Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 43. (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 169 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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169 Einige Exempel mögen dieses beweisen. Wer würde z. B aus dem Titel »ייוסף אברהם« (anspielend auf den Namen des Verfassers Joseph b. Schealtiel) erkennen, dass das Buch einen Commentar zum Pentateuch und einigen Haphtaroth enthält? Oder wer würde es dem Titel »אנרת תשועת ישראל« von Joseph Salomon b. Moses dem Karäer ansehen, dass dieses Buch den Reisebericht einer Deputation Karäer aus der Krim an den russischen Kaiser enthält? Ebenso ist der Name »צפנת פענח« ein ganz ungeeigneter Titel für einen Commentar zum Exodus, wenn der Verfasser auch ein Namensvetter des ägyptischen Joseph ist. Wozu jedoch noch mehrere Beispiele anführen, die ohnehin jedem Hebraisten bekannt sind? Sogar der Inhalt eines so populären Werkes, wie Maimonides Gesetzes-Compendium ist aus dem Titel »החוקה T« nicht ersichtlich und nur ganz schwach aus dem Titel »משנה תודה«. Sehr interessant in dem Catalog ist auch die Abtheilung »Liturgie«. Viele der unter dieser Rubrik verzeichneten Bücher sind höchst selten oder doch aus sehr früher Zeit, durch welchen Umstand sie für Forscher auf dem Gebiete der Geschichte unserer Gebetbücher ein besonderes Interesse haben. Unter dieser Rubrik befindet sich auch ein längeres Verzeichniss von »Pessach Haggadoth«, an deren Spitze als Unicnm das Exemplar einer Ausgabe verzeichnet steht, welche dem Gerson Sonein0 zugeschrieben wird, mit dem wahrscheinlichen Druckjahr 1505. Ebenso erfreulich ist es zu sehen, dass das Museum zahlreiche von Zeit zu Zeit erschienene hebräische Ueber- Setzungen nichtjüdischer Autoren erworben hat. Der Uneingeweihte wird mit Verwunderung die Namen Mil ton, Shakespeare, Schiller, Goethe, Lessing, Daniel de Foe (dessen Robinson Crusoe unter dem Titel כור עני bereits drei hebräische Ausgaben erlebt hat), George Henry Lewes etc. in einem Catalog hebräischer Bücher lesen. Es ist jedoch ein Missgriff, dieses oder ein ähnliches Werk einen »Catalog hebräischer Bücher« zu nennen, denn es muss nothwendig auch eine grosse Anzahl Werke in jüdisch-deutscher, nicht zu erwähnen »jüdisch-spanischer und arabischer Sprache« enthalten, während vielleicht die meisten der verzeichneten Werke theilweise oder auch ganz in aramäischer Sprache geschrieben sind. Ueber 200 Seiten des Werkes sind einem höchst nützlichen »Index der in beiden Bänden des hebräischen Catalogs enthaltenen Büchertitel« gewidmet und verweisen auf die Namen der Autoren, unter welchen die Beschreibungen und Druckvermerke ^er. Bücher aufzußnden sind. Wo auf einem Haupttitel oder eine Überschrift” hingewiesen wird, ist auch die Seitenzahl angegeben. Recensionen. Predigten J0C18, aus dem Nachlass veröffentlicht von (seinen Schwiegersöhnen) Dr. Eckstein, Rabbiner in Bromberg und Dr. Ziemlich, Rabbiner in Nürnberg. Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt von S. Schottländer in Breslau. 1894. Die Herausgeber dieser Predigten haben dem Referenten die Ehre erwiesen, in der Vorrede zum ersten Bande einige Sätze anzuführen, welche die schlichte Predigtweise Joels zu schildern versuchten. Wer den Segen, den Joel stiftete, vollends würdigen will, darf nicht vergessen, dass er Geiger’s Nachfolger gewesen ist. Geiger hat in Breslau Wirkungen erzielt, die an das Märchenhafte grenzen. Eine Predigt Geiger’s war ein Fest für seine Gemeinde, die Jünglinge und Jungfrauen waren für ihn begeistert, verehrten ihn wie einen Propheten, und selbst seine Gegner wagten seine oratorische Kraft nicht zu leugnen; so stand die ganze Gemeinde unter dem Eindruck seiner Personsönlichkeit; wer nun in den letzten Jahren von Geiger’s Wirksamkeit in Breslau als Student in’s Seminar kam und ganz verstohlen (da Frankel es nicht gern sah) zu den Predigten