Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 43. (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 43. Jüdisches Jahrg.xxm. Litteratnr-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judenthum und Juden!►«‘treffenden literarischen Kr* 8ch«dnungen auf dem Gebiete der Philo- Sophie, (ieschichte, Ethnographie, Theologfe Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik 11. PHdagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 26. October 1894. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Rednction xugesandt werden, finden in diesem Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von 7. w e I Recensions• Exemplaren erfolgt ein• malige kurze Gratis-Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition der Isr. Wochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die viertel* jährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. fiir die gespaltene Petitzcile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Bnchh&ndler u Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten 25 % Rabatt Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. 1. X. Das andere bemerkenswerthe Stück aus Mendelssohns »Betrachtungen über Bonnet’8 Palingenesie« lautet wie folgt:*) »Ich höre aber ferner, dass der Stifter dieses Glaubens die Gesetze Moses aufgehoben haben soll. Jene von Gott selbst bestätigten Gesetze, und wie? Dieser Glaubens- Stifter erklärt nicht einmal, im Namen Gottes, mit ausdrücklichen Worten, dass er einen Theil jener Gesetze, und welchen er abschaffen wolle; sondern aus unbestimmten Worten und Handlungen sollen wir Dieses schliessen, sollen wir jene von Gott geheiligten Gesetze mustern, diese verwerfen, jene einschränken, diese abändern, jene beibehalten, und dieses Verfahren sollte der göttlichen Weisheit anständig sein? Dieser Gott, der einem ganzen Volke seine Gesetze durch einen ausserordentlichen Gesandten, mit so vielen öffentlichen Anstalten hat bekannt machen lassen; dieser Gott• will nunmehr dieselben Gesetze, nicht öffentlich, nicht durch eine ausdrückliche Erklärung, sondern gleichsam stillschweigend, wieder abschaffen? — Unbegreiflich! Je näher ich zu dieser mir 80 sehr angepriesenen Religion komme, desto mehr Abschreckendes hat sie fiir meine Vernunft. Die ewige Glückseligkeit des Menschengeschlechts ist zwar der Endzweck dieser Religion, sowie aller Religionen, aber unter welchen Bedingungen wird mir diese Glückseligkeit angoboteu. Welche Fessel für meine Vernunft! Wenn diese Sätze nicht wahr sind: so hat Gott Jesum von Nazareth nicht gesendet, und wenn ich sie nicht glaube, 80 hat er ihn für mich nicht gesendet. Ich finde in den Lehrbüchern der Christen folgende Sätze als Grundwahrheiten ihrer Religion angeführt: 1. In dem dreieinigen Gotte giebt es drei unterschiedene Personen, welche heissen Vater, Sohn und heiliger Geist. 2. Der Vater Gott hat den Sohn Gott von Ewigkeit her gezeugt. Von beiden ist der heilige Geist, der auch Gott ist, ausgegangen, und dieser heilige Geist hat mit dem Vater und dem Sohn ein gemeinschaftliches Wesen. ö. Durch die Verführung eines grundbösen Wesens, Satan genannt, hat der erste Mensch, Adam, eineSünde begangen, und seitdem haben alle Menschen aufgehört, ein Ebenbild Gottes zu sein, seitdem sind alle Menschen Sünder, zum Guten erstorben, zum Bösen geneigt, und dem Tode unterworfen. .4■ Die zweite Person von diesem eindreifaltigen, oder dreieinfachen Gotte, hat sich aus Liebe zum Menschengeschlecht erniedriget, das ist, seiner göttlichen Maje- 8tat entäussert, ist ein Mensch geworden, war also Gott lind Mensch zugleich, ein wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria in der Zeit geboren, ein Mensehgott, oder Gottmensch und hiess Jesus von Nazareth, der Gesalbte. 5. Um der unendlichen Gerechtigkeit der ersten Person der Gottheit, V ater genannt, Genüge zu thun, und gleichwohl, vermöge seiner ebenso unendlichen Güte, das Menschengeschlecht aus dem ewigen Elende za befreien, wurde von dem dreieinfachen Gotte beschlossen, die Mensehen durch eine Mittelsperson zu erlösen. 6. Dieser erniedrigte Gott, dieser gesalbte Mensch übernahm gutwillig die Strafe, die sein unendlich gerechter Vater dem menschlichen Geschlechte hatte zuschicken müssen, litt von den Händen der Menschen, für die er sich aufopferte, starb am Kreuze, als ein Uebelthäter, und -erlöste dadurch alle Menschen von Sünde, Tod Teufel, denen sie die Gerechtigkeit seines Vaters würde Preis gegeben haben. 7. Wie der grösste Theil der Kirche hinznthut, giebt dieser Gottmensch seinen Jüngern und Nachfolgern, mit und unter dem Brote, dass sie bei einer gewissen feierliehen Gelegenheit schon viele Jahrhunderte, in allen Theilen der Welt, essen, seinen wahren gegenwärtigen Leib, sowie mit und unter dem Weine, den sie dabei trinken, sein wahres gegenwärtiges Blut, dass er für sie vergossen, zu essen und zu trinken. Ich schweige von der Auferstehung, Höllenfahrt und Himmelfahrt, von dem Sitzen zur Rechten Gottes u. 8. w., welches alles zum Wesen dieser Religion gehört. Christliehe Leser müssen hiervon schon unterrichtet sein, und wenn ich jüdische Leser vermuthete, so würde ich zu weitläufig sein müssen, ihnen alles Dieses nach dem Sinn der verschiedenen Religionsparteien zu erklären. Die Religion der Christen ist also ganz etwas Anderes, als man sie hat vorstellen wollen. Sie will nicht bloss dem Menschengeschlechte seine Seligkeit versichern, sondern zugleich unsere Begriffe von Gott, seinen Eigenschäften, von seiner Allmacht, Gerechtigkeit, Weisheit, und ven seiner Regierung der Welt, in eine ganz andere Form giesen. Alle diese Sätze machen mit der Versieherung von einer glückseligen Ewigkeit ein fest verbundenes Ganzes aus. Wenn ich diese Lehren nicht annehme, so kann ich dem Stifter dieser Religion keine Wahrhaftigkeit zuschreiben, und was kann ich alsdann von seiner göttliehen Sendung halten? Der allmächtige Schöpfer, den wir alle anheten, sei mein Zeuge, dass ich keine Worte, die irgend einer unschuldigen Seele zum Aergerniss gereichen, ausstossen möchte, sollten sie auch wie glühende Kohlen mir auf der Zunge brennen. Er sei mein Zeuge, dass ich die grösste Hochachtung für so viele grosse, verehrungswürdige Männer habe, welche diese Lehre! für göttlich erkennen. Ich erkenne vollkommen meine Schwäche, mein Nichts, wenn ich mich mit vortrefflichen Männern vergleiche, die diese Religion angenommen und vertheidigt haben. Aber ich kann von der Wahrheit nicht nach anderer Menschen Einsichten urtheilen. Ich muss es auf die meinigen anhommen lassen, wenn ich einen Satz aniielnnen, verwerfen oder mein Urtheil darüber aufsehieben soll. Ich will meine Urtheilskraft keinem vernünftigen Geschöpf zur Richtschnur aufdringen. Wer hin ich, elendes Geschöpf, dass ich mir dieses anmaassen sollte? Aber ich selbst kann nicht anders als nach meiner eigenen Ver- *) Mendelssohn s ges. Schi. III. S. 1(30 ff.