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Das jüdische Literaturblatt · 1894-11-02 · No. 44. (2.11.1894) · p. Seite 172

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 44. (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
Seite 172 (sequence 2)
Language
German
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172 mich habe ich in sehr vielen Punkten der Weltweis־ heit und der Weltreligion meine Partei genommen, und glaube nicht, dass ich jemals meine Grundsätze ändern könnte, aber eben so skeptisch, wenn ich meine Nebenmenschen beurtheilen soll. Ich räume einem Jeden dasselbe Recht ein, das ich mir anmaasse, und setze das grösste Misstrauen in meine Kräfte, irgend Jemanden so leicht von meiner Meinung überführen zu können. Daher die Zurückhaltung, die meine Freunde an mir wahrnehmen, so oft ich mich über diese Punkte der menschlichen Erkenntniss erklären 8011. Diese Fragen gehen unsere Glückseligseligkeit so nahe an, dass ich immer glaube, in dem Eingeweide meines Nächsten zu wühlen, wenn ich ihn von dieser Beite angreife . . . . . . Die Juden haben sich allezeit unerschrocken zu ihrem Glauben bekannt. Uuerschüttert sind sie da stehen geblieben, wo sie die Wahrheit zu finden geglaubt, und haben Alles über sich ergehen lassen, was der Muthwillen der Menschen nur erfinden kann, ihre Nebenmenschen zu martern, ohne anders zu reden, als ihre Ueberzeuguug mit sich brachte. Es sei fern, dass ich der jetzigen erleuchteten Christenheit die blutigen Verfolgungen verwerfen wollte, die in jenen barbarisehen Zeiten über meine Glaubensgenossen• verhängt worden sind. Es würde unrecht sein, einer aufgeklärten Nation die Grausamkeit anzurechnen, die ihre Vorfahren in dunkeln und ungesitteten Zeiten ausgeübt, und die von ihnen selbst verabscheut werden. Aber haben denn die blutdürstigsten Verfolgungen es je dahin bringen können, dass die Geplagten wider ihr Gewissen gehandelt, und sich äusserlicli zu einem Glauben bekannt hätten, den sie im Herzen nicht annehmen konnten? Die in Spanien und Portugal ihrem harten Schicksal untergelegen, und sich mit dem Munde zu dem Glauben ihi’er Verfolger bekannt, kommen, in Vergleichung mit der grossen Menge, die Schlachtopfer ihres Gewissens geworden sind, in keine sonderliche Betrachtung, und man weiss, mit weicher hartnäckigen Unbiegsamkeit die Kindeskinder jener Schwachen noch täglich allen Gefahren trotzen, und dass äusserste Elend wählen, um zu der Religion zurückzukehren, die ihre furchtsamen Vorfahren mit dem Munde verleugnet haben. Man kennt einige heldenmüthige Schriftsteller, die es den verfolgten Juden der vorigen Zeiten zur Niederträchtigkeit anrechnen, dass sie sich ohne den geringsten Widerstand, wie das Schlachtvieh, haben niedermetzeln lassen. Ich kann dieser Beschuldigung nichts als folgende Frage entgegensetzen. Zeigt Der keinen Mutli, der lieber in den schmählichsten Tod gehet, als mit dem Munde einige Worte spricht, die ihn seinem Verfolger an die Seite setzen würden? Kann Derjenige niederträchtig sein, der sich lieber von den Händen eines Wütherichs zerfleischen, als zum Verräther seines Gewissens machen lassen will? Der feurige Mutli eines Menschen, der die Rechte der Menschlichkeit vertheidigt, und ihrem Verächter Widerstand entgegensetzt, hat seinen grossen Werth, aber jener unbezwingliclie Sinn, der nicht körperliche Kräfte genug fühlet, das Unrecht von sich abzuwenden, aber standhaft genug ist, dem Tode starr in die Augen zu sehen, den er durch Heuchelei besänftigen könnte, wollen wir ihn, der gesunden Vernunft zum Trotz, Feigheit nennen? Dem Allerhöchsten sei gedankt, dass diese Auftritte, wenigstens in einem grossen Theil des gesitteten Europa, vorüber sind. Der