Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 40. (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
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158 Namt*11 (.‘ine in ganz Ob«*rungar11 so unbedingt geschätzte Persönlichkeit, dass die Stadt Tvrnau ihn ebenso wie die Jndenschaft als den geeignetsten Vermittler erkannte. In der That gelang es ihm, am 20. December 1717 mit der Stadt eine Vereinbarung zu treffen, in Folge deren, was seit unvordenklichen /eiten nicht für möglich gehalten worden war, Juden lind ihren Waaren und Frachten gegen eine Steuer, von der auch der Aermste nicht ausgenommen war, der Durchzug nicht nur durch das (leinet, sondern sogar durch das Weichbild der Stadt Tvrnau gestattet wurde. So unerhört erschien «len Zeitgenossen dieser Zipfel der von einem Einzelnen uusgewirkten Emailci|>ation. «lass der Lcicheustcin Simon Miehel’s auf dem jüdischen (lottesacker in der Rossau zu Wien das Andenken dieser seiner befreienden That auf die Nachwelt zu bringen ausersehen wurde. In «1er That haben <la wieder einmal «li«* Steine g«*r«*det. als noch di«* Kunde dieser Thutsache im ungarischen Landesarcliiv zu Ofen bt*gmb«*n war, S«*lbst der kurze /«*itraum von zehn zu zehn Jahren, den «lieGnad«* des Kais«*1־s ihm zum erw«*it«*rten Aufenthalte in Wien gewährt hatte, war für Simon Michel selber zu lang«* geworden. Kaum ein Jahr, nachdem man die Gattin Hanna, die Tochter dt*s Meier Menzels, durch «lit* er mit Lazarus Hirschei verschwägert warden zu s«*in scheint, am 20. Juni 171S ihm hinausgi'tragen hatte, wurde er selber am 10. April 1710 vor der Z«*it in die Wiener Erde gebettet. Es ist nicht bestelltes Lob, von dem die Leichonsteine der (Jütten zeugen. Etwas von <h*r wahren Trauer, die Alle, «li«* sie kanut«*n. um sie (*m]>fnn<h*u. dringt unaufhaltsam aus den classischen Worten, die in schwungvollem Hebräisch «las Mitgefühl des Dicht«*rs ilnvn Epitaphien eingemeisselt hat. Ein Wohlthät«*r seiner (Jlauh«*nshriider. ihr Anwalt und Fürsprecher vor Fürsten(hronen , ihr Retter in Verfolgungen. «*in Schuh'iigriinder und Lehrhausstift<*r zahlreicher (Jemeimlen - dass sind die Ehrennamen, mit denen <*r fortlebi‘11 sollt«* im Amhmken der Nachwelt, die man auf den L«*ich«*nst(*inen ihm zu st*tzen sich nicht «*nthrech«*n könnt«*, ob zwar er es ausdrücklieh l«*tztwillig verboten hatte, ihn im Tode zu rühmen. Seine Lebeiisgt'fährtin war aber nach dem, was von ihr ausgesagt wird, in alh'n Werken «1er Milde, der Frömmigkt'it uml Wohlthätigkeit st*in redlicher Beistand, fromm und gottergeben im Leben wie im St«*rben. Das Privilegium hatte für den Sterbefall vorgesorgt; Lazarus v. G e ld t*rn brauchte nicht gleich seine Zelte in Wien abzubrechen. Als am 11. November 1720 seiner Ein* ein Knabe entspross, erhitdt er den Namen st'ines Wiener (Jrossvaters. Simon. Es hat sich auch noch aus späteren Jahren ein kleines Denkmal erhalten, «las von dem patrizischen Haushalte und dem kirnst-!«*rischen Sinne, den feineren Lehensg(*wohnh«*iten im Kreise unseres Lazarus in der Zeit s«*ines Wiener Aufenthaltes Kunde giebt Im Hause des Herrn Rabbiners Dr. Frank in Köln sah ich ein Meisterwerk hebräischer Schönschreibkunst, die sog«*nannte Pessachhaggada, die an «len zwei Abenden des jüdischen (>st«*rl'«*st1*s im Schooss«* der Familie verlesen und gesungen wird, auf Pergament geschrieben und mit merkwürdigem Bii«l«*rschmuck reich und in Farben ausgeziert. Sit* ist 1728 von Jehmla Loob, dem Sohne Ben jamin Wolfs Broda aus Tivbitsch in Mähren, eitu*n ausgezeichneten Schreibekünstler und Maler, für Eli«.