Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 46. (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- Seite 180 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Angaben aus Werken des Engländers Wilkinson und des Italieners Rosellini entlehnt. So war es denn sehr erwünscht, dass auch noch nach Ebers »Aegypten und die Bücher Mosis« (I8t>8) eine solche Autorität wie Professor Brugsch das Wort nahm. Er that dies in einemAufsatz: »Joseph in Aegypten«, in No. 1(> 1890 der Halbmonatsnefte der »Deutschen Rundschau^ (Berlin, Gebrüder Paetel) und in dem grösseren Werke: »Steininschrift und Bibelwort« (Berlin, Allg. Verein für deutsche Literatur, 1891). Der erstgenannte Aufsatz beginnt mit der schönen Stelle: »Wie eine kostbare Perle leuchtet uns die Geschichte von Joseph in Aegypten aus dem offenen Schatzkästlein der biblischen Ucberlieferungen des Alten Testaments entgegen. Sie ist und wird für alle Zeiten ein unübertroffenes Muster der morgenländisclieu Erzählungskunst bleiben und durch Inhalt und Form ihre Wirkung auf die Seele des Hörers und Lesers niemals verleugnen. Selbst ein Voltaire fühlte sich von der Macht ihres Eindruckes zur Bewunderung hingerissen, und der Stifter des Islam, der Prophet Mohammed, bezeichnete sie geradezu als die herrlichste aller Geschichten. Den gesammten Völkern des Morgenlandes erscheint noch heute Joseph als das unerreichte Vorbild eines ebenso schönen als tugendhaften Jünglings, der nach dem Willen Gottes dazu auslesen war, die Mit- und Nachwelt durch den Liebreiz seiner äusseren Erscheinung, durch die Anmuth seines Wesens und durch die Weisheit seiner Gedanken im vollsten Sinne des Wortes zu bezaubern.« Der Verfasser giebt dann der biblischen Geschichte Joseph’s noch das bedeutsame Zeugniss: »Auf Grund der altägyptischen Denkmälerstudien ist es gelungen, in der Geschichte Joseph’s, wie sie die biblische Ueberlieferungen in ihren Einzelheiten erzählt, auf Schritt und Tritt echt ägyptischen Anschauungen und Gewohnheiten bis zum Hofleben hin zu begegnen, 80 dass an die Glaubwürdigkeit der Ueberlieferung auch nach dieser Seite hin nicht der mindeste Zweifel gestattet ist.« Sehr interessant ist ein in einem Papyrus noch vorhandencs »Märchen, welches in der Moseszeit von den Aegyptern gelesen wurde« und welches Brugsch mittheilt. Dasselbe bildet ein Seitenstück zu dem Erlebniss Joseph’s mit der Frau Potiphar’s. In dem Märchen kommen zwei Brüder, Landleute, vor, von welchem der Aeltere verheirathet ist. Dessen Frau sucht ihres Mannes Bruder zu verführen. Dieser weist sie mit den Worten ab: »Du, 0 Weib, bist mir wie eine Mutter und Dein Mann ist mir wie ein Vater gewesen, weil er älter ist, als ich es bin, und mich auferzogen hat. Was für eine grosse Sünde ist es, so Du zu mir gesprochen hast!« Darauf verfuhr das Weib in ihrer Wuth ähnlich, wie Potiphar'8 Weib. Sie beschuldigte den unschuldigen Bruder ihres Mannes des Frevels, den sie selbst vergeblich geplant hatte, und verwandte seine eigenen Worte, indem sie ihrem Manne vorlog, sie hätte abweisend gesprochen: »Bin ich nicht Deine Mutter und ist Dein grosser Bruder gegen Dich nicht wie ein Vater?« Darauf sagte sie wie verzweifelt zu ihrem Manne: »Aber wenn Du ihn am Leben lässest, so will ich sterben!« Wie Potiphar, glaubte der Mann seinem Weibe. Das Märchen erzählt: »Da ward sein grosser Bruder zornig, gleichwie der Pardcl des Südens und schärfte sein Messer und nahm es in seine Hand. Dann stellte sich sein grosser Bruder hinter die Thür seines Stalles, um seinen kleinen Bruder bei seiner Ankunft am Abend zu morden, sobald er seine Rinder in den Stall eintreten liess. »Aber als die Sonne untergegangen war, da hatte er (der jüngere Bruder) sich mit allerlei Kraut des Feldes nach seiner alltäglichen Weise beladen und er war heimgekehrt. »Da sprach die Kuh, welche zuerst in den Stall hinciriging, zu ihrem Hirten: Sieh Dich vor! Dein grosser Bruder steht vor Dir und trägt sein Messer, um Dich zu morden. Bleibe ihm fern! »Als er die Rede seiner Leitkuh vernommen hatte, da kam die andere Kuh und sagte dasselbe. Und als er unter die Thür seines Stalles sah, da erblickte er die Füsse seines Bruders, der sich hinter die Thür gestellt hatte, mit einem Messer in seiner Hand. »Und er legte seine Last auf den Erdboden nieder und fing an zu laufen und sein grosser Bruder folgte ihm nach mit seinem Messer. Und sein kleiner Bruder riehtete seine Rede an den leuchtenden Sonnengott: »O Du lieber Herr, Du seiest es, welcher zwischen Lüge und Wahrheit entscheidet!«, »Und der Sonnengott hörte alle seine Klagen an und liess ein grosses Wasser entstehen zwischen ihm und seinem Bruder und es war voll von Krokodilen, und der eine von ihnen befand sich auf der einen Uferseite und der andere auf der anderen.« Als am nächsten Morgen der Sonnengott aufgestiegen war, theilte der jüngere Bruder dem älteren den wahren Hergang der Sache mit und bekräftigte seine Aussage durch einen Schwur bei dem leuchtenden Sonnengott. Dann schied er auf immer, um nach dem Cypressenthal zu wandern. Tief erschüttert kehrte der ältere Bruder heim, tödtete sein falsches Weib und warf sie den Hunden vor.« Es sei hier noch die Deutung einiger zum Theil sehr schwieriger ägyptischer Ausdrücke nach Brugsch mitgetheilt: Der Name »Phar-ao« bedeutet »hohes Haus«.1) Josephs Schwiegervater, der Priester in der Sonnenstadts) On =Hellipolis, hiess Potiphera.3) Der Kämmerer, der Joseph als Sclaven gekauft hatte, heisst beinahe ebenso: Potiphar.4) Das ägyptische Wort Pu-ti-phra bedeutet »das Geschenk der Sonne«. Pu-ti oder pe-te Geschenk und ru mit dem Artikel ph die Sonne. Dieser Name passt vollkommen auf einen Priester des Sonnen-Gottes. 1. Mose 41, 45 heisst es: »Und (Pharao) nannte ihn (Joseh) Zaphnath Paneach.« Diese Benennung ist verschieden gedeutet worden. Luther übersetzt nach älteren Auslegungen »den heimlichen Rath«. Andere haben verschiedene Deutungen gegeben. Brugsch giebt als ägyptische Form dieser Benennung an: Sapnute-ef-onch, die er übersetzt: »Es sprach der Gott: er lebe.« Mit dem Gott ist, wie in tausenden ähnlicher Beispiele, der König gemeint. 1. Mose 41, 43 heisst es: »Und (Pharao) liess vor ihm (Joseph) ausrufen: Abrech.« Letzteres Wort hat Luther übersetzt: »Das ist des Landes Vater«. Früher hatte Luther übersetzt: »Dass man die Kniee vor ihm beugen sollte«, und die Deutung »wirf Dich nieder« hat bis in die neueste Zeit für die richtige gegolten. Erst vor Kurzem hat der Director der orientalischen Sammlungen des Britischen Museums in London in einem dortigen Papyrus die wirkliche Grussformel in ihrer altägyptischen Fassung entdeckt. Sie lautet vollständig: »ab-re-k suza haak« d. h. erwünscht bleibe Dein Wort und gesund Dein Leib«. Die Formel »abre-k« bedeutete: »Dein W01־t (oder Dein Ausspruch) ist für uns ein Vergnügen« mit anderen Worten: »Wir sind zu Deinen Diensten bereit.« Damit sind, wie mit einem Schlage alle Schwierigkeiten gelöst. Recht interessant ist noch Folgendes: 1. Mose 45, 8 sagt Joseph: »Gott hat mich dem Pharao zum Ab gesetzt«. Da Ab auch ein hebräisches Wort ist Vater, so hat Luther übersetzt »zum Vater«. Ebenso andere Ausleger bis in die neueste Zeit. Ab ist aber ein ägyptisches Wort »Beschliesser«, der den Vertrauens- *) Dazu lässt sich vergleichen »Die Hoho Pforte«. s) Mit dem Tempel des Sonnengottes. s) 1. Mose 41, 50. *) 1. Moso 39, 1.