Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 35. (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
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138 von ihrem Idealismus am lautesten reden, ihn am wenigsten glauben sollte. Wir erinnern an die Kunststücke Bonnets, des frommen Naturforschers und Philosophen, des Gönners von Lavater, Mendelssohn ins Unrecht zu setzen; zu keiner Zeit ist mit Griissen, Küssen und Überschwanglieber Freundschaftsbezeugungen soviel geflunkert worden, als im sentimentalen achtzehnten Jahrhundert; Lavaters ganze Persönlichkeit war auf den Eklat angelegt, so dass er durch alle von Freundschaft triefenden Phrasen nicht darüber täuschen kann, worauf es ihm ankam, und was allerdings durch Mendelssohn s überlegene Weisheit vereitelt worden ist. Das Streben gerecht und unparteiisch zu sein, darf uns nicht dazu verführen, diejenigen zu entlasten, die sich schwer genug versündigt haben. Lessing sagt von Bonnet »der Name ist mir so ekel geworden, dass ich nicht einmal die Wahrheit von ihm lernen möchte« und Nikolai zeiht nicht undeutlich Lavater falschen Spiels betreffs einer Mendelssohn peinliehen Veröffentlichung in der Jenaischen Zeitung. Die Juden haben Lavater wenig zu danken, aber viel zu verdanken. Denn so gefährlich dieser Streit werden konnte, und wohl auch werden sollte, durch die Weisheit Mendelssohns hat dieser Religionsdisput zu einem Triumph Mendelssohn s und zu einem Siege des Judenthums geführt. Lavater hat eine ganze Meute wachgerufen zuvörderst gegen Mendelssolin, es gab zu allen Zeiten eine Menge von Leuten, die das Judenthum am unerträglichsten fanden, wenn es in grossen und edlen Persönlichkeiten an die Oeffentlichkeit trat; sie verzeihen leichter einem jüdischen Trödler selbst einen unsaubern Verdienst als einem jüdischen Denker eine edle und selbstbewusste Haltung und den Ruhm, den er dadurch sich und seiner Gemeinsehaft erwirbt. Lavater war gross genug um, den Reichthum der Berliner Juden zu verachten, die bei der Münzverschlechterung in Preussen Millionen erworben hatten; aber er war nicht gross genