Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 36. (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 36. Jüdisches Jahrg. xxm. Litteratur-Blatt. Zur IHrurlitnn׳; aller Jutlpntlnun »ml JuiIpyi!»*!reiVemlon liUerarisehei! Kr• srlu innnu־*׳!» auf »!!•m <;eMW<» »Irr Philo• Sophie,tiesrhlrlito. Ktlinojrraphie, Theoloirie Orientalin. Kxepese, llomiirtik, i.itnrvik u. PmhiLro^ik. Herausgegeben von Rabbiner l)r. Moritz Ualnncr. Magdeburg, den 7. September 1894. Hmiier der eiusehlUuiyej» J.iltorntur, welche der HediU'tlon zn^esandt worden, linden in diesem Blnite eingehende 1U‘• sprecht!»!;. Hei Kinseiubinjr von zwei Keeensions Kxemplare» erfolgt ein* nmlip* kurze (יratis• Insertion. Das .,Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei der »Expedition der Isr. Wochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. 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Der Jude musste sich ausschliesslich auf der Defensive halten. So mancher, der unter den Juden an Denken und Wissen hervorragte, hat kaltherzig seine Beziehungen zu den Genossen gelöst oder gelockert, und wenn ihn ein günstiges Schicksal hinaushob über die Leiden und Plagen seiner Glaubensgemeinschaft, sie nicht mitempfunden; Mendelssohn aber hat, gerade weil er tiefer nachdachte und zarter empfand, weil er die gegebenen Zustände nicht als ein Nothwendiges hinnahm, sondern auf ihre Berechtigung prüfte, den ganzen Jammer der Rechtlosigkeit, unter der die Juden litten, um so schwerer ertragen; er citirt gern den Satz des Talmud, dass man Gottes Grösse in seiner Herablassung erkenne; auch von ihm gilt, dass seine Grösse sich in derDemuth offenbart, darin, dass er nichts als Jude sein wollte, dass er sich nicht von den Genossen trennte. Wie schön und ergreifend spricht er sich darüber ans, sein Stil hat die tiefste Kraft, wenn er von dem Leid und der Notli der Seinen redet. »Die Juden haben sicli alle Zeit unerschrocken zu ihrem Glauben bekannt. Unerschüttert sind sie da stehen geblieben, wo sie die Wahrheit zu finden geglaubt haben, und haben alles über sieh ergehen lassen, was der Mutliwillen der Menschen nur erfinden kann, um ihre Nebenmenschen zu martern, ohne anders zu reden, als es ihre Ueberzeugung war. Es sei fern, dass ich der jetzigen erleuchteten Christenheit die blutigen Verfolgungen vorwerfen wollte, die in jenen barbarischen Zeiten über meine Glaubensgenossen verhängt worden sind. Es würde Unrecht sein, einer aufgeklärten Nation die Grausamkeiten anzurechnen, die ihre Vorfuhren in dunklen und ungesitteten Zeiten ausgeübt haben und die von ihnen selbst verabscheut werden. Aber haben alle die blutigen Verfolgungen es je dahin bringen können, dass die Geplagten wider ihr Gewissen gehandelt und sich äusserlich zu einem Glauben bekannt hätten, den sie im Herzen nicht annehmen konnten? Die in Spanien und Portugal ihrem harten Schicksale unterlegen sind und sich mit dem Munde zum Glauben ihrer Verfolger bekannt haben, kommen im Vergleich zu der grossen Menge, die Schlachtopfer ihres Gewissens geworden sind, in keine sonderliche Betrachtung, und man weiss, mit welcher hartnäckigen Unbiegsamkeit die Kindeskinder jener Schwachen noch täglich allen Gefahren trotzen und das änsserste Elend wählen, um zu der Religion zurückzukehren, die ihre früheren Vorfahren mit dem Munde verleugnet haben. — Man kennt einige heldenmüthige Schriftsteller, die es den verfolgten Juden der vorigen Zeiten zur Niederträchtigkeit anrechnen, dass sie sich ohne den mindesten Widerstand wie das Schlachtvieh haben niedermetzeln lassen. Ich kann dieser Beschuldigung nichts als die folgende Frage entgegensetzen: Zeigt der keinen Mutli, der lieber in den schmählichsten Tod geht, als mit dem Munde einige Worte spricht, die ihn seinem Verfolger an die Seite setzen dürfen? Der feurige Mutli eines Menschen, der die Rechte der Menschheit vertheidigt und ihrem Unrechte Widerstand entgegensetzt, hat seinen grossen Werth, aber jener imbezwingliehe Sinn, der nicht körperliche Kräfte genug fühlt, das Unrecht von sich abzuwenden, aber standhaft genug ist, dem Tode gerade ins Auge zu sehen, den er durch Heuchelei besänftigen könnte, wollen wir ihn der gesunden Vernunft zum Trotz Feigheit nennen? Dem Allerhöchsten sei gedankt, dass diese immenschliehen Auftritte wenigstens in einem grossen Tlieil des gesitteten Europa'8 vorüber sind. Der Geist der blutigen Verfolgung scheint nach und nach von diesem Welttlieil zu verschwinden und die Menschen fangen an einzusehen. dass der Gott der Liebe sie nicht durch die Religion zu Henkern ihrer Nebenmensclien hat machen wollen. Hat aber deswegen der Geist der bürgerlichen Verfolgung aufgehört, der die Schwachen zwar leben lässt, aller aller Wohlthaten der Menschlichkeit beraubt, die das Lehen angenehm machen? — () ihr meine Nebenmenschen. die ihr Kinder eines anderen Glaubens seid, bedenket dass das Leben einen sehr geringen Werth hat. wenn es nicht mit allen Rechten und Vorrechten des geselligen Menschen verbunden ist. und Schmach und die iiusserste Verachtung sind demjenigen, der sic nicht verdient, zuweilen härter als der Tod, und diese folgen einem Bekenner des Judenthums auf allen Tritten nach. Von aller bürgerlichen Ehre ensfernt und zur niedrigsteil der Stufen hinaligestossen, den die Stände des gesitteten Lehens unterscheiden, können wir die Talent(■ und Fähigkeiten, die uns die milde Natur in so reichem Mausse als ihren übrigen Kindern gegeben, weder ausbilden, noch amvenden, noch zu unserer Nebenmenschen Besten gebrauchen. Wo die liebreichste Toleranz herrscht, da wird sie in An- Hebung unserer am wenigsten geübt. Wo Kunst und