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Das jüdische Literaturblatt · 1894-11-02 · No. 44. (2.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 44. (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 44. Jüdisches Jahrg. xxm. Litteratur ■Blatt. Zur Beleuchtung aller Jurienthum 11ml Juden bctrcfthn<1en Uttonulsohen Kr• seheinungen auf «lern Gebiete der Philo- Sophie, (»esehiehte, Ethnographie, Theo• logic Orientalin, Exegese, Homiletik, UtUTpik n. Piblagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmcr. Magdeburg, den 2. November 1894. Bücher der einschlägigen Litteratur, welche der Redartion xugcsnmlt werden, Anden in diesem Blatte eingehende Bespreehung. Bei Einsendung von zwei Reeensions• Exemplaren erfolgt ein• malige kurze Gratis-lnsert'on. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition de Isr. Wochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzolnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die viertel־ jährlich hei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate worden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet nnd sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler n Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsonden. orhalten 25 °/0 Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. ־XI. Die Religion meiner Väter, fährt M. fort, weiss, was die Hauptgrundsätze betrifft, nichts von solchen Geheimnissen, die wir glauben und nicht begreifen müssten. Unsere Vernunft kann ganz gemächlich von den ersten sichern Grundbegriffen der menschlichen Erkenntniss ausgehen, und versichert sein, am Ende die Religion auf eben dem Wege anzutreffen. Hier ist kein Kampf zwischen Religion und Vernunft, kein Aufrühr unserer natürlichen Erkenntniss wider die unterdrückende Gewalt des Glaubens. »Ihre Wege sind liebliche Wege und alle ihre Stege sind Frieden.« —Eigentlich hat die Religion der Israeliten nur drei Hauptgrundsätze: 1. Gott; 2. Vorsehung und 3. Gesetzgebung, welche mit einiger Ausdehnung von unserer Glaubenslehre in ungefähr folgender Gestalt ausgedrückt werden: 1. Gott, der Urheber und unumschränkte Beherrscher aller Dinge, ist ein einziger einfacher Gott (sowohl in seiner Person als in seinem Wesen). 2. Dieser Gott nimmt Alles Wahr, was in der Schöpfung vorgehet, belohnt das Gute und bestrafet das Böse durch natürliche und auch zuweilen durch übernatürliche Mittel. 3. Dieser Gott hat den Kindern Israels durch Moses, Sohn Amrams,*) seine Gesetze bekannt gemacht, die wir schriftlich noch in Händen haben. Von dem Menschen glauben wir, dass er nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, aber doch ein Mensch, d. i. der Sünde unterworfen, hat sein sollen. Wir wissen nichts von der Erbsünde. Adam nnd Eva haben gesündiget, weil sie Menschen waren, und sind gestorben, weil sie gesündigt haben, und so ergeht es allen ihren Nachkömmlingen. Sie sündigen und sterben. Aber nur des leiblichen Todes. Ich kenne keinen Seelentod. Maimonides in seinem Tractate »von der Busse« nimmt zwar an, dass die Seele des Gottlosen vernichtet würde, und er hält dieses mit Recht für die härteste Strafe, die nur möglich ist. Allein ich halte es mit Naclimanssohn, der in seinem Tractate »von der Vergeltung« dieser Lehre widerspricht, und sowohl der Zernichtung der Seele als die Ewigkeit der Strafe leugnet. Sie müssen nicht glauben, dass diese Glaubenslehrer etwa sich einander verketzern, weil sie in so wichtigen Punkten von einander abgehen. Nichts weniger:! Nachmanssohn hat sich des Maimonssolm mit unbeschreiblichem Eifer angenommen, als er nach *) In der Brockhans’schen Ausgabe (1843 pag. 165) heisst es fälschlich: Aarons. seinem Tode von einigen Zeloten verketzert ward, und seine Schriften in Gefahr waren, verbrannt zu werden. Gott strafet die Sünder nicht nach seiner eigenen Unendlichkeit, sondern nach der Hinfälligkeit dieses Sünders. Wir wisser von keiner beleidigten Majestät, die sich rächen will oder soll, von keiner Strafgerechtigkeit, die ausgeübt werden muss, wo nicht an den Schuldigen, allenfalls an einem Unschuldigen, der die Leiden gutwillig übernimmt. Nach uuseru Begriffen ist es ungerecht, wenn der Schuldige verschont wird, und noch ungerechter, wenn der Unschuldige leidet. Will sich dieser auch gutherzig dazu verstehen, so kann es die allerhöchste Weisheit nicht billigen, und die Gerechtigkeit, d. i. die allweise Gerechtigkeit, können solche willkürliche Leiden nicht befriedigen. Gott strafet, wenn das Sündenübel nicht anders als durch das Strafübel gehoben werden kann, Aber alsdann muss auch der Sünder leiden, nicht ein Anderer für seine Rechnung. Sobald das Strafübel entbehrt und dem Sündenübel auf einem andern Wege gesteuert werden kann, so ist es den Eigenschaften Gottes vollkommen gemäss, den Sünder zu begnadigen . . . Von einer Mittelsperson, die zwischen Gott und den Menschen Frieden stiften soll, ist uns nichts bekaunt. Wenn es der Weisheit gemäss ist, den sündigen Menschen zu begnadigen, so bedarf es keines Mittlers, der ihm die Gnade auswirket . . . Nun stimmen alle Propheten des Alten Testamentes darin überein, und die Vernunft gefällt sich ungemein in dieser Hoffnung, dass die Verschiedenheit der Religionen nicht von ewiger Dauer sein wird, dass dereinst ein Hirt und eine Heerde sein, und die Erkenntniss des wahren Gottes die ganze Erde, wie das Wasser die See, bedecken wird. Um diese Zeit dürfte es die göttliche Weisheit nicht mehr für nütliig finden, uns durch besondere Ceremonialgesetze von anderen Völkern abzusondern, und vielmehr in einer zweiten öffentliehen Erscheinung, äusserliche Religionsübuugen eiuführen, welche die Herzen aller Menscheu zur Verehrung ihres Schöpfers, und zur gegenseitigen Liebe und Wohlthätigkeit verbinden. Diese Vorstellung ist der menschlichen Seele so ergötzend, dass sie mit Wollust dabei verweilet, und die Glückseligkeit in der Einbildung geniesst, die dem menschlichen Geschlechte nach einer so heilsamen Revolution bevorstiinde. Welche Angst überfällt sie hingegen, wenn sie aus diesem Traume erwacht, und das Elend der Menschen iu ihrer jetzigen Trennung betrachtet!* . Diese Gesinnung habe ich seit vielen Jahren angenommen, und daher zwischen Dogmatiker und Skeptiker gleichsam eine Art von Mittel gehalten. Dogmatisch, in dem strengsten Verstände, in Absicht auf

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