Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 43. (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 168 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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168 nunft urtheilen, und dem allgegenwärtigen Herzenskundigen ist es bekannt, dass ich die Wahrheit mit Aufrichtigkeit suche. Vor diesem allergerechtesten Richter der Welt bezeuge ich hiermit aufrichtig, dass ich keinen einzigen von diesen au8gefiihrten Sätzen annehmen kann, dass ich glaube meine Vernunft abschwören, und Alles, was mir von den ersten Grundsätzen der menschlichen Erkenntniss bekannt ist, verleugnen zu müssen, wenn ich diese Sätze füs wahr halten sollte. Sie scheinen m i r schnurstracks Allem zuwider zu sein, was mich die gesunde Vernuft, das natürliche Nachdenken und die heilige Schrift gelehrt, die wir alle für göttlich erkennen, und meine ganze Seele müsste verändert werden, wenn ich jemals hierüber anderes Sinnes werden könnte. Ich werde von dieser meiner Ueberzeugung keine Gründe anführen, denn ich würde beinahe nichts Vorbringen können, das nicht seit vielen Jahrhunderten von Juden und Naturalisten unendliche Male ist wiederholt worden, das nicht noch täglich in allen Lehr- und Streitschriften der Christen angeführt und mit tausend mir ganz unbegreiflichen Subtilitäten widerlegt wird. Ich würde unter der Last erliegen, wenn ich alle Verteidigungen der christlichen Lehrer durchlesen, anführen und prüfen müsste. Ein Glück für mich, dass sich Herr Bonnet selbst auf alle diese Sätze nicht eingelassen, und ich hier, meiner Absicht nach, nur Dasjenigo anführen darf, was ich dem Herrn Bonnet entgegenzusetzen habe. Diese meine Ueberzeugung vorausgesetzt: so kann ich den Stifer eines Glaubens für keinen göttlichen Gesandten halten, der diese Lehren verkündigt. Ich kann seinen Versicherungen von einer glückseligen Zukunft nicht den geringsten Glauben beimessen, da die Göttlichkeit seiner Sendung auch notwendig die Wahrheit jener Lehre nach sich ziehen würde, die i c h verwerfen muss. — Er hat seine Sendung durch Wunder bestätigt? — Was können mir Wunder beweisen? Und wenn dieser Religionsstifter vor meinen Augen alle Todten erweckte, die seit Jahrhunderten gestorben sind, 80 würde ich sagen, der Religionsstifter hat Wunder getan, aber seine Lehren konnte ich nicht annehmen. Es ist also füs mich unnötig, die Zeugnisse und ihre Glaubwürdigkeit mit vieler Weitläufigkeit zu untersuchen, Vergleichungen anzustellen, Zeugnisse zu zählen oder abzuwägen. Denn wenn auch Alles wider mich ausfiele, so würde das Resultat höchstens dieses sein, dass mir in Zukunft die glaubwürdigsten Zeugnisse verdächtig werden müssten, und diesen Gemiithszustand würde ich meinen Feinden nicht wünschen. Aus eben diesen Ursachen hielt ich es auch allezeit für unnötig, die Stellen aus den Propheten mit kritischer Genauigkeit zu untersuchen, die von den Verteidigern dieses Glaubens zum Beweise aufgeführt werden. Ich habe zwar 80 Manches gelesen, das für und wider diese Beweise geschrieben worden. Ich habe auch mit Vergnügen wahrgenommen, dass die neuen Kritiker so manche Stelle aufgegeben, auf die man sonst hat sicher bauen zu können geglaubt und ich bin versichert, dass bei hellerem Lichte noch die übrigen verschwinden müssen; aber ich selbst habe mich niemals in dergleichen Untersuchungen eingelassen und die Stellen einzeln niemals genau betrachten mögen. Die Exegetik ist eiu treffliches Studium. Sie erfordert so viele Belesenheit, so viel gesunden Menschenverstand, so viel Kenntnisse des Menschen in seinen besonderen Verhältnissen, so viel richtigen Geschmack und Scharfsichtigkeit, als irgend eine Wissenschaft; aber mein Kopf ist für diese Gattung von Untersuchungen nicht gemacht und ich habe auch niemals sonderliche Neigung dazu gehabt. Ich danke meinem Schöpfer täglich, dass er meine Glückseligkeit nicht hat von exegetischen Unter- Buchungen abhängen lassen. Ich würde das elendeste Geschöpf auf dem Erdboden sein, wenn mich meine Religion zu dieser mühseligen Uebung