Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 40. (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 40. Jüdisches Jahrg. XXIII. Litteratur-Blatt. Zur RolPuohtunK nllor .Utüonthum wm\ Judoii (►ptrpffVnürn littorarisHiun K1 S(‘11(*inmuf«‘n auf dum Gelufto d«*r I’liilosopliic», (;cscljichto, Kthnojrmphio, Thpo* lottfu Orientalin, Kxojrosc, Homiletik. Liturgik u. Pädnpoßik. Heransgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahrncr. Magdeburg, den 5. October 1894. Büeher der cinsohliljrigen Litteratnr, welche der Re<laction /.u^esandt werden, (Inden in diesem Blatte eingehende Bes|»reelmnp. Boi KinsemlunK von zwei Recensions -Kxem)»lare!1 erfolpt ein• malten kurze Gratis* Insertion. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition der I8r. A\ochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die viertoljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Eitteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler u Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten *25 °/0 Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. IX Einem ähnlichen Gedanken begegnen wir im »Phädon«, wo in beweglichen Worten geschildert wird, wie unglücklich es den Menschen mache, dass nach dem Tode Alles vorüber sei. Sollte es dem Kritiker entgangen sein, dass die Schrecken der Hölle eins der wirksamsten Mittel sind, um die Gemüther zu ängstigen, zu beugen und zu beherrschen? Sind die *ewigen Höllenstrafen« ein Spass? Mendelssohn hat sich selbst einmal an die Uebersetznng des berühmten »Hamlet«- Monologes gewagt, der ilm belehren konnte: »Sterben, Schlafen, nichts weiter und zu wissen, dass ein Schlaf das Herzweh und die taxisend Stösse endet, die unseres Fleisches Erbtheil, es ist ein Ziel auf's innigste zu wünschen.« Der junge Kritikus hat sich die Aufgabe, einen Friedrich, einen Lukrez zu recensiren, doch zu leicht gemacht. Vielleicht war es die Erinnerung an diese durchaus unzulängliche Kritik, die später unserem Philosophen gefährlich geworden ist und Friedrich mit veranlasst hat, Mendelssohn die Aufnahme in die Akademie zu verweigern. Man braucht dabei noch nicht an eine Abneigung des Königs gegen den Recensenten seiner Gedichte zu denken, sondern an eine berechtigte Antikritik, vielleicht übersah Friedrich den Verfasser des »Phädon« auch philosophisch. Mendelssohn wiederholt in diesen Briefen die Ansicht, die er einige Jahre vorher im Eingang der Schrift: »Pope, ein Metapliysiker« im Verein mit Lessing ausgesprochen, dass er von Philosophie in Gedichten überhaupt nichts halte; wie dort von ,Lukrez gesagt wird: er sei kein Dichter, sondern ein Versemacher, so wird in diesen Briefen von einem Gedichte Friedricli’s bemerkt: »Schreiben Sie also immer über dieses Gedicht: ,Imitation de Lucrece‘, oder sonst eines noch älteren Schwätzers.« Weder die Ansicht Mendelssohns über Philosophie in Gedichten noch über Lukrez lässt sich aufrecht erhalten. Die Wolf’sche Schulphilosophie, der Mendelssolni bis an sein Lebensende ergeben war, ist vergessen und Lukrez, dem Friedrich folgt, ist nicht vom Throne gestürzt. Aber interessant bleibt das geistreiche Spiel, mit dem Mendelssohn, ohne die Ehrfurcht gegen den König zu verletzen, sich doch an den königliehen Autor heran wagt: es ist ein Zeugniss der Tapferkeit des so bescheidenen und schüchternen Israeliten, es ist ferner ein Zeugniss dafür, da Mendelssohn schwerlich glauben konnte, dass Friedrich das Versteckspiel nicht■ durchschauen werde, welche vornehme Gesinnung mau Friedrich zutraute. (Man vergl, den OK., 00. und 100. Brief, die neueste Literatur betreffend.) Auch den Talmud hat Mendelssohn in die »Briefe, die neueste Literatur betreffend«, hineingebracht. Er knüpt hierbei an die Uebersetzung des Talmud an, welche der Kaplan Rabe in Anspach damals veröffentlichte und welcher er als kundiger Beurtheiler alles Lob ertheilt; er kann den Kritikern unserer Tage bei Beurtheilung ähnlicher Arbeiten als Muster hingestellt werden, denn er rügt zwar die Fehler, die er entdeckt, aber übersieht nicht, dass bei der Schwierigkeit des ganzen Unternehmens Fehler kaum zu vermeiden sind. Er nimmt in den drei Aufsätzen, in denen er Rabe s Uebersetzung behandelt, den Schein an, als trage er nicht seine eigene Weisheit zu Markte, sondern als lasse er sich von einem gelehrten Rabbi darüber unterrichten. Es sind goldene Worte, die Mendelssohn über den Talmud schreibt, vielleicht heute noch mehr der Beachtung zu empfehlen, als es damals nöthig war. Wir stellen einen dieser Briefe hierher und haben nur einiges Detail weggelassen, das wohl auch in der Zeit Mendelssolin’s den Leser an der Stelle, an welcher es veröffentlicht wurde, sonderbar angemutliet hat und wahrscheinlich nur vom Kritiker und vom Autor verstanden worden ist. (Fortsetzung f׳4״t.) Ueber Heinrich Heine’s Abstammung. Von Professor I)r. .1. Kaufmann. (Schluss.) Aber das Jahr sollte nicht zu Ende gehen, ohne dass Simon Michel eine andere Auszeichnung als die Anerkennung seines Reichthums, die in dieser Be- Steuerung lag, zu Theil wurde. Jahrzehnte hindurch war das Gebiet der königlichen Freistadt Tyrnau in Ungarn eine wahre Fliegenfalle für die Juden. Es war nicht nur ihr oft in Gnaden bestätigtes Privilegium, keine Juden zu halten, sondern jeder Jude, der sich ihrem Bannkreise nur näherte, war rettungslos mit Hab und Gut ihr verfallen und vogelfrei. Wenn ein Wagen in der Nähe eines ihrer Dörfer die Achse brach, dann wurde der Inhalt, wenn er einem Juden gehörte, in die Stadt geschleppt und confiscirt, der Eigenthiinier aber gefangen gesetzt. Der Processe um das von diesen Wegelagerern gerauhte Gut war kein Ende, die Klagen drangen bis an den König; der Palalatin hatte schon die Weisung erhalten, endlich einen Ausgleich und Ruhe zu schaffen, als die Stadt und die klageführenden Parteien sich darin einigten, zur Vermeidung der sonst aufiaufenden Kosten einen Vertrauensmann zu wählen, der den Streit schlichten sollte. Simon Michel war von der Zeit seines Aufonthaitos in Pressburg her und durch seinen grossen