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Das jüdische Literaturblatt · 1894-09-07 · No. 36. (7.9.1894) · p. Seite 142

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 36. (7.9.1894)
Date
1894-09-07
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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142 Wissenschaft blühen, müssen wir Zurückbleiben Man sucht die Staaten zu bevölkern und wir allein werden eingeschränkt, damit wir uns nicht vermehren. Man tliut alles Mögliche uns zu unnützen Bürgern zu machen, und man wirft uns vor. dass wir nicht nützlieh genug sind. Wer die Zunge oder die Feder rühren kann, borgt sie zur Verspottung eines Volkes, das man durch alle möglichen Anstalten hat verächtlich zu machen gesucht. Alle diese Erniedrigungen ertragen wir mit der standhaftesten Geduld und wohl uns. dass wir ihrer überhoben sein könnten, wenn es möglich wäre — zu heucheln. Setzet hinzu die eingesclminktesten Mittel des Erwerbs, und die vielerlei Auflagen und Steuern, die wir blos für unser!» Glauben zu entrichten haben. Setzet hinzu die in einigen Staaten noch nicht ungewöhnlichen Austreibungen und Kränkungen, die man sich in den gesittetsten Staaten gegen meine Glaubensgenossen erlaubt. — In der Tliat. wäre es nicht die Liebe zu der Religion unserer Väter, die wir im Herzen für wahr halten und mit dem Munde nicht verleugnen wollen, was könnte uns abhalten, durch ein falsches Bekenntniss uns und unsere Nachkommen allen denen gleich zu machen, die uns jetzt so schnöde verachten! Die Mittel, uns aller dieser Schmach zu überheben, und was das Zeitliche betrifft, aus dem Elende in die glänzendsten Glücksumstände zu versetzen, sind so schwer nicht. Es kommt nicht darauf an, eine Lehre, die wir nicht glauben können, im Ernst anzunehmen; wir dürfen nur gewissenlos und mit dem Munde nachsprechen. Wir sehen diese Mittel und sie werden uns von allen Seiten liebreich äugeboten, aber die Liebe zu der Religion unserer Väter — sie ist stärker als Notli und Elend.« Wer so denkt und schreibt, konnte dem Wunsche Lessings, sich im Streite mit den Kirchlichen weit herauszuwagen, um für die Freidenker die Kastanien aus dem Feuer zu holen, nicht entsprechen; Mendelssohn hielt die schärfsten Pfeile in seinem Köcher, weil er «eine Gegner nicht verwunden wollte, weil er nur zur Abwehr, nicht zum Angriff das Wort■ nahm, weil er fürchtete, dass man die Juden könnte entgelten lassen, wenn ein Jude im Streite der Meinungen die Zionswächter allzutief demüthigen würde. Aber auch die persönliche Gefahr, die bei aller Vorsicht aus einem solchen Streite erwachsen konnte, war nicht zu unterschätzen; Mendelssohn selbst berichtet, dass er wegen einzelner Aeusserungen in seiner Antwort an Lavater von jüdischer Seite inquirirt worden ist; kein Zweifel, dass dies Inquisionsverfahren weniger günstig ausgefallen wäre, wenn die Berliner Rabbiner den Zelotismus ihrer Provinzialkollegen gehabt hätten, oder wenn Mendelssohn nicht schon eine Macht gewesen wäre, die Rücksicht erheischte. Und vollends in christlichen Kreisen. Wie hat Lessing gelitten unter der gesellschaftlichen Aus- Schliessung, die über ihn, den Dichter und Gelehrten ersten Ranges, nach dem Erscheinen des Nathan , verhängt worden ist. »Der allenthalben willkommene Freund,« so schildert Mendelssohn selbst den Erfolg dieser Kabalen, fand nunmehr allenthalben trockene Gesichter, zurückhaltende, frostige Blicke, kalte Bewillkommnung und frohe Abschiede, sah sich von Freunden und Bekannten verlassen und allen Nach- Stellungen blossgestellt. Lessing, der aller seiner gelehrten Arbeiten ungeachtet, immer noch der angenehmste Gesellschafter gewesen, verlor nunmehr seine joviale Laune völlig, ward zu einer schläfrigen, gefühlosen Maschine.