Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 41-42. (14.10.1894)
- Date
- 1894-10-14
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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163 werden können. Wir sind geneigt, dasjenige anznnehmen, wodurch wir eine Menge von Schwierigkeiten auf eine ungezwungene Weise auflösen hönnen, und in ihrer Verbindung betrachtet, können diese Schwierigkeiten zusammen gar wohl eine moralische Gewissheit, zuweilen, wenn sie auseinander gesetzt werden, gar eine demonstrative Gewissheit mit sich führen. Allein diese Menge von wahrscheinliehen Gründen ist dem Erfinder selbst noch undeutlich, und eine zwar sichere, aber doch verworrene Erkenntniss, davon er verlegen sein sollte, Rechenschaft abzulegen. Wie will er sie dem rohen und einer philosophischen Erkenntniss noch unfähigen Volke beibringen? Die Erfahrung der mehrsten Volker lehrt, dass es Anfangs durch Vorurtheile geschehe. Das gemeine Volk ist aus Aberglauben von sehr wichtigen Wahrheiten überzeugt, ohne welche es im Zustande des geselligen Lebens nicht glücklieh sein kann. Niemand wird hoffentlich die Frage aufwerfen, ob der Aberglaube mächtig genug sei, moralische Ueberzeugung zu wirken, und die andere Frage, ob es dem höchsten Wesen anständig sei, unentbehrliche Wahrheiten auf Vorurtheile gründen zu lassen, widerlegt sich von selbst. Wenn es irgend eine Verwegenheit ist, nach Voraussetzungen zu philosophiren, ohne die Thatsache zu befragen, so ist es unstreitig, wenn wir urtheilen müssen, was Gott nach seiner Weisheit habe thun sollen. Eine einzige Thatsache widerlegt hier ein Seiten langes Vcrnünfteln. So wie ein Volk nach und nach gesittet und erleuchtet wird, so treten vernünftige Gründe an die Stelle der Vorurtheile. Der Freigeist, der ein Vorurtheil umstösst, auf welches sich eine nützliche Wahrheit stützet, begeht eine nichtswürdige Handlung, allein oft giebt diese nichtswürdige Handlung Gelegenheit, dass an die Stelle des morschen Aberglaubens dauerhaftere Pfeiler untergestützt werden. Wenn der Grad der Erleuchtung eines Volkes es zulässt, so können am Ende alle zur Glückseligkeit des Menschengeschlechtes unentbehrlichen Wahrheiten auf verntinftige Erkenntniss gebauet werden. Also ist eine Offenbarung unnöthig? — Für alle die Völker, die keine gehabt haben. Ganz sicher würde sich ihnen das heilige Wort offenbart haben, wenn sie ohne Offenbarung den Zweck ihres Daseins nicht erfüllen könnten. Er hat den Israeliten eine Offenbarung gegeben, nicht, weil die Menschen als Menschen ohne Offenbarung nicht glückselig sein könnten; sondern, weil es seine weisen Absichten erforderten, dieses besondere Volk einer besonderen Gnade zu würdigen. Alle Völker auf der Erde können und sollen (nach jüdischer Glaubenslehre) nach dem Lichte der Natur leben und zur Seligkeit gelangen. Nur diesem bestimmten Volke hat der Schöpfer, aus ganz besonderen Absichten für gut befunden, besondere Gesetze zu offenbaren, nach welchen sie leben, regiert werden, und zur Glückseligkeit gelangen sollen. Nunmehr ist es diesem Volke freilich nicht mehr erlaubt, seine Seligkeit auf einem anderen, als dem von Gott ihm vorgeschriebenen Wege zu suchen. Nunmehr muss dieses Volk alle Schmach, Unterdrückung, Verspottung, Verfolgung, die es auf diesem Wege antrifft, mit Geduld und Ergebenheit in den göttliehen Willen ertragen, ohne einen Schritt breit davon zu weichen. Aber dieser Last darf sich Niemand unterziehen, der nicht nach den mosaischen Gesetzen geboren ist. Wem Gott diese beschwerlichen Pflichten nicht aufgelegt, der lebe nach dem Gesetze der Natur, und sei versichert, dass der Mensch als Mensch geboren ist, durch die Tugend glückselig zu werden. Der Israelit will nicht das einzige Geschöpf sein, das Gott zur Glückseligkeit berufen, aber das Einzige, das nicht anders als auf diesem Wege zur Glückseligkeit gelangen kann, und das allerdings für den Gehorsam, den es dem göttlichen Befehle leistet, sich auch eine besondere Belohnung versprechen kann, weil