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Das jüdische Literaturblatt · 1894-09-28 · No. 39. (28.9.1894) · p. Seite 155

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 39. (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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155 Erben, die 177,000 Gulden beizusueuem hatten, 80,000 Gulden entfielen, musste Simon Michel, wie nur noch einige Wenige, 75.000 Gulden vorschiessen. (Schluss folgt). Ueber den Ursprung der Traditionen im Synagogengesang. Von Ed. Bi rnbaum-Königsberg. I. Sehr häufig hört man die Frage aufwerfen, von wem wohl die alten charakteristischen Synagogenmelodien herrühren mögen. Speciell vor den hohen Feiertagen, vor!ר״י und יו״כ, wird nach dem Ursprung des ergreifenden כל נדרי , des המלןי, des ארדתי לחמך gefragt. Die stricte Beantwortung dieser Fragen ist insofern keine leichte, als unser Synagogengesang — wie der aller Riten — verschiedene Elemente in sich birgt, die erst näher bestimmt und in Einklang mit dem rabbinischen Schriftthum wie mit den Ergebnissen der jüdischen literar-historischen Forschung gebracht werden müssen. Uud in Wirklichkeit gehört ein Specialstudium von nicht geringer Ausdehnung und — Ausdauer dazu, wenn man diese aus vielen Epochen und Ländern stammenden Gesänge nicht allein in allgemein historischen oder musikwissenschaftlichen Betracht ziehen, sondern in allen ihren Einzelheiten verfolgen will. In dieser Hinsicht zeigt sich schon bei den ersten Untersuchungen über die Einführung von liturgischen Gebetformein, Psalmen und Hymnen, von denen doch hierbei ausgegangen werden muss, dass häufig ein und derselbe Text von den verschiedensten Tonweisen begleitet wird, während man auf der andern Seite so manche typische Singweise aut ganz feruliegende Versikel übertragen findet. Von dem uns naheliegenden deutsch - polnischen Ritus ausgehend sei beispielsweise nur an den Kaddisch- und Borchu-Text erinnert, welcher so viele typische Melodien aufzuweisen hat, andrerseits aber auf die in der Liturgie eingeführten biblischen Verse uud Halbverse, wie יהללו,מפלח, אשרי העם und דיהיא האלהים, hingewiesen, welche am ר״ה und יו״כ — und das gewiss nicht zufällig — in einer einheitlichen Tonweise gesungen werden. Kann das hohe Alter dieser Tonweise ihrem Gepräge nach kaum in Zweifel gezogen werden, so dass man mit Recht geneigt wäre, sie von den so typischen Accentweisen für Neujahr und Versöhnungstag herzuleiten, so steht dem die Thatsache gegenüber, dass dieselbe Tonweise auch auf nichtbiblische, aber alte Texte übertragen wurde, wie auf ד׳מלך (in den מילה) בשכ״ם,(הקפות und הו״ר), und dass sogar gewisse Pijutschlüsse, wie כינתו - (Ende der שירה am 7.' Tag PBSSreb) üüd גדולים וקפונים׳ (an der parallelen Stelle am Ende des Dekalogs vom 1. Wochenfesttage) in derselben Melodie gesungen werden. Will man sich diese Einheitlichkeit erklären, so wird man auch wissenschaftlich auf die Frage nach dem Ursprung der gesanglichen Traditionen geführt und begegnet da der vielfach verbreiteten Meinung, dass der Mahril (gest. 1427) der Schöpfer oder, da man vor ihm auch schon traditionell gesungen haben wird, wenigstens der Hüter der gesanglichen Traditionen gewesen sei. Allerdings empfiehlt er gelegentlich, wie vor ihm das סיחסידים, das Festhalten an Trabitionen im Synagogengesang. Aber hat man in ausserdeutschen Landen nicht auch liturgische Ueberlieferungen gehabt, zu welchen ja der Gesang des Vorbeters und der Gemeinde gezählt werden muss, und woher? Wo beginnt die Tradition im Synagogen gesang, seit wann singt man traditione 11? Diese Frage hat mich lange wissenschaftlich beschäftigt, und sie zu beantworten, habe ich mir für heute zur Aufgabe gestellt. Ich darf wohl annehmen, dass so manchem Leser die Resultate meiner Untersuchungen als דבר בעתו nicht ganz unwillkommen sein werden. Die Elemente des traditionellen Synagogesangs (חעות) lassen