Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1894-11-16 · No. 46. (16.11.1894) · p. Seite 181

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 46. (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
Seite 181 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5367336-6582189-5991488--2612-5369420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

181 posten hatte, das' königliche Eigenthum bis zu den Speisen und Getränken hin unter Siegel zu halten. Heute •heisst ein solcher Beamter in den Palästen der orientalischen Fürsten Abdar. (Schluss folgt.) Recensionen. Predigten von Dr. S. Horwitz, Rabbiner in Bielitz. Im Selbstverlag. 1894. Ein ausgezeichneter Maggid wurde einst von seinen Verehrern auf dem Wochenmarkt getroffen, wo viel Volk sich tummelte und Gelegenheit genug zu interessanten Beobachtungen sich bot; seine Freunde fragten ihn, was er denn, der kein Geschäft betreibe, in diesem Gewühle wolle. Er antwortete, er suche ein Gleichniss, irgend einen eigenthümlichen Vorgang, hätte er erst diesen, so würde es ihm ein Leichtes sein, ihn in Beziehung, in Vergleich mit irgend einem religiösen oder moralischen Verhältnis zu bringen. Aber der wackere Prediger der alten Schule dachte sich die Sache doch wohl leichter als sie ist. Durch das Haschen nach Gleichnissen erhalten diese Reden etwas Erzwungenes, Erkünsteltes und das Gleichniss, das, wenn es sich natürlich und ungezwungen bietet, so wohlthuend den Hörer anregt, fröstelt ihn an, da man merkt, dass der Redner auf der Gleichnissjagd sich befindet. Nicht anders geht es mit der Deutung von Bibelversen. Eine geistreiche Deutung, die leicht und gleichsam von selbst sich bietet, schafft dem moralischen oder religiösen Gedanken raschen Eingang; der Erfolg und die Wirkung auf den Leser bleibt selbst dann nicht völlig aus, wenn die Deutung nur witzig und sachlich unhaltbar ist; aber wenn ein den Worten ganz fremder Sinn gewaltsam hineingepresst wird, 80 fragen wir, wozu denn eigentlich dieser hocus pocus nöthig ist. Eine Rabbinersfrau alten Schlages hat dieses leere Spielen mit Worten sehr gut persiflirt; sie hatte eine Gans auf dem Markt gekauft und konnte _ sie in ihrer Behausung nicht gut unterbringen; da sagte sie zu ihrem Manne: Du kannst alles Mögliche in den Bibelvers hineinstellen; vielleicht stellst Du auch die Gans hinein. Noch einen Fehler haben die alten Darschanim, in Folge ihres Strebens geistreich zu sein um jeden Preis; sie blieben nicht bei der Stange; sie liessen sich durch Ideenverwandtschaft von einem Gebiet auf das andere locken; sobald nur ein Vers an einen andern anklingt, so gehen sie diesem Anklange nach und unvermerkt kommen wir von dem ursprünglichen Gegenstände ab. Diese Ideenassociation ist sehr erspriesslich für das Gespräch; das Gespräch wird eintönig, wenn es lange an einem einzigen Gegenstand haftet und diesen so zu sagen auspresst. Da ist es gut, durch Ideenassociation sich weiter führen zu lassen, so dass durch sanfte Uebergänge die Unterredung ganz wo anders aufhört, als wo sie angefangen hat. Auch in den alten Predigten sehen wir diese Regellosigkeit, die dem Gespräch zum Segen, aber beim Lesen oder Hören eines Aufsatzes zur Qual wird. Der Leser und Hörer 8011 all die Gedankensprünge mitmachen und verliert den Athem, verliert mindestens die Lust zu folgen. Auch die modernen, religiösen Redner sind oft, trotz der strengen Dreitheilung und trotzdem sie sich genau an den Text halten, nicht so logisch als es scheint; denn diese drei Theile hängen oft innerlich nicht zusammen; sie sind nur änsserlich aneinander geheftet; es fehlt das geistige Band. Es gereicht einer Rede nur zum Gewinne, wenn die Logik nicht nur rein äusserlich sich markirt durch genaue Ejntheilung in: Einleitung, drei Theile, Schluss, sondern in der Entwickelung selbst sich kund giebt. — Aus diesen allgemeinen Bemerkungen ergiebt sich rasch, worin der Vorzug und die Schwäche der Predigten des Dr. Horowitz bestehen; man erkennt den genius loci; sie kommen von der galizischen Grenze; es ist Alles polnisches Maggidus in deutschen Worten; das deutsche Kleid ist nur ganz lose der jüdischpolnischen Derascha über die Schultern gelegte Der Geschmack an derartigen Leistungen ist unter uns keineswegs geschwunden. Jahrhunderte hindurch ist der jüdisehe Volksgcist dazu erzogen worden, das