Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 47. (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 185 (sequence 3)
- Language
- German
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185 nahmen die Abbildungen mit dem Texte darunter wieder gegeben. Diese Inschrift »handelt von sieben Jahren der Hungersnoth, für welche ein ägyptischer Pharao Abhülfe schaffte.« In der Abbildung erscheint ein König Egyptens, welcher drei Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Nach der Inschrift heisst er Tosertatis; das ist Tos er, sonst auch in den Königslisten Toser-So genannt, ein König der dritten Dynastie. Er gehört unter die Zahl jener sagenhaften Herrscher, von welchen bis auf die oben erwähnte Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind. Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Katarakten-Gott Clinubis von Elepliantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anukis, welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisiren. Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem König: »Ich schenke Dir die Ueberschwennnung für jedes Jahr.« Die Inschrift besteht aus 32 langen Kolumnen. Die ersten 4 Zeilen lauten: »Im Jahre 18 der Regierung des Königs Tosertatis, damals als erblicher Fürst und Regent der Städte des Südens und Landpfleger der nubisehen Völker in Elephantine Madir war, da wurde diesem die folgende Botschaft des Königs zu Theil: »Ich trage Kummer um den Thronsitz und die Insassen des Palastes. Es ist in Trauer versenkt meine Seele wegen des übergrossen Unglücks, darum, weil die Nilfluth in meiner Regierungszeit sieben Jahre nicht eingetreten ist. Es herrscht ein Mangel an Getreide, es fehlen die Kräuter, und es ist eine Leere an allem, was zur Speisung dient. Jedermann wird zu einem Räuber an seinem' Nächsten. Man will sich vorwärts bewegen, kann aber nicht gehen. Das Kind vergiesst Thränen, der Jüngling schleicht einher, und die Alton, ihre Seele ist niedergebeugt, ihre Beine sind zusammengekrümmt und auf dem Boden ausgestreckt, und ihre Hände ruhen im Busen. Die Grossen des Reiches sind ratlilos. Die Vorrathskisten werden aufgerissen, aber nur Luft ist ihr Inhalt, denn alles, was vorhanden war, ist aufgezehrt.« Diese eingehende Schilderung der Hungersnoth ist wie eine Ausmalung dessen, was 1. Mose 41, 55 kurz angedeutet ist: Da nun das ganze Egyptenland auch Hunger litt, schrie das Volk zu Pharao um Bi’ot.« Im weiteren Verlauf der Inschrift wendet sich der König, um die Ursache der seit sieben Jahren ausgebliebenen Ueberschwemmung des Stromes zu erfahren, an den oben genannten Gouverneur, weil er in Eieplnintine, d. h. in der Nähe der vermeintlichen Nilquellen residirte, mit der Frage nach zwei sehr wesentliehen Punkten, nach der Stelle des Ursprungs des Niles, und nach dem Wesen der daselbst verehrten Gottheit. Er schreibt: »Sage mir, wo ist die Stätte der Entstehung des Nil- Stromes; welcher Gott oder welche Göttin ist der Schutzpatron (V) an derselben und wie ist seine Gestalt?« Madir belachtet persönlich dem Könige in fast dichterischem Schwünge: י Es liegt eint‘ Stadt inmitten des Stromes, bei welcher der Nil zum Vorschein kommt. Elepliantine heisst sie von Alters her. Es ist die erste Stadt und der erst(' Gau, nach dem Negerlande Wawa zu, der Anfang des egyptisehen Reiches. Es ist eine hohe gewölbte Troppo, auf welcher der Sonnengott zur Zeit der Friihlingsglciche nach ihrer Reellinnig omporsteigt um allen .Menschen das Leben zu fristen. Anmuthig zu leben, so heisst diese seine Wohnstätte. Die beiden Duell-Löcher, also heisst das Gewässer, das sind die Brüste, welche allem Gedeihen schenken. Sie sind das Ruhebett für den Nil.