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Das jüdische Literaturblatt · 1894-11-23 · No. 47. (23.11.1894) · p. Seite 184

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 47. (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
Seite 184 (sequence 2)
Language
German
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184 ich nicht annchmen. — Hingegen finde ich im A. T. nichts, das diesen Lehren ähnlich sichet, nichts, das meiner Ueberzougung nach mit der Vernunft streitet. Daher kann ich mich mit gutem Grunde auf die historische Glaubwürdigkeit verlassen, die wir diesen Schriften einstimmig znerkennen. Der Unterschied, den ich zwischen den Hücliern des alten und neuen Testaments mache, besteht also darin: jene harmoniren mit meiner philosophischen Ueberzeugung oder widersprechen derselben wenigstens nicht, diese hingegen fordern einen Glauben, den ich nicht leisten kann.—Ich weiss, dass nach der geheimen Lehre einiger vortrefflichen Männer, die es mit der Wahrheit und der christlichen Religion sehr gut meinen, alle diese der gesunden Vernunft wie es scheint anstössige Sätze für menschliche Zusätze erklärt werden. Nach dem LohrbegrifF dieser Weisen, den man in England schon öffentlich auszubreiten anfängt, war der Stifter der Christliehen Religion ein Mensch, wie wir übrigen auch sind, — aber ein Gesandter und Prophet Gottes, etwa wie der Stifter der jüdischen Religion, oder noch grösser, und er hatte den Beruf unmittelbar von Gott, die alte natürliche Religion in ihre geheiligten Rechte einzusetzen, die Mensehen von ihren Pflichten und von ihrer zukünftigen Glück- Seligkeit zu unterrichten und seine Lehre durch übernatürliehe Wunderwerke zu bekräftigen. — Herr Bonnet hat seine Religion auch nur von dieser vortheilhaften Seite ge• zeigt, und obgleich nicht daraus zu beweisen ist, dass er Dasjenige, was er verschweiget, nicht auch für wahr halte, so müsste ich Dieses doch auf eine Zeitlang vorausetzen, um die christliche Religion der unitarischen Christen mit der ineinigen zu vergleichen. Ich mache an diese Verbesserer der herrschenden Religion noch folgende Anforderungen: 1. Sie müssen in ihren Lehrgebäuden nicht, wie Herr Bonnet gethan, den Satz zum Grunde legen, dass das .ludenthum und noch weit mehr die natürliche Religion zur künftigen Glückseligkeit der Menschen unzureichend sei. Da die Menschen alle von ihrem Schöpfer zur ewigen Glückseligkeit bestimmt sein müssen, so kann eine ausschliessende Religion nicht die wahre sein. Diesen Satz getraue ich mir als Kriterium der Wahrheit in Religionssuchen unzugeben. Eine OfFenharung, die allein die seligmachende sein will, kann nicht die wahre sein, denn sie harinonirt nicht mit den Absichten des unbarmherzigen Schöpfers. Nach der verbesserten Form, welche diese Lehrer der Religion gegeben, haben sie auch zu dieser Ausschliessung nicht den geringsten Grund. Wenn der Stifter bloss den Beruf und die Absicht gehabt, die natürliche Religion in ihre Rechte ('inzusetzen, und die Menschen von ihrer ewigen Seligkeit zu versichern, so muss es zu meinem Heile hinreichend sein, wenn ich nach der natürlichen Religion lebe und die Lelm' von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele von ganzem Herzen annehme. - Dass ein gewiss(1;■ menschlicher Lehrer dereinst den göttlichen Beruf gehallt, diese Lelm; durch Wunder zu bekräftigen, Dieses zu glauben, kann keine nothwendige Bedingung meiner Glückseligkeit sein. 2. Die Ewigkeit der Höllenstrafen wird hoffentlich in diesem gereinigten System keinen Platz finden. Allein auch die Lohre von der Genugthuung und Befriedigung der göttlichen Strafgerechtigkeit wünschte ich reforinirt zu sehen. — Die göttliche Gerechtigkeit heischet keine Genugthuung, sondern eine Bestrafung, eine Züchtigung, welch(* dem Sünder selbst zum Besten gereichet. Sobald in der Haushaltung Gottes die Strafe nicht mehr zum ewigen Wohl des Sünders unentbehrlich ist, so wird sie ihm erlassen. :1. Dass ein Unschuldiger die Schuld eines Andern trage, und wenn er sie auch freiwillig übernehme, kann, meinen Begriffen nach, in dem Staat(' Gottes von dem allorgerochtostcn Wesen nicht zugelassen werden. Auch aus diesem Satze folgen einige nöthige Verbesserungen, die sich von selbst ergehen. I. Von der Erbsünde weiss die gesunde Vernunft nichts und das A. T. eilen so wenig. Adam hat gesiindiget und ist gestorben, seine Kinder sündigen und sterben, aber sie sind nicht durch seinen Sündenfall dem Guten abgestorben und in die Macht des Satans gekommen. 