*ser, den Sohn Juspa Düsseldorfs, den Schwiegersohn weiland Simeon Pressburgs. d. i. Lazarus v. (Jeld«;rn. offenbar n Wien ausgeführt worden, «*ine Nachblüthe jener Kunst der Kalligraphie und Illumination , welche Guttenberg’s schwarze Kunst in Vergessenheit gebracht hat. Dieses kleine Kunstwerk hat sich nachweislich in der Familie Geldern fortgeerbt. Vielleicht hat die Erinnerung an das alte Buch und seinen Bilderschmuck in einem Winkel von Heinrich Heine s Seele geschluminert, als er sich mit dem Plane des Rabbi von Bacliarach trug, dieses als Torso selbst bewunderungswürdigen Juwels deutscher Erziihlerkuust, dieses Bruchstückes, das allein ein D«*nkmal aufwiegt. Lazarus v. Geldern scheint aber noch vor dem völligen Ablaufe d«*s Schutzbriefes Wien verlassen zu haben, um sich in Düsseldorf, seiner Vaterstadt, niederzulassen. Wenigstens ist sein jüngerer Sohn Gottschalk, der Grossvater Heinrich Heine's, am;50. No. v«*mb«*r 172(5 b«*reits daselbst geboren. Am 81. Juli 1727 st*he11 wir ihn schon im Besitze seines Patentes als Hof-Factor von Jülich und Berg. S«*i11e Gattin, die ihren Mann in der neuen Umgebung so rasch Wurzel fassen und an der Mehrung des Ansehens so erfolgreich arh«*it«*n sah. ward bereits am 21. April 1741 durch einen allzu vorz«*itig1*11 Tod ihm entrissen. Wohl hatte sie nicht das hohe Glück, ihren jüngeren Sohn, «lessen linlms Lob als verdienstvoller Arzt und musterhafter < )bervorgiinger d«*r jüdisch«*!! Gemeinden in Jülich und Berg weithin in dmitschon Landen verkündet wurde, die Stufen des Ruhmes emporsteigen zu sehen, dafür war ihr aber auch der Harm ersspart ihren älteren Sohn Simeon, den Namensträger ihr«*s unvergesslichen Vaters, auf Wegen zu linden, die ihn seiner Familie entfremden mussten. Denn in diesem Onkel von Heinrich H1*i1)e's Mutter pulsirte etwas von jenem Zigtuiitorblut. das die Unrast in alle Adern jagt, so «lass «li«* Polizei-B1*hörde in Paris 17öS ihn als aventurier bezeichnt‘11 zu müssi‘11 glaubte und der Sprosse einer d«*r bekanntesten und angesehensten jü«lisch«*n Familien ])«*utschlaiuls. weil er plötzlich g«*g«11־ doii Willen «ler Seinen im heilig«*!! Lande leben zu wolh‘11 erklärt«*, ״,«*zwangen war, von fremder Unter- Stützung sich sein Auskommen siclmrn zu lassen. Als Lazarus v. (J«*ldern am 24. November 17G1» im Alter von 74 Jahren für immer die Augen schloss, schri«*b man zum ewigen Gedächtniss sein«*r Seele in das Mt'inorbuch der Gemeind«* Düsseldorf, aus dem bei jt'der Todtenfeier «lie Namen «ler Verstorbenen verlest*!) werden, dass sein Hans ein Brennpunkt jüdischen Wissens gewesen st.*i. und dass er selber «*s niemals v«u*säumt habe, vielbeschäftigt wie er war. von seiner Zeit dem Studium des angestammten G«*setzes seiner Väter zn widmen. War doch Lazarus der S«dm eines so tief in Leben und Lehre des Judenthums wurzelnden Mannes, wie Juspa v. Geldern, den der Rabbiner von Diissiddorf. Gottschalk, zu seinem Schwiegersöhne sich ersah. Nach diesem im Alter von 18י Jahren im Jahre 1710 verstorbenen frommen Gelehrten und durch fiirstlieh«* Wohltaten berühmten Rabbiner von Düssei- «lorf. Salomo Eljakim Gottschalk, Sohn Elies«*r Halewi's. trug der jiing«*re Sohn <U*s Lazarus v. Geldern. dt*r am 12. Dctober 1705 vor erreichtem 70. Jahre heimgegangene D1*. 1111*11. Gottschalk von Geldern, den Namen. Sein Sohn Joseph Juspa, der Namensträger von Lazarus' Vater, der am 24. November 1705 zu Düssei- «lorf geboren ward, hatte die Langlebigkeit, «las Vorrecht seiner Väter, nicht als Wiegengeschenk der Vorseliung mitbekommen. Nachdem er in Bonn, Mainz und Heidelberg studirt hatte, zu Duisburg als Doetor «ler Medioin und der Philosophie promovirt• worden