Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1894-10-14 · No. 41-42. (14.10.1894) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 41-42. (14.10.1894)
Date
1894-10-14
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5367336-6582189-5991484--2591-5369403
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

seitdem zum Bestand der religiösen Literatur; es war keine ephemere Erscheinung. Lavater, der junge Pastor in Zürich, übersetzte es kurz darauf unter dem Titel »Philosophische Untersuchung über die Beweise für das Christenthum«, widmete es Mendelssohn und erweckte den bekannten Streit, dessen einzelne Stationen bekannt in ihrer allgemeinen Bedeutung in der Einleitung besprochen worden sind. Bonnet hat betreffs der Unsterblichkeit der Seele eine Vorstellung, die Mendelssohn theilt, dass nämlich die Seele auch in spätere Daseinsformen in Verbindung mit irgend einer Art von Körper existiren werde. Auf diese Träume die allerdings auch von Göthe und von einzelnen gläubigen modernen Naturforschern getheilt werden, wollen wir uns nicht weiter einlassen, sondern ruhig abwarten, ob das künftige Leben sie bestätigen oder verwerfen wird. Auch auf den »Phaedon« wollen wir nicht weiter eingehen, er ist erstens weit verbreitet und hat zweitens heute nur einen rechten Werth wegen einiger mit hervorragend stylistischem Talent abgefassten Betrachtungen. Dagegen enthalten Mendelssohn’s Betrachtungen über Bonnets Palingenesie, die erst nach dem Tode Mendelssohns bekannt geworden sind, eine Auseinandersetzung mit dem Christenthum, die noch heute lesenswerth ist. Besonders der Nachweis, dass das aufgeklärte Christenthum dem Judenthum ungleich näher stehe als dem Bekenntniss der Kirche, scheint vortrefElich gelungen. Wie oft haben freisinnige Christen aus Furcht, dem Juden thum zu nahe zu rücken, absichtlich auf das Judenthum geschölten, das jüdische Bekenntniss entstellt, verzerrt um nur dem Vorwurf des Judaisirens zu entgehen. Noch heute muss andererseits ein freisinniger Christlieber Geistlicher, der die Juden in Schutz nimmt, den Vorwurf ertragen, dass sein Bekenntniss ja eigentlich das jüdische sei. Mendelssohn erhebt sich in dieser Schrift wie in allen andern, in denen sein jüdisches Herz zum Ausdruck kommt, nicht selten zu einem Adel, zu einer Wärme, zu einer Kraft der Sprache, dass die Stellen den besten Leistungen deutschen Styls würdig sich anreihen. Ohne auf den Inhalt dieser Betrachtungen sei es ablehnend, sei es zustimmend oder vermittlend weiter einzugehen, wollen wir zwei längere Stücke aus dieser Abhandlung hersteilen.*) »Ein verehrungswerther Freund machte mir einst die Vorstellung, ob ich nicht wünschte, durch eine unmittelbare Offenbarung versichert zu sein, dass ich nicht in Zukunft elend sein werde. Wir stimmten beide darin überein, dass ich keine ewige Höllenstrafe zu fürchten hätte, denn Gott kann keines seiner Geschöpfe unaufhörlich elend sein lassen. Es kann auch kein Geschöpf durch seine Handlungen verdienen, ewig elend zu sein. Dass die Be- Sträfling der Majestät der beleidigten Person angemessen, und also in unserin Falle, wie diese, unendlich gross sein müsse, ist eine Hypothese, nach welcher man das Wort Beleidigung gegen Gott in einem gar zu buchstäblichen Sinn nehmen muss. Gott hat den Menschen erschaffen zu seiner, d. i. des Menschen Glückseligkeit. Er hat ihm Gesetze, gegeben zu seiner, d. i. des Menschen Glückseligkeit. Wenn die geringste Uebertretung dieser Gesetze eine ewige Bestrafung nach sich ziehet, so hat Gott diese Gesetze dem Menschen zu seinem Verderben gegeben. Ohne diese Gesetze von einem so erhabenen Wesen würde der Mensch nicht ewig elend sein dürfen. O, wenn die Geschöpfe ohne göttliche Gesetze weniger elend sein könnten, so würde sie Gott sicherlich verschont haben, seiner Majestät zu Gefallen, Gesetze anzunehmen, um ein immerwährendes Elend nicht vermeiden zu können. Die Meinung meines Freundes ging also dahin, ob ich nicht wünscheu musste, versichert zu sein, dass ich in dem zukünftigen Leben _auch vom zeitlichen Elend befreit sein werde? Nein, sprach ich, denn dieses