Geiger's sich einfand, hatte gegenüber der Tradition einen schweren Stand. Man war in der Provinz damals wahrlich nicht verwöhnt; Donnerworte gegen den Genuss des treifenen Käse, je zweimal im Frühjahr wie im Herbste, verbrämt mit Betrachtungen über das, was »Jeschaja Nuwe in Bruches« sagt, das war die heimische Kost gewesen, nun hörte man einen wirklichen Prediger. Auch Entzücken ist ansteckend, man sah die entzückten Mienen der »Geigerianer« und war auch entzückt, aber das hielt nicht lange vor. Nichts ist bekanntlich so interessant als die Logik und diese fehlte den Geiger’schen Reden völlig. Der wortreiche Mann trat offenbar ohne jede Vorbereitung auf die Kanzel, kam vom Hundersten ins Tausendste und wenn das Lied nicht weiter ging, so ■wurde mächtig auf die bösen Orthodoxen gescholten, nicht in allen sondern gewöhnlich nur in hässlichen Tonarten, der Redner wiederholte sich, liess einen öden Wortschwall über seine Zuhörer los; es war oft nur!Spreu und gar kein Weizenkorn darunter, und doch die schwärmerischen Blicke, die Ausdrücke der höchsten Bewunderung, die man beim Verlassen des Gotteshauses vernahm; da wurde einem jungen Seminaristen, der das Schwärmen nicht berufsmässig oder traditionell betrieb, ganz wirr im Kopfe. Es ist am Ende für einen jungen Menschen nicht leicht, sich von dem Urtheil einer ganzen Gemeinde zu emancipiren. Da half uns Joel aus der Noth, er zeigte uns in den Predigten, die er im Seminar hielt, vor allem Logik und neben der correcten Form offenbarte er Tiefe des Geistes und Kraft des Wortes. Nicht etwa, dass Joel selbst sich als Rivale Geiger’s fühlte, er dachte ja so maasslos bescheiden über seine eigenen Fähigkeiten und hätte nicht der wackere J. Z. Hamburger besser gewusst was Joel vermochte, als dieser selbst, so wäre Joel wohl nie Rabbiner in Breslau geworden. Aber er war für uns, seine Jünger, stark genug, um das Idol zu zertrümmern, das die Breslauer verehrten. Nur wenn Geiger Pirke Aboth erklärte, hörten ihn die Schüler des Seminars mit aufrichtigern Vergnügen zu, denn da kam der Gelehrte zum Worte. Joel hat rasch in Breslau Boden gewonnen und, natürlich ohne es zu wollen, Geiger aus der Erinnerung der Breslauer Gemeinde verdrängt; er aber haftet fest im Herzen derer, die an seinen Lippen gehangen haben und es fällt keine Schande und kein Schatten auf Diejenigen, die jetzt in Breslau das Judenthum predigen, wenn wir sagen, dass Joel in seiner Gemeinde unvergessen ist. Es war ein gutes Werk, dass die Herausgeber des Nachlasses auch längst gedruckte und anerkannte Reden Joels, die bei besonderen Anlässen gehalten wurden, gesammelt haben.*) Besonders ergriffen haben »ins die Reden, die dem Andenken Sachs, und Frankel’s gewidmet sind; an Joels Bahre ist manch schönes inniges Wort gesprochen worden, aber wer der Redner hätte auch nur annähernd den todten Meister erreicht, der den Kern der Persönlichkeiten dieser ausgezeichneten Gottesmänner aufdeckte und doch dabei nicht in ein nüchternes Charakterisiren verfiel, so dass diese Reden, die doch rasch entworfen werden mussten, noch heut uns erregen und uns anregen, erbaulieh und belehrend sind. Es spricht für Joel, dass die längste Rede dieser Sammlung, die Gedächtnisrede uuf Geiger, die am wenigsten gelungene ist. Joel war kein Rhetor, der über jeden beliebigen Gegenstand eine gute Rede halten konnte, sondern er konnte nur gut darüber sprechen, wovon er selbst ergriffen war; zu Geiger hat Joel nie tiefere gemüthliche Beziehungen gehabt. Der Eine war ein religiöser Denker, der Andere ein religiöser Agitator. Die Palme gebührt in dieser Sammlung der ältesten dieser Reden, dem Festvortrag am Krönungstage des Königs Wilhelm I. Diese Rede hat Joel im Seminar gehalten. B. R. *) Wir vermissen in der Sammlung die Rede, die Joel an Zunz’ Bahre in Berlin gehalten und die er in der »Israelitischen Wochenschrift« vom 1. April 1886 veröffentlicht hat. (Red.)