verbände. Wozu wäre es auch nöthig, Schriftstellen zu untersuchen, ob sie nicht eine Lehre beweisen, die ich nicht annehmen kann? Wenn sie dieses thäten, so wäre es nach meiner Denkungsart, mehr Beweis wider die Schriftstellen als für die Lehre. (Fortsetzung folgt.) Der Catalog der Hebraica im British Museum.') Eine der Hauptschwierigkeiten, welche der Studirende des Hebräischen oft zu überwinden hat, ist die Unzugängliclikeit seltener heräischer Bücher. Diese sind nicht nur oft zu sehr hohen Preisen zu erlangen, sondern es ist fast ebenso schwierig, das Gesuchte in den wenigen öffentliehen Bibliotheken, welche sie in beträchtlicher Anzahl enthalten, herauszutinden Das Britische Museum enthält unter den bedeutenden Erwerbungen der jüngsten 25 Jahren eine herrliche Collection hebräischer Werke -- ältere und neuere —; aber dem Gelehrten, welcher alle zu seinem Specialstudium dort vorhandenen Werke zu Rathe ziehen wollte, würde das Aufsuchen fast eben so viele Schwierigkeiten bereiten, als das Lesen derselben. Eine der mancherlei Ursachen dieser Schwierigkeit ist die sonderbare Gewöhnheit, welche hebräische Schriftsteller immer hatten und noch heute haben, ihren Werken phantastische, an* * statt beschreibende (den Inhalt andeutende) Titel zu geben. Nur durch die Veröffentlichung von Cataiogen, welche etwas mehr als blosse Verzeichnisse von Bücher-' titeln mit Angabe des Druckortes und der Jahreszahl enthalten, kann diese Schwierigkeit aus dem Wege geräumt werden. In der wichtigen und schwierigen Arbeit, welche Herr v. Straalen soeben beendet hat, ist dieses nunzumTheil geschehen, obschon es wünschenswerth gewesen wäre, das Zeit und Raum ihm gestattet hätten, einige Werke etwas ausführlicher beschreiben zu können. Der neue Catalog2) wird jedoch den Studirenden des Hebräischen und aller mit ihm verwandten Fächer ein schätzenswerthes Hilfsmittel an die Hand geben: Die Anordnung ist eine übersichtliche und neben den vielen Angaben, welche den Leser in den Stand setzen, nicht nur das betreffende Werk, sondern auch die gesuchte Ausgabe zu identificiren, enthält der Catalog noch hochinteressante Bemerkungen ausser den gelegentlichen Nachrichten, welche sich auf Ort und Zeit der Veröffentlichung und die Geschichte des hebräisehen Buchdruckes überhaupt beziehen. Zu den interessanten Ausgaben, welche dieser Catalog enthält, gehört מסכת ביצה von 1493, einer der ersten zwei talmudischen Tractate, welche je gedruckt wurden und als erste Druckerzeugnisse aus der Soncino-Presse hervorgingen. Der Titel lautet nach dem Epilog des Correctors Gabriel aus Strassburg, welcher sich auf der ersten Seite des letzten »1484« datirten Blattes befindet: מסכת יום טוב והפי׳ והתוספו׳... והמח־כי.... עם פסקי התו׳ ופי' המשניות. Josua Salomon Soncino; Soncinol493. Aus derselben Officin ging ferner in demselben Jahre hervor der Tractat3)ברכות Eine andere interessante Edition sind die ארבע טורים des R. Jacob b. Ascher aus Toledo, Mantua 1476 mit הלבות דעות des Rambam und handschriftlichen Noten von G. B. de Rossi. Oben erwähnten wir die Schwierigkeiten, welche phantastische Titel, die keine Idee von dem Inhalte eines Buches geben, oft dem Studirenden bereiten und bemerkten dabei, dass ein guter Catalog dazu beitragen müsse diesen Stein des Anstosses aus dem Wege zu räumen. *) Nach »Jewish World«, deutsch von L. Cohen-Rees a. Rhein, Vgl. auch den Artikel: »Die Hebraica im Britieh Museum« in No. 46 bis 50 des »Litt.-Bl.« 1888. (L. C.) *) Catalogue uf Hebrew Books in the British Museum acquired during the years 1868—1892. By S. van Straalen. Assistent in the Departement Oriental printed books and MSS. Printed by Order 01' the Trustees, London 1891. *) Nach Benjakob und Oppenheimer's Catalog von 1785 erschion dieser Tractat als Pergamentdruck schon im Jahr נ״מ״ר״א 1484; hiernach wäre das vorgenannte Werk nicht der erste Druck dieser Officin. Uebcrhaupt scheint die Jahreszahl 1493 auf einen Irrthum zu beruhen, da der Corrccturvermerk aus 1484 doch gewiss erst nach dem Druck stattgefunden haben wird. (L. C.)