Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 41-42. (14.10.1894)
- Date
- 1894-10-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 4142־ Jüdisches Jahrg. XXIII. Litteratur-Blatt. Zur Brietuiuung aller Juuonthum mul Jurten lK»trc»ft’enrten litterarischen Kr■ seheinnnjjpn auf rtom Gebiete rter Philosophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie Orient»] in, Exegese, Homiletik. Liturgik!1. I’ndagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahincr. Magdeburg, den 14. October 1894. Bücher der einschlägigen Litteratur, welche •1er Redaetion /.ugosanrtt worden, finden in diesem Blatte eingehende Bespreehumr. Bei Einsendung von zwei Reconsions *Exemplaren erfolgt einmalige kurze Oratis-Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis hei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition der Isr. Wochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich hei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis, — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile. Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler u Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten 25 ״/״ Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. IX- Den 2ti. April 1750. Fünfunddreissigster Brief. *) »Ich bin eben so neugierig als Sie auf die deutsche Uebersetzung der Misehna, die der Herr Capellan Rabe hat ankündigen lassen; aber aus einem ganz andern Grunde. Ich erwarte etwas ganz anders, als Sie zu erwarten scheinen. Wir wollen sehen, wessen Vermuthung eintreffon wird. Sie beurtheilen dieses Werk nach dem gemeinen Begriffe, den wir uns von dem Talmud zu machen pflegen, und belustigen sich schon zum voraus an den albernen Mährchen und ausschweifenden Fratzen, daraus es zusammengesetzt sein wird. Ich denke aber ganz anders. Ich kann mich unmöglich hereden, dass die besten Köpfe eines Volks (und gewiss das jüdische hat keinen Mangel an sehr guten Köpfen) sich seit so x'ielen Jahrhunderten einzig und allein mit einem Werke sollten beschäftigt haben, das aus lauter abgeschmackten Possen zusammengesetzt ist. Der ungemeine Fleiss, mit welchem sie diesem Studio obliegen, und die orientalische Hitze, mit der ich sie so oft über gewisse Materien habe streiten sehen, scheinen mir zu beweisen, dass ein Genie in dieser Art von Wissenschaft seine völlige Nahrung Anden könne. Sie rühmen sieh ganz besonderer Regeln zu schliesen, deren sie sieh in ihrer Wissenschaft bedienen; sie reden so viel von grossen und sinnreichen Erfindungen; sie theilen ihre liabbinen in belesene, scharfsinnige und tiefsinnige Köpfe ein. Und alle diese grossen Bemühuugen sollen nichts als das alberne Gewäsch zum Grunde haben, das man uns aus dem Talmud bekannt gemacht hat? Ich gestehe es, ich kann mir von der menschlichen Vernunft noch keinen so demüthigonden Begriff machen. Ich bat einst einen jüdischen Gelehrten, der bei seiner Nation in grossem Rufe steht, mir einen Begriff von dem Talmud zu machen. Wir befanden uns beide als Brunnengäste in F . . ., wo uns der Ort und die Gelegenheit zu einiger Vertraulichkeit Anlass gab. »Der Talmud,« gab er mir zur Antwort, »ist der Inbegriff aller unserer Gesetze, Sitten und Gebräuche, unserer Glaubenslehren und unserer Weisheit.« »Sie werden über diese Beschreibung vielleicht »lachen«, setzte er hinzu, »vielleicht auch sich verwundern. Ich woiss, was für einen armseligen Begriff sich die Wei- Besten unter Ihrem Volke von unserin Wissen zu machen pflegen; und da unsere Sache niemals Vertheidiger gefanden, 80 hat ihnen ein Jeder einbilden können, was er uns entweder aus Unwissenheit oder aus unlöblichen Absichten hat aufbürden wollen. »Wie viel Verspottung, unbillige Verachtung und Nationalhass haben diese unseligen Vorurtheile nicht zuwege gebracht! und wollte Gott, sic hätten nur keine blutigen Verfolgungen nach sich gezogen! — Jedoch ich will Sie und mich mit diesen traurigen Erinnerungen ver- *) Mendelssohns ge». Schriften IVj, S. 520 u. ff. schonen. Es war ein Unglück für uns, dass sich unsere Gelehrten nie darum bekümmerten, was man in andern Sprachen zu ihrem Nachtheile geschrieben; und wenn sie sich auch darum bekümmerten, so verstanden sie doch die Sprachen nicht, in welchen sie sich hätten vertheidigen müssen.« Stehen aber die Mährchen nicht wirklich in dem Talmud, fragte ich, die man uus daraus übersetzt hat? »Die mehrsten,« gab er zur Antwort, »befinden sich wirklieh darin.« Was kann aber in einem Buche Vernünftiges sein, erwiderte ich, in welchem solche abenteuerliche und abgeschmackte Dinge Vorkommen? »Wir schliessen gerade umgekehrt,« versetzte mein Rabbi; »die Dinge, die dem ersten Anblicke nach ungereimt scheinen sollten, machen etwa den zwanzigsten Tlieil des Talmuds aus. Im Uebrigen erhält er nichts als gründliche Abhandlungen und Be- Pachtungen über unsere Rechte, unsern Gottesdienst nnd andere Gebote des alten Testaments. Sollten wir also glauben, dass Leute, die so viel Proben von ihrer Weisheit abgelegt, auf einmal allen Menschenverstand verloren haben, und auf Dinge verfallen sein sollten, die sich kein Kind weiss machen lässt? Ist es nicht vernünftiger, diese wenigen Stellen, die uns anstössig scheinen, für allegorische Vorstellungen solcher Wahrheiten zu halten, die man zu alten Zeiten dem Volke mit Fleiss zu verbergen, und nur Leuten von melirerem Nachdenken zu verstehen zu gehen gewohnt war? Wir glauben hiervon Uherzeugt zu sein, und haben auch schon wirklich den Sinn von einigen räthselliaften Stellen herausgebracht. »Die wir nicht erklären können, betrachten wir mit einem ehrfurclitsvollen Stillschweigen, und gestehen unsere Unwissenheit.« »Indessen,« fuhr er fort, »sind diese Allegorien selbst, in welchen sie die Wahrheit eingehüllt, nicht alle so widersinnig, als man glaubt. Ocfters enthält auch ihr planer Sinn sehr gute Sittenlehren, die heilsam und erspriesslieh sein können. Unsere Lehrer haben hierin die Natur nachgeahmt. Sie bekleidet oft die Früchte mit äussern Schalen, die an und für sich selbst schmackhaft und köstlich sind; nicht selten aber umhüllt sie den zarton Kern mit einer ungeniessbaren Schale, damit man, ohne bei derselben sich aufzuhalten, sogleich den köstliehen Kern suchen möge.« Ich habe meinem gelehrten Juden nichts von der Rabe’schen Ankündigung der Misehna gesagt. Er scheint unsern Gelehrten die Geduld und Arbeitsamkeit nicht zu- Zutrauen, die nach seiner Meinung gefordert wird, wenn man den wahren Sinn der Misehna oder des Talmuds allenthalben erreichen will. Sobald die l'eborsetzung heraus sein wird, werde ich sie ihm zur Beurtheiluug vorlegen. Betrachtungen über Bonnet’s Palingenesie. Im Jahre 17<iP veröffentlichte der berühmte Naturforscher Bonnet in Genf, den eine Erkrankung seines Auges von den Naturwissenschaften zu religiösen und philosophischen Forschungen führte, ein Buch unter dem Titel »Idees sur l’etat futur des etres vivants ou Palingenesie philosophique.« Dieses Buch gehört