« So wurde auf der Höhe des aufgeklärten achtzehnten Jahrhunderts in Deutschland der Mann dafür gestraft, dass er ein Drama von weltliterarischer Bedeutung. dem noch heute nur Goethe s Faust« an die Seite zu setzen ist. geschaffen hatte; so wenig wurde ein Lessing seines Ruhmes froh, und wenn es heute anders geworden ist, so haben Lessing und sein »Natlian daran den wesentlichsten Antlieil; seiner Zeit voraus sein ist eine Ehre, ein Ruhm, aber kein Vergnügen. Aber die Erfahrungen, die einem Lessiug nicht erspart geblieben sind, die gesellschaftliche Vereinsamung, die über ihn verhängt worden ist. weil er seinem Volke die Schande angethan, einen »Nathan zu schreiben, bekunden am deutlichsten, auf welche gefährliche Bahn Lavater Mendelssohn gelockt hat; um so grösser ist der Ruhm, dass er sie ohne zu straucheln, ohne zu reizen, ohne sich und dem Judenthum etwas zu vergeben, durchschritten hat. Wie tief Mendelssolm unter allen diesen Aufregungen gelitten, erkennen wir daraus, dass er von einem Nervenleiden heimgesucht wurde!nid jahrelang auf angestrengtes Nachdenken, auf metaphysisches Grübeln verzichten musste. Aber einer providentiellen Natur, wie Mendelssohn es war, schlug auch dieses zum Heile aus; denn Mendelssohn wurde dadurch auf eine Thätigkeit hingedrängt, die viel segensreicher war, als alle die philosophischen Untersuchungen, die schon damals mehr durch die Elegauz der Form als durch die Tiefe des Inhalts Beachtung fanden und heute längst veraltet und überwunden sind. In das letzte Jahrzehnt seines Lebens fallen eine Reihe von Arbeiten, welche für die Erkenntnis« des Judenthums, für das Verhältnis« von Religion und Staat, für Hebung und Läuterung des jüdischen Stammes von hervorragendem Nutzen gewesen sind, durch die sich Mendelssohn einen Ruhm erworben hat, der dauert, nachdem die Bedeutung seiner philosophisch-metaphysischen und ästhetischen Arbeiten längst verblasst ist. Die letzten Jahre des kränkelnden, früh alternden Mannes waren von unendlichem Segen für Juden und Judenthum. Mendelssohn s Uebersetzung des Pentateucli ist ursprünglich für die Kinder Mendelssohn s angefertigt worden, aber es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass sie von vornherein zur Veröffentlichung bestimmt gewesen ist. Wie bekannt, hat dies harmlose Uebersetzungswerk einen gewaltigen Sturm hervorgerufen, selbst Scheiterhaufen wurden angezündet für die heilige Schrift, weil sie in deutscher Sprache sich darstellte; zu solchen sakrilegischen Ausschreitungen Hessen sich die Fanatiker hinreissen. (Fortsetzung folgt.) Ein neu entdecktes Manuscript des Rabbi Levi ben Gerson. Von Dr. M. ttrünwald, Grossrabiner von Bulgarien. Während meines Aufenthaltes in Widdin besuchte ich, wie in jeder Gemeinde, die Bibliothek und unter den jüdischen Büchern, die mir gezeigt wurden, war auch ein Manuscript in hebräischer Sprache mit jüdisch-spanischen Lettein geschrieben, das ich sofort als ein die Philosophie behandelndes erkannte. Der Vorsteher, Herr Nissim Sehelomo Ivohen, ein gebildeter Mann, schenkte mir nebst einem anderen Manuscript auch dieses philosophische Buch, ohne eine Ahnung von dem Werthe dieser Handschrift zu haben. Dieses Manuscript, das nun mein Eigenthum ist, ist ein Autograph des berühmten Ilabbi Levi ben Gerson

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