Scharfe, Witzige, Pointirte, Glänzende dem Korrekten vorzuziehen und über das Einfache und schlechthin Richtige verächtlich hinwegzusehen. Dieses volkspsychologische Moment darf nicht ausser Acht gelassen werden. Jellinek war geistreich, klar und logisch, nur hin- und wieder überwuchert das Geistreiche. Horowitz ist nur geistreich; er spricht als galizischer Jude für galizische Juden; das ist kein Vorwurf, aber es muss der Standpunkt fixirt werden, auf den der Redner, vielleicht nicht mit Bewusstsein, sich stellt, auf dem er aber zweifellos steht. Und es ist auch ein Standpunkt, wie viele andere;) wie man in Polen sagt, er wirft nur so mit Midraschim, während der Redner, der einen bestimmten religiösen Gedanken streng durchführt, nur die Midraschstellen brauchen kann, die zu seinem Thema gehören; daran ist unser Redner, dessen Princip die Ideenassociation ist, nicht gebunden. Auch diese Häufung von Midraschim imponirt zuweilen und erscheint als Gelehrsamkeit. Da alle diese Reden in demselben Stile verfertigt sind, 80 ist jede geeignet, um an ihr die starken und schwachen Seiten des ganzen Genres zu zeigen. Der Text der ersten Rede ist Exodus XIII, 14, übersetzt wird: »Wenn Dich Dein Sohn morgen fragen wird: was bedeutet das Fest dann antworte ihm: mit mächtigem Arm hat uns Gott aus Aegypten geführt, aus dem Sclavenhause.« »Was be־ deutet das Fest« ist nicht richtig übersetzt; an der citirten Stelle ist vom Feste gar keine Rede, sondern von der Auslösung der Erstgeborenen. Auf diese Ceremonie bezieht sich die Frage, und auf sie geht die Antwort, zu der auch der fünfzehnte Vers gehört. An die falsche Uebersetzung knüpft sich dann sofort die Bemerkung; »Es ist auffallend, das die Schrift gerade beim Pessachfeste den Vätern die Antwort einschärft, die sie ihren Kindern auf die Frage nach der Bedeutung der Feier ertheilen sollen. Warum gerade bei unserem heutigen Feste und nicht bei einem anderen? Besorgte vielleicht die Schrift, es könnte ein Vater durch die Frage seines Sohnes in Verlegenheit gerathen?« Alle diese Fragen, ich meine nicht die Frage »deines Sohnes«, sondern die Fragen des Dr. Horowitz sind deplacirt, denn die Bibel redet ja gar nicht vom Passahfest, sondern von etwas ganz anderem und die Hagadah, die diesen Vers aufnimmt, giebt Herrn Horwitz gar keinen Anlass zu einem solchen Irrthum. Jetzt haben wir es mit einer schlechten Frage zu thun und da ist eigentlich eine gute Antwort gar nicht möglich. Der Auszug aus Aegypten hat, wie wir wissen, in der That eine generelle Bedeutung, die weit über das Passahfest hinausgeht, und alle Feste, ja die gottesdienstliche Ordnung jedes Tages ist eine »Erinnerung an den Auszug aus Aegypten«. Selbstverständlich weiss Herr H., in welchem Zusammenhang dieser Vers in der heiligen Schrift steht, er citirt am Rande genau das Capitel. Aber das ist eben der alte polnische Stil in Halacha und Agada; der Rambam musste »herb«, der Bibelvers oder der Midrasch musste «schwer« sein, koste was es wolle.— Der weitere Fortgang der Rede belehrt uns dahin, dass die Schrift den Unterrieht als die Pflicht der Eltern und nicht der Lehrer ansieht. Dazu lesen wir auf den ersten Seiten Worte wie: einschmeichlerisch e Kraft; nach H. (au der Spitze der dritten Seite) reift das Gute erst und sodann blüht es empor. Aber das sind Einzelheiten; peinlicher ist, dass das schlichte Wort der Schrift verdreht wird und dass in ihm ein Hinweis gesucht wird auf als »was das Haus leistet und die Schule unmöglich leisten kann«. Wir haben die erste Rede und besouders die ersten Zeilen dieser Rede hier einer Prüfung unterzogen; natürlich giebt es auch viele Oasen; der Verfasser ist ein belesener, nachdenklicher, auch ein phantasiereicher Mann; leider ist die Phantasie manchmal ungezügelt und verwildert; einen Einfall, und sei es auch einen minderguten, unterdrücken, auch wenn er in den Zusammenhang schlechterdings nicht hineinpasst, scheint Herrn Horowitz nicht leicht möglich. Der Verfasser hat, wenn er Selbstzucht anwendet, die Aussicht, einmal Besseres zu leisten und wie jetzt den Geschmack seiner Landsleute, so später auch den gebildeten Sinn moderner Menschen zu befriedigen.. Edler und vornehmer als das Talent ist die Gesinnung, die sich in diesen Reden kund giebt. R. R.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.