« Madir setzt diese Schilderung noch weiter fort und sagt dann: »Er (der Nil) steigt (bei Elephantine) 28 Ellen empor und er sinkt bei Diospolis in Unteregypten bis auf 7 Ellen. Die Sonne der Frühlingsgleiche erscheint dort als Gott Chnubis. Er schlägt den Boden mit seinen Fusssohlen, und es mehrt sich die Fülle. Er öffnet den Riegel des Thores mit eigener Hand, und die Thiiren seines Wasser- Spundes thun sich weit auf.« Darauf schildert Madir die Iusel und die Reichthümer der natürlichen Producte in ihrer Umgebung. Jeder Pflanze und jeder Steinart giebt er ihren Namen. Der König ist entzückt mul für die Zukunft beruhigt. Er sagt: »Meine Seele ist froh, nachdem ich solches gehört habe.« Der König begiebt sich nach Elephantine. Er sagt: »Ich fand den Gott vor mir stehen und betete ihn in Demuth an. Sein Auge that sich auf und sein Herz ward gerührt, und also erscholl seine Stimme: »Ich bin der göttliche Baumeister (Chnum), der Dich erschaffen hat. Meine Hände ruhten auf Dir, um Deinen Körper zu fügen und Deinem Leibe Gesundheit zu verleihen. Ich flösste Dir Deine Seele ein.« Der Gott verheisst dann dem Pharao, dass er die Nilfluth alljährlich eintreten lassen werde. Dies giebt dem König seinen ganzen Math wieder. Er sagt: »Mein Muth kam wieder und ins Gleichgewicht trat meine Niedergeschlagenheit.« Er entschliesst sich, dem Gotte für alle Zukunft sich dankbar zu erweisen. Und das war der eigentliche Zweck der ganzen Inschrift. Der König sagt: »Ich erliess folgenden Befehl an der Stelle, wo mein Vater, der göttliche Baumeister, weilt: »Ich, der König, gewähre Dir, Gott Chnubis, dem Herrn des Kataraktenlandes auf nubischem Gebiete, den Unterhalt als Dank für das, was Du mir thun wirst.« Der »Unterhalt« des Gottes bedeutedete die notliwendigen Mittel zu den üblichen Festopfern, zur staudesgemiissen Ernährung der Priester und zu sonstigen Ausgaben für den Tempelcultus. In diesem Falle sollte im Umkreise von 20 egvptischen Meilen der Zehnte der Ernte, der Einkünfte aus Gewerben, aus Kriegsbeute u. a. erhoben werden. Zum Schlüsse wird vorgeschrieben, das Königliche Decret auf einen Stein an hervorragender Stelle niederzuschreiben. Der König Toser lebte nicht zu Josephs Zeit, etwa 1800—1700 v. Clir., sondern mehr als 3000 Jahre v. Ohr. Die Inschrift vom Jahre 18 der Regierung dieses Königs stammt aber nicht aus seiner Zeit, denn sonst hätten wir in ihr das älteste Denkmal auf der Erde. Dagegen spricht die Sprache und der Schriftstil, die in die Jahrhunderte unmittelbar vor Christi gehören. Den Priestern dieser Epoche lag daran, ihren Anspruch auf den Zehnten durch eine uralte Legende zu begründen. Die Inschrift zeigt, dass in den geschichtlichen Erinnerungen der Egypter eine Ucberlieferung vorbanden war, welche von den sieben Hungerjaliren zu erzählen wusste, die bis in die Regierung der ältesten Könige des egyptisehen Reiches zurückversetzt wurde. Brugsch sagt: »Kür die biblische Erzählung von Joseph in Egypten kann sie als ein neues, nicht zu unterschätzendes Zeugniss gelten, dass der älteste unbekannte Erzähler oder Verfasser derselben genau in den egyptisehen Dingen unterrichtet war. Die Sag(■ mochte während des Aufenthaitos der Kinder Israel in Egypten selbst entstanden sein,