Tone geht es noch eine Weile fort; er macht die Juden, wie üblich, für alles verantwörtlich; für das Ehescheidungsgesetz, welches so furchtbar in das französische Familienleben einschneidet, »et qui est l'oeuvre d un juif« — für Umwandlung der neutralen Schule in eine atheistische »um in Frankreich den Geist des christlichen Glaubens und die christliche Civilisation zu zerstören«. Was doch die 70,00Ü Juden in Frankreich und den Colonien für Schwerenöther sind, dass sie solches gegen den Willen der »grrrande Nation:, fertig bekommen haben! Es ist, als ob man Stöcker und Ahlwardt zu einem Teig zusammengeknetet hätte! Darum, »wenn Gott cs nicht zuliess, dass die katholischen Engländer in Frankreich herrschen durlten, wenn er durch ein Wunder sie aus dem Lande trieb; wie sollte man annehmen, dass er es zulassen würde, dass dieses herrliche Land Juden und Renegaten unterworfen werden würde? »Courage donc et conliance! Vous vaincrez, soyez en sürs, car votre lutte est aussi legitime que les croisa d es et aussi patriotique que la Campagne de Jeanne d'Arc. Vous etes des hommes d’aetion, et vous saurez quoi qu’il arrive, toujours faire votre devoir. En avant, mes chers amis, toujours en avant, aux cris de Dieu le veut! et de »La France aux Framjais!« (»Muth denn und Vertrauen! Seien Sie dessen gewiss, dass Sie siegen werden, denn Ihr Kampf ist ebenso gerecht, wie die Kreuzzüge und ebenso patriotisch wie der Feldzug von Johanna d’Arc. Sie sind die Männer der That, und wie es auch kommen mag, Sie werden immer Ihre Pflicht erfüllen. Vorwärts, meine theuern Freunde, immer vorwärts mit dem Rufe: ,Gott will es- und ,Frankreich für die Franzosen!‘«) Dass eine derartige Verhetzung unreifer Jünglinge dem Verfasser die Zornesröthe in's Gesicht jagt und die Feder zur energischen Abweisung in die Finger drückt, ist erklärlich, er müsste sonst kein Blut in den Adern haben — da sind unsere katholischen Wortführer im Allgemeinen doch maassvoller — und er nennt mit Recht diese Anrede des neuen Peter d'Amiens: infam. Dem bis zum Ueberdrusse gehörten Voiwürfe; dass die Juden alle Kapitalien aufsammeln, begegnet der Verf. mit dei Bemerkung, dass auch er ein Feind sei des aufgespeicherten Kapitals, welches Gott zum Gebrauche für alle Menschen gegeben hat, aber er lindet, dass der 15- oder lüjährige Elsässische oder Lothringische Jude, welcher ohne einen Pfennig in der Tasche nach Brasilien oder Kalifornien auswandert und nach 30—40 Jahren mit einer gespickten Brieftasche von dort zurückkehrt, die er sich durch mühevolle Arbeit errungen hat, viel ehrenhafter sei, als der stolze Aristokrat, der unthälig inzwischen sein Ererbtes vergeudet■ und lieber das mit Schulden und Hypotheken belastete Schloss seiner Ahnen verlässt, ehe er die Hände zur Arbeit rührt. Den Aristokraten und besitzenden Bürgern, welche heute die blutigen Angriffe Drumonts und Gonsorten gegen die Juden lächelnd lesen, ruft er die Warnung zu. dass sie nicht lachen werden, wenn die Nachfolger dieser Demagogen die Maske abwerfeu und einen unerbittlichen Krieg gegen alle Besitzenden führen werden gegen alles Kapital, ob es unter dem Taufstein