sich zusammenfassen in Neginoth, Psalmodie und Keroboth, die alle unrhythmisch sind. Erst in späterer Zeit treten rhythmische Gesänge hinzu. In phonetischer Auffassung sind »Neginoth« diejenigen Tonweisen, welche auf Grund der masoretischen Tonzeichen oder »Accente« gesungen werden, ursprünglich sind aber jene älter als diese. Die Tradition wurde in allen Dingen hochgehalten. Und da man fand, dass die Schriftrollen des Alterthums — einer Zeit, in der man der Zeichen noch nicht bedurfte — ohne solche geschrieben waren, so mussten die Vocal- und Tonzeichen als blosse Hilfsmittel späterer Erfindung von den officiellen Schriftrollen ausgeschlosen bleiben. Die Einführung der todteu Zeichen kann daher nur den Zweck gehabt haben, neben der überlieferten Art und Weise des correcten Lesens auch die lebendige, melodiöse Vortragsweise der heiligen Schriften zu erhalten, und es ist nur erklärlich, dass die zur Vorlesung gelangenden Schriften keine Hilfszeichen irgend welcher Art aufweisen dürfen. Dass ausser den Tonplirasen zwecks der Vorlesung auch im sogenannten חזנות Elemente der Neginoth vorhanden sind, wird sich im Laufe dieser Abhandlung zeigen. — Unter »Psalmodie« sind alle Arten von Wechselgesängen zu verstehen, welche in antiphonischer, epiphonischer und hypophonischer Weise, aber immer in einem bestimmten Wechselverhältniss zwischen Vorbeter und Gemeinde ausgeführt werden. Zum besseren Verständniss sei hinzugefügt, dass die Psalmodie ursprünglich nur Schrifttexte (Bibelverse und Halbverse) zur Unterlage hatte, als aber die synagogale Poesie ihren Aufschwung nahm, wurden die alten Tonweisen, wie bereits eingangs angedeutet worden ist, auch auf Pijutim und althymnodische Texte, an die sich die Poeten gern anschlossen, übertragen nnd daselbst haben sie sich bis auf unsere Tage erhalten. So ist die Melodie von שיר היהוד antiphonisch, indem Vorbeter und Gemeinde Zeile um Zeile wechseln; die einheitliche Melodie von den Zwischenstücken in כלביות ז״ש ,נשם ,טל und der עבודה epiphonisch, indem der Vorbeter jedes Pijutstück, welches die Gemeinde bereits gesagt hat, schliesst, während bei der Hvpophonie das umgekehrte Verhältnis eintritt, dass nach dem Einzelvortrag des Vorbeters die Gemeinde ent» weder dasselbe wiederholt, z. B. תעיר ותריע, welche Art von den Prager Druckern mit חזן וקהל חו״ק bezeichnet worden ist, oder etwas Selbstständiges hinzufügt, z. B.הי וקים, wo dann die Bezeichnung ק״וח lautet.—»Keroboth« endlich ist als dritter Bestandtheil des Synagogengesanges (von den rhythmischen Melodien muss hier ganz abgesehen werden) ein Collectivbegriff fijr alle die Tonweisen, welche auch bei der alten Liturgie sowohl (z. B. bei יקדיש bei ברכת אבית) als auch bei den späteren Hinzufügungen (gemeinhin Keroboth, Pijutim, von R. Saadja Gaon auch חזנות genannt) dem 1,קרובא) dem Vorbeter allein zufallen. — Ich habe für diesen Bestandtheil des Synagogengesanges absichtlich die Bezeichnung »Keroboth« gewählt und die Bezeichnung »Chasanuth« vermieden, weil im Allgemeinen alle Elemente des Synagogengesangs, Neginoth, Psalmodie und Keroboth, als Gegenstand der Ueberlieferung *) Geber קרובא ist zu vergleichen Sachs, die rol. Pousio S. 178. Zunz, Gottesd. Vorträge 37!) d. 1‘erles, Beiträge 1884 S. (i8—09, woselbst auch nachgewicson wird, dass das Wort Liturgia (למדגיה im Sinne von קרובה (oblatio) im Tanchuma vorgekommen sei. Ueber die Bezeichnung חזן für den Vorboter. die schon in Soferim X 8 vorkommt, vergl. Müller, St. Anm. 31. Keber die Bezeichnung סופד und ספרא s. Frankel מבא הירדט8מי S. 118 b. Jüngere Quellen über חזן auch in Zunz Synag. Poesie S. Gl Anm. a—11, Wagonseil, Tel. ign. Satan. S. 075. Auch der h. Epiphanias (A. 310) kennt die Bezeichnung ’Aaavitat im talmud. Sinne. S. Ersch u. Grober 11. Sect. 27 Th. S. 45 Anm 51 u. Rhenferd Specimcn Animadversionuni, Frankfurt 1688 S. 117.

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