ihm Gott diese besondere Offenbarung nicht umsonst gegeben haben wird. Man würde sehr zufrieden sein, wenn die Nazaräer sich ihrerseits rühmten, Gott habe ihnen, aus einer besonderen Gnade, auch die Lehre von der L'nsterbiclikeit auf eine ausserordentliche Weise bekannt machen lwolleu. Nur gehen sie zu weit, wenn sie diese Offenbarung für schlechterdings nothwendig halten, und dadurch offenbar die göttliche Regierung in Absicht auf alle übrigen Völker der Erde dem Tadel aussetzten. Die Glückseligkeit ist der Zweck unseres Daseins, und wenn Gott schlechterdings nur einem Volke die einzigen Mittel zu diesem Zwecke in Händen gegeben, was sollen wir von seiner Regierung denken? Zwar spricht Herr Bonnet nicht von der Glückseligkeit selbst, sondern von der moralischen Versicherung, die die Menschen im Stande der Natur daran haben können. Man kann dem Menschen diese verweigern, und dennoch Mittel lassen, den Zweck seines Daseins zu erfüllen. In diesem Falle würden nicht alle angeführten Gründe diesen Weltweisen treffen. Allein, man weiss, was hierüber in den Schulen der Nazaräer gelehrt wird, und so lange Jemand sich nicht anders erklärt, schreibt man ihm billig die Lehre seiner Kirche zu.« (Fortsetzung folgt.) Bubers neueste Midrasch-Edition und der Lekach- Tob des R. Tobia. Von Rabbiner Dr. Goldfahu. IV. (Schluss.) Durch meine Bemerkung im »Littbl.« oben Seite 99, Anmerkung 99, veranlasst, hatte Herr Prof. Dr. E. Nestle die Güte, mir durch den Herrn Redacteur dieses Blattes sein, Nestle’s, Buch: »Die dem Epiphanius zugeschriebenen vitae prophetarum in doppelter griechischer Recension mit Anmerkungen und einem Anhang: Einiges über Zahl und Namen der Weisen aus dem Morgenlande Sonderabdruck aus »Marginalien und Materialien, Tübingen 1893«, zu übersenden mit dem Ersuchen, dass ich das Buch im »Jüd. Litteraturblatt« besprechen möge. Es ist zu bedauern, dass dem Herausgeber die Möglichkeit genommen war, eine Vergleichung all der verschiedenen Recensionen vorzunehmen, dieselben auf die ursprüngliche Form zurückzuführen und eine sachliche Erklärung der fraglichen Traditionen und deren Würdigung anzufügen. Allein auch das, was der sehr gelehrte Herausgeber bietet, ist höchst dankenswerth, eine Fülle wissenschaftlicher Anregungen und reiches Material zu weiteren Forschungen. Dem Werthe seiner, Prof. Ncstle's, Arbeit thut auch das keinen Abbruch, dass der eine Codex: Q., inventar graecorr. codd. vaticanor. HI, 2125 in Rom photographisch vervielfältigt worden ist, da nicht Jedermann eine solche Photographie sich anschaffen kann und auch nicht Jedermann eine grosse öffentliche Bibliothek zu Gebote steht. Ausser der Recension des oben genannten Codex bietet Nestle auch die Recension des griechischen Codicis, cjd. reg. Paris 2951. Beide Recensionen sind der leichteren Uebersicht wegen nebeneinander auf die gegenüberstehenden Seiten fortlaufend abgedruckt. Voran geht ein ausführlicher Bericht über die bisherigen Editionen, über die griechischen, lateinischen und syrischen Codices und über den Stand der literarisch-kritischen Frage über die Zugehörigkeit und den Ursprung des Werkchens. Nach dem griechischen Texte sollte der syrische nach drei Codices folgen, was aber der Druckereiverhältnisse wegen nicht möglich gewesen war, weshalb er, Nestle, dem syrischen Texte in der zweiten Ausgabe seiner syrischen Grammatik, Berlin 1888, S. 86—10/, folgend, bloss die Varianten der betreffenden drei Codices mittheilt. Für Besitzer der ersten Ausgabe der syrischen Porta, Berlin 1881, zu denen auch ich gehöre, haben diese Varianten sehr geringen Werth, weil in der ersten Ausgabe, Seite 53—61, bloss die Biographien der vier grösseren Propheten: Jesaja, Jeremia, Jecheskel und Daniel, gedruckt worden sind. Hieran schliesst sich das Leben des Nah um »als Probe, wie der griechische Text auf der Grundlage von Q. mit unterlegtem vollständigem Apparat aussehen würde« und diesem schliesst sich eine Reihe zahlreicher literargeschiehtlicher Notizen zu den Biogra-