Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 39. (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
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154 sah, dass die oft zur Schau getragene Vorurtheilslosigkeit und freie Gesinnung nur Schminke und Tünche war. Von allen seinen Schriften haben nur diejenigen noch heute einen vollen Werth, bei denen sein Herz mehr als sein Verstand betheiligt gewesen ist. Daneben bieten manche seiner Leistungen culturgeschichtlich intercssante Momente. Von diesem Gesichtspunkte ist der literarische Streit zwischen Friedrich dem Grossen, zwischen dem Könige und dem Juden beachtenswerth. In den Briefen, die neueste Literatur betreffend, beurtheilt Mendelssohn frei und unerschrocken die Poesien Friedrich des Grossen, jene Gedichte, die mitten in den Wirren des siebenjährigen Krieges verfasst und veröffentlicht, ein glänzendes Zeugniss sind für den hohen Sinn des Königs; in der Literatur, im Nachdenken über die ernsten Probleme des Lebens suchte er Zerstreung und Erholung von den schweren .Regierungssorgen, die ihn drückten; am kastalischen Quell erfrischte er sich für den heissen Kampf, in dem fast ganz Europa ihm gegenüberstand; er war kein gläubiger Poet; Lukrez war sein Führer und Meister, Lukrez aber war der erste didaktische Dichter aller Zeiten, den Virgil mit den Worten gepriesen: »Felix, qui rerum potuit cognoscere causas«, von dem Grimm behauptet, er habe die Weihe edler, strenger Gedankenfülle empfangen. Mendelssohn unterwirft die Gedichte nicht nur einer strengen, sondern auch einer ungerechten Kritik; der Recensent thut so, als gebe ihm die Ueberschrift: »Imitation de troisieme livre deLucrece«, das Recht, zwischen den Meinungen Friedrichs und Lukrez zu unterscheiden, Alles, was Friedrich vorbringe, nur als Ansichten des Lukrez zu betrachten, und nun kritisirt er mit Freimuth, ja mit Uebennutli die Verse des Königs, er schlägt den alten Römer, weiss aber natürlieh so gut wie wie irgend ein Anderer, dass Friedrich in seinem Kriegslager keine Stilübungen veranstaltet, sondern sich an den Dichter gelehnt hat, der seinen Gedanken der nächste war. Oft bewundern wir mehr die Lebhaftigkeit der Ein würfe als die Wahrheit derselben, so wenn Mendelssohn fragt:’»Kann man wolil z. ß. inunsemZeiten noch sagen, dass der Begriff eines zukünftigen Lebens uns den Tod schrecklich mache? Dass man also um den Tod nicht zu fürchten, dies Vorurtheil ablegen müsse? Oder mache sich der vernünftigste Theil nicht von der Zukunft viel mehr die köstlichsten Vorsteilungen, die ihnen den Tod sogar wünschenswerth machen? Wer jetzt sur.les vaines terrieurs de la mort schreiben.will, der muss die Unsterblichkeit der Seele vielmehr behaupten.« (Fortsetzung folgt.) Ueber Heinrich Heine’s Abstammung (Fortsetzung statt Schluss.) Gleich im folgenden Jahre hatte der neue Bürger oder Geduldete von Wien Gelegenheit, dem Vaterlande sich nützlich zu erweisen. Es war das furchtbare Kriegsjahr, in dem Eugen von Savoyen ans Piemont berichtete, dass »ein und anderer wackerer Offizier aus purer Armuth und vor Hunger gestorben sei«. Mit Wertheimer gewährte da Simon Michel der Regierung Vorschüsse gegen Sicherstellung auf die künftigen. Verwilligungen der Kronländer. Aber das Verliältniss zu seiner eigentlichen Heimat und zu seinen Glaubensgenossen hatte er auch jetzt nicht gelöst. Wie er daheim stets Zeit und Kraft übrig hatte, seinen Brüdern in allen