Elend kann nichts Anderes als eine Bestrafung sein, und ich will in der Haushaltung Gottes gerne die Strafe leiden, die ich verdiene. — Wie aber, wenn Gott dem Menschen die wohlverdiente Strafe erlassen wollte? Er wird es sicherlich thun, sobald die Strafe nicht mehr zur Besserung des Menschen nöthig sein wird. Hierzu bedarf ich keiner Offenbarung. Wenn ich die Gesetze übertrete, 80 habe ich mich unglückselig gemacht, und die göttliche Gerechtigkeit, ■welche nichts Anderes ist, als die göttliche allweise Allgütigkeit, suchet mich durch physisches Elend zur moralischen Güte zurückzuführen. Sobald dieses Elend zu meiner moralischen Besserung nicht mehr unentbehrlich ist, so bin ich ohne Offenbarung versichert, dass mir Gott diese Strafe erlassen wird. Und im Gegentheil, wenn diese Strafe zu meiner Besserung noch nicht entbehrt werden kann, wünsche ich auf keinerlei Weise davon befreit zu werden. In der Haushaltung Gottes leidet der Sünder keine andere Strafe, als die er zu leiden selbst wünschen müsste, wenn er die Folgen davon auf das Deutlichste sehen könnte. — Kann aber Gott nicht gut finden, den Menschen Andern zum Beispiel eine Strafe leiden zu lassen, die ihm sonst hätte erlassen werden mögen?» — Nein, denn kein Individuum leidet in der Haushaltung Gottes bloss Andern zum Besten. Es müsste denn dieses Aufopfern zum Besten Anderer dem leidenden Wesen selbst einen höhern moralischen Werth geben, und in Absicht auf seine innere wachsende Vollkommenheit ihm selbst wichtig sein, 80 viel Vollkommenheit in der Welt befördert zu haben. Wenn aber dieses ist, so kann ich diesen Zustand nicht fürchten und eine geoffenbarte Versicherung wünschen, dass ich niemals in diesen Zustand versetzt werden sollte. Was ich zu fürchten habe, ist die Sünde. Nach geschehener Sünde ist die Strafe eine Wohlthat, und sobald sie aufhört, Wohlthät zu sein, so kann man versichert sein, dass sie erlassen werden wird. Ich habe jeder Zeit die Beweise für die Nothwendigkeit einer Offenbarung für sehr gefährlich gehalten, die allgemeiner sind, als die Offenbarung selbst. Wenn denn das menschliche Geschlecht ohne Offenbarung verderbt und elend sein müsste, warum lebt denn der grösste Theil des menschlichen Geschlechts ohne wahre Offenbarung? Warum müssen beide Indien warten, bis es den Europäern gefällt, ihnen einige Pfaffen zuzuschicken, die ihnen Botschaften bringen, ohne welche sie weder tugendhaft, noch glückselig haben leben können? ihnen Botschaft bringen, die sie nach ihren Umständen und nach der Lage ihrer Erkenntniss weder verstehen noch gebrauchen können? Herr Bonnet, der 80 gern über Thatsachen raisonnirt, warum hat er nicht auch hier sieh ein wenig nach That- Sachen umgesehen, ob die Sache sich auch wirklich so verhalte, wie seine Speculation es haben will? Wollen wir wissen, wie Gott eine gewisse Absicht nach seiner vollkommenen Weisheit habe erreichen sollen, so dürfen wir nur sehen, wie er sie erreicht hat. Sicherlich war dieses derjenige Weg, der seiuer Weisheit am Anständigsten gewesen. Und wie hat denn der Allerhöchste diese Absicht: bei dem grössten Theile des Menschengeschlechts zu erhalten gewusst? Wunderbar, aber je wunderbarer, desto gottanständiger. Die mehrsteu Völker, die wildesten und rohesten selbst nicht ausgenommen, sobald sie nur das gesellschaftliche Leben einigermassen kennen, haben auch Begriffe und moralische Ueberzeugung von den Wahrheiten der natürlichen Religion, die zur Glückseligkeit des Mensehen unentbehrlich scheinen. Anfangs gründet sich diese Ueberzeugung auf grobe Vorurtheile. Die ersten Erfinder dieser wichtigen Wahrheiten mögen die Beweise, so zu sagen, innerlich gefühlt habeu, ohne sie raittheilen zu können. Indem sie über die Natur und den Zustand des Menschen insbesondere nur einigermassen nachzudenken anfingen, entstunden natürlicher Weise von allen Seiten Schwierigkeiten, die nicht anders als durch den Glauben an eine höhere allgütige Macht, an eine Vorsehung, zukünftige Belohnung und Unsterblichkeit der Seele gehoben *; Memiclssohu's ges. Sehr. 11] HZ.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.