Geist der blutigen Verfolgung scheint nach und nach von diesem Welttheile zu verschwinden, und die Menschen fangen an einzusehen, dass der Gott der Liebe sie nicht durch die Religion zu Henkern ihrer Nebenmenschen hat machen wollen. Hat aber deswegen der Geist der bürgerlichen Verfolgung aufgehört, der die Schwächeren zwar leben lässt, aber aller Wohlthaten der Menschlichkeit beraubt, die das Leben angenehm machen? (Fortsetzung folgt.) Die Varianten des שיל הכבול in Handschriften und alten Drucken. Von I)r. A. Kaminka -Prag. Dass die letzten Verse des אנעים זמירות ein Räthsel darbieten, hat Herr Oberrabbiner D. Simunsen (Monatssehr. 1893. S. 463—467) deutlich genug gezeigt. Auch die ersten Verse scheinen ein Geheimniss zu enthalten, denn es ist durchaus unerfindlich, warum der Verfasser das Alphabet erst mit dem fünften Verse beginnt. Sollen die ersten vier eine Einleitung sein, so hätte dieselbe als integrirender Theil des Gedichtes in das alphabetische System mit eingeschlossen, oder als besonderes Stück mit eigens geordneten Anfangsbuchstaben versehen werden müssen. Vielleicht ist in der That einerseits in den Anfangsbuchstaben ", א ,נ ,מ, andererseits im ersten Worte אנעים ein Familienname angedeutet; vielleicht sind die Doppelverse absichtlich gesetzt und das merkwürdige ראש als Anspielung hervorgehoben. Aber in keinem Falle scheint es berechtigt zu sein, die Verse als interpolirt zu verdächtigen. Zunächst müsste die vermuthete Interpolation älter sein als alle vorhandenen Handschriften und die ältesten Drucke. In diesen wie in jenen linden sich zwar einige (zum Teil mit ed. Cremona-Sabionetta übereinstimmende) Varianten, aber keine Spur, dass irgend ein Vers jüngeren Datums sei, geschweige denn eine directe Lücke gegenüber dem üblichen Texte. Es seien hier die Varianten einiger alten Editionen und Mss. der Bodlejana aus den Gebetbüchern und Machsorim französisch-deutschpolnischen Ritus1) angeführt: I. Gebetbuch edit. Ven. 1549 (12°, אצל קותיליוז אדעלקינד, eine schöne Ausgabe, enthält auch Jozeroth, Pesach-Haggada und מערביות) hat v. 7. *כינו לתקו, v. 12 חובש כובע; v. 18 בית תפארתו; v. 20 עמשם, ferner ענדם und כבדם (Kal); v. 25(wie diecit. ed.Sabion.-Cremona) דור דור דוי־שיך מאז בראש; v. 30 ובברכת עבדיך und ואתה (worin ich jedoch nicht, wie Herr Oberrabb. Simonsen, eine totale Aufhebung des Metrums erblicken möchte, da vermuthlicli עבדך und vielleicht auch בראש statt לי ראש zu lesen ist. Vergl. übrigens über das Versmaass weiter unten.) II. Gebetbuch ed. Mantua 1558, 12°, eine prachtvolle Ausgabe auf feinem, starkem Papier. V. 17 וק1צותי (offenbar ein Fehler);! v. 28 רש; v. 30 וברכתי תנענע לי י־ אש. in. Gebetbuch Ven. 1571-72 (32° .בבית זואן די גארא); v. 2 כל רד; v. 12 חובש; v. 20 עמסם; v. 25 wie 1; v. 28 אשר יושר; v. 30 wie 1. IV. Mss. Cat. Neub. 1038, ein Machsor, bei Jom Kippur auch שה״כ und שהי״ח enthaltend (..•צח ואדום מורה בדרכו wie es scheint, von einem Censor durchstrichen; die beiden הנוים im Piut. zu Jer. 10,7 fehlen überhaupt). Die Vocale sind von einer späteren Hand. ') In anderer. Riten ist weder שיר היחוד noch *ש, הכבוד enthalten (was allein schon Naft Ixjvy’s Vcrmuthung gänzlich ausschliesst). Man findet keine Spur von diesen Gesängen im Machs. Avignon (Ms. Mich. Add. 6), im griechischen (Corfu-calabresisehen) Ritus (Ms. Opp. Add., fol. •13), im spanisch - orientalischen (Opp. Add., 4°, 63, goschrioben 1656—1661) oder im Carpentras- Machsor (Mich. Add. 35, goschr. 1693). Auch im Deutsch-polni scheu Machs. 150dl. 165 (Uri 266, Marshall or. 7 Cat. Neuhauer 1030), das im Jahre 1334 geschrieben wurde, sind weder שהי״ח noch ש״הכ enthalten; ebensowenig Nb. 1026.

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