confessionellen und Gemeinde-Angelegenheiten als ihr Vorsteher zu dienen und nützlich zu werden, so wurde er auch jetzt »von den kaiserliehen zur Besshreib- und Einrichtung der im Königreich H Ungarn sesshaft- und handelnden Judenschaft verordneten Commission« als »Vorsteher der Judenschaft in Hungam diesseits der Donau« anerkannt und am 23. Januar 1707 mit seinen Söhnen Marcus und Michel und seinem Schwiegersöhne Baruch von der ungarischen Kammer als ihr Schutzbefohlener aufgenommen. Es war nur eine Duldung von zehn zu zehn Jahren, die selbst den Privilegirten der Juden in Wien als äusserste Gnade zugestanden wurde. Alle unbescholtene Arbeit, die unermüdlichste Opferfähigkeit im Dienste des Staates und Kaiserhauses vermochte an diesem Herkommen nichts zu ändern. Simon Michel musste bei Zeiten darauf bedacht sein, bevor sein Privilegium ablief, oder wie man sagte, expirirte, für ein neues zu sorgen. 75,000 Gulden hatte er für diese Vergünstigung dem Aerar vorzuschiessen sich erboten, 20,000 davon hatte die Hofkammer sofort in Anspruch genommen, aber es lag wieder etwas von der Schwüle einer bevorstehenden Judenaustreibung in der Luft; der grösste Theil des Jahres 1710 verstrich. Simon Michel hatte den papierenen Boden unter den Füssen, das alte Privilegium, verloren, ohne das neue erhalten zu haben, als endlich am 25. September Kaiser Karl IV. ihn von neuem in seinen landesfürstlichen Schutz aufnahm und ihm und den Seinen eine »von denen Kirchen abgelegene, zu seiner nothdürftigen gelegenheit erforderlicne wohnung umb die billig- und eigene bezahlung in bestand zu nehmen«, d. h. zu miethen verstatte. Neben seinem Namen erscheint in dem neuen Privilegium nur noch sein verheiratheter Sohn Enoch Michel und sein Tochtermann Lasar Joseph ausdrücklieh hervorgehoben. Dieser »Buchhalter« Lasar Joseph ist der Urgrossvater Heinrich Heine's, Lazarus v. Geldern, der Sohn des in deutschen Landen weithin angesehenen Juspa oder Joseph von Geldern, des Vorstehers oder Obervorgängers der jüdischen Gemeinde von Düsseidorf. Lazarus war zur Zeit des neuen Schutzbriefes, in dem er als Schwiegersohn und Buchhalter Simon Michel s auftritt, kaum 21 Jahre alt. Der Glanz seines Elternhauses war durch die Ehe seiner Schwester mit Liebmann Jost, dem Sohne des mächtigen Juweliers und Hofjuden des Grossen Kurfürsten, Jost Liebman in Berlin noch erhöht worden. Es war für Simon Michel keine geringe Genugthming, als er seine Tochter Sara Lea dem jungen Träger eines in dar Judenheit so angesehenen Namens, Lazarus von Geldern, der von draussen im Reich nach Wien zu ihm gekommen war, die Hand zum Bunde für's Leben reichen sah. Aber auch der junge Geldern konnte mit gehobenem Bewusstsein in seine neue Heimat ziehen, in der das Haus seines Schwiegervaters neben den Wertheimer und den Hirschel’sehen Erben, neben Oppenheimer, Lehmann, Sinzheim und Ulmer zu hohem und unbestrittenem Ansehen sich erhoben hatte. Dass die Regierung Simon Michel zu den Reichsten in der Wiener Judenschaft zählte, bewies sie sehon im folgenden Jahre, als sie zum Zwecke des Türkenkrieges es wieder einmal mit einem Zwangsanlehen versuchte und von den in Wien privilegirten Juden Vorschüsse nach der Höhe ihres Vermögens oder nach eigenem Angebote einforderte, die bis zum 24. Juli 1717 bei Strafe von tausend Speciesducaten eingezahlt sein mussten. Während auf alle Juden, mit Ausnahme Wertheimer’s, der eine halbe Million, und Hirschel’s