Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 39. (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 39. Jüdisches Jahrg, XXIII. Litteratur-Blatt. Zur It*»!1‘u<‘ht1u1v nll«*r .liHliuilhuni inxl Jn׳i»*n liUiTiiriMh»*״ Krjmf ׳!׳•in •!••r sophi•‘,ז Mt Im« »trr«1 ן ►h!* *. Th•“«•■ hur*•* uricntaliii. Kxry'«•*»•. Hoinflftik. J.lturink u. r;i1tatf׳>u:ik. H e r a 11 s g e g e I) e n Voll Rabbiner Dr. Moritz Ruhmer. Magdeburg, den 28. September 1894. Biirhrr •l»־r Utt»‘ramr. wpIWip •h>r Krdurtlon /uursiui•!( w ח*י1»1זוו in 11i«‘*»nn Blntlr rinK<*h1*n<lp lk>* s|1r*a־lu1m:. IM Kinsenduny: von zwei lbMN*nsions־Kxen1|»lnr1‘n erfolgt «*ininnliur kurz•‘ timt ו s* Das .,Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis h i all״n Buchhandlnngen (in Magdeburg bei der »Expedition der hr. \\ ׳)״lieiiselirift') 10ון •Jmirtiil: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift;׳, die vierteljahrlieh bei allen l’ostanstalten und Ihiehhandlnnoen 3 Mark zahlen, erhalten!las *Jüdische Utteratnr-lilatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene l'etitzeile. Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler u Lehrer, welche direkt an die Expedition Inserate einsenden, erhalten J5 Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von 1!. 1t. vnr. Die Dunkelmänner unter den Juden hatten, was dies System der Religion anlangt, in Mendelssohn einen nur zu beredten Anwalt. Denn auch sie paktirten nicht über den Begriff von Offenbarung und fassten ihn ganz anthropomorphistisch auf. unbekümmert darum, dass jedes Hören die Wirkung eines Körpers auf einen Körper bedeutet und souaeh die Stimme Gottes nicht gehört werden kann. Für die Strenggläubigkeit ist ohne Rücksicht auf deti innereren Widersprucli Gott am Sinai gehört worden, wie — ein Mensch gehört wird, nur dass wahrscheinlich ein gradueller Unterschied angenommen wird oder die Hörenden den Sprechenden nicht sahen. Jeder Versuch, die Offenbarung als einen geistigen Vorgang aufzufassen, wäre auch von Mendelssohn zurückgewiesen worden. Andererseits war der jüdischen Orthodoxie des vorigen Jahrhunderts das Nachdenken über religiöse Probleme ganz abhanden gekommen; das Geremoniale der Küche, der Synagoge, des Sabbaths n. s. w. war ihnen Religion; in dieser Ausschliessung aller metaphysischen Gedanken aus dem Gebiete der geoffe11bar]te11 Religion begegneten sie sich mit dem Berliner Philosophen. Ihm war nur liocli die religiöse Form jüdisch, der religiöse Geist hat bei ihm kein confessionelles Gepräge. Die aufgeklärten Juden Berlins, die unterdem politischen Drucke seufzten, richteten sich nur zu genau nach dieser Lehre, denn die Religion des Rationalismus war dieselbe hüben wie drüben im herrschenden Bekenntnis. Diesen Rationalismus entwickelte er noch kurz vor seinem Tode in seinem Buche »Morgenstunden«, so genannt, weil er in ihm philosophische Unterhaltungen wiedergab, die er in den Morgenstunden mit seinem Sohne und jungen Freunden desselben gepflegt hatte; es enthält im Wesentlichen in alter vorkantischer Manier Vorlesungen über das Dasein Gottes. Dies Buch war. wie schon erwähnt, vier Jahre vor seinem Erscheinen durch Kants Kritik der reinen Vernunft widerlegt worden. Weil Mendelssohn so starr am Rationalismus festhielt, erregte es ihn mehr als liüthig, als man Lessing des Spinozismus anklugte. Dies that Jakobi in einer Schrift, in der er den Spinozismus als die einzige riehtige Philosophie hinstellte. deshalb habe er sich ganz auf das Gebiet des Glaubens zurückgezogen. Jakobi spielte in diesem Streite eine keineswegs ehrliche und darum auch keine gute Rolle. Recht merkwürdig ist in diesem Streite, in den auch Goethe's Gedicht Prometheus׳ hineingezogen wird, das abschätzige Uvtheil, das Mendelssohn nicht nur über den gedanklichen sondern auch den ästlietischen Werth des berühmten Gedichtes ausspricht. Lessing soll es, wie Jakobi berichtet, geloht haben. Das scheint Mendelssohn undenkbar und er ruft: «Armseliger Kunstlichter, wie tief musstJDu gesunken sein. 11m diese Armseligkeit gut zu finden. In einem Briefe an Elise Reimarus sieht Mendelssohn in dem Gedichte nur eine Persiffluge des Spinozismus. Offenbar hat der Zorn über den Inhalt Mendelssolm so geblendet, dass er den künstlerischen und poetischen Werth des wunderbaren Gedichtes verkannte. Aber auch den Inhalt hat Mendelssohn nicht recht gewürdigt. Die Uebersehrift erklärt Alles. Goethe leiht den Gedanken eines Prometheus einen erhabenen, tiefergreifenden Ausdruck und allerdings hatte Goethe den in diesem Gedichte geschilderten verwandte Empfindungen, wenn er an den Druck dachte, den so off Kirche und Religion auf freistrebende Menschen ausgeübt hat, wenn er erwog, dass der gefesselte Prometheus eine typische Erscheinung gewesen ist. Aber im Wesentlichen ist Goethe bei der Abfassung dieses Gedichtes Dramatiker und schildert Stimmung und Gesinnung des Prometheus, so objectiv ist der Dichter nicht, um nichts von seinem eigenen Herzen hinzuzuthun, aber noch weniger so subjectiv, um in der Gestalt, die er darstellt, nur sicli selbst wiederzugeben. Goethe war kein Atheist und Gedichte aus derselben Periode seines dichterischen Schaffens, z. B. Grenzen der Menschheit« ergänzen vortrefflich den »Prometheus« zu einem Gesamintbild der Goethe'sehen Weltanschauung. Zwischen Mendelssohn und Goethe liegen nur zwanzig Jahre; oft genug v$rfliessen zwei Jahrzehnte im Leben einer Nation, ohne das geistige Gepräge derselben wesentlich zu ändern. Aber im vorigen Jahrhundert vollzog sich die Entwicklung der Nation in rascherem Schritte; welch ein Abstand zwischen Gottsched und Lessing, und welch ein Fortschritt wieder von Lessing und Mendelssohn zu dem Goethe’schen Zeitalter, zu der Gedaiikenrevolution. die Kant inaugurirte. Mendelssohn ist nicht alt geworden und war dennoch als Philosoph, was er vor allem sein wollte und in den Augen seiner Zeitgenossen auch in erster Reihe war, fast schon veraltet, als er starb. Seine letzten Lebensjahre waren erfüllt von literarischen Kämpfen, die ihm keine Freude bereiteten, die an seiner ohnedies schon zarten Gesundheit zehrten, ja die sie verzehrten. So viele der freien und starken Geister, die da- 111aIs in Deutschland das Wort führten, erinnerten sich sofort, wenn sie gegen Mendelssohn etwas vorzubringen hatten, als des .. steil Grundes, seiner jüiunvncu iiunuuiimuu^, י*«!.» ,,**r denn allerdings seine verwundbarste Stelle, nicht weil er sich seines Judenthums schämte, sondern weil er