5. Vom Satan und den bösen Geistern möchte ich auch gerne die Freiheit haben zu glauben, was meiner Vernunft gut dünkt. Das A. T. bestimmt über diese Punkte nicht mehr, als sich vernünftig erklären lässt. ti. Der Stifter der christlichen Religion hat niemals mit ausdrücklichen Worten gesagt, dass er das Mosaische Gesetz aufheben und die Juden davon dispensiren wolle. Ich habe Dieses in allen Evangelisten nicht gefunden. Die Apostel und die Jünger sind sogar nachher noch in Zweifei gewesen, ob nicht Heiden, die sich bekehrten, auch das Mosaische Gesetz annehmen und sich beschneiden lassen müssten. Allein es wurde beschlossen, den Heiden keine zu grosse Last anfzulegen (Apostelgeschichte). Vollkommen nach der Lehre der Rabbinen, die ich in meinem Schreiben an Lavater angeführt. Aber für Juden, und wenn sie auch das Christenthum annehmen, finde ich im N .T. keine gegründete Dispensation von dem Mosaischen Gesetze. Vielmehr hat der Apostel selbst Timotheum beschnitten. Man räume mir also ein, dass es für mich kein Mittel giebt, mich von dem Mosaischen Gesetze zu befreien. Wenn ausser der Verbesserung der Hauptlehren der Religion auch noch diese Sätze nebst allen ihren Folgen zugegeben und die Schriften des N. T. nach Massgebnng aller dieser Voraussetzungen ausgelegt und erklärt werden, so erlangt man eine Religion, daran Christen und Juden gleichen Antheil nehmen können. Unter diesen Bedingungen können die Anhänger des Judenthums sich gar wohl gefallen lassen, dass dereinst ein Prophet und Gesandter Gottes den Beruf gehabt, nicht das Mosaische Gesetz aufzuheben, sondern dem gesummten menschlichen Gesehlechte die heiligen Lehren von der Tugend und ihrer Belohnung in jenem Leben zu predigen; und von der andern »Seite wird es den Nachfolgern Jesu nur darum zu thun sein, dass man die Lehren annehme und aushreite, die ihr Religionsstifter auszubreiten den Beruf gehabt. Will man die Göttlichkeit des Berufs selbst anerkennen, so ist es um so viel besser, aber es wird keinen Unterschied in der Religion machen, ob man diese erkennet, in Zweifel ziehet oder auch leugnet. — Ich kann es nicht genug wiederholen, es kömmt Alles auf die logische Wahrheit der Lehre, nicht auf die historische Wahrheit der Gesandtschaft an. (Fortsetzung folgt.) Professor H. Brugsch und die Bibel. (Schluss.) Wir wenden uns jetzt zu dem, was Brugsch das »Hauptstück meiner Studie über .Joseph in Egypten« nennt. Er erzählt (Steinschrift und Bibelwort *S. HS) Folgendes: »Als ich die Insel Seliel*) im Jahre 1 sr>;l zum ersten Male besuchte, um in das Verstiimlniss der Felseninschrifton einzudringen, fiel mir ein mächtiger Block in die Augen, der etwa eine Höhe von neun Fuss besitzt und auf seiner Vorderseite mit einer ausgedehnten hieroglyphischen Inschrift von fünf Fuss Höhe bei sechs Fuss Breite unterhalb einer bildlichen Darstellung bedeckt ist. Leider sind die einzelnen Schriftzeichen so flach auf den Stein gemcisselt und von einer so flüchtigen Ausführung, dass ich. zumal beim grellen Sonnenlicht und bei der Höhe ihrer Lage, nicht im Stande war, weder eine Abschrift noch einen Auszug davon anzufertigeu. Ein mir befreundeter Gelehrter, Herr Willbour aus Amerika, hat endlich diese empfindliche Lücke ausgefüllt und auf dem Wege photographischer Auf- •) Zwischen dom ersten Wasserfall (Katarakt von Svene und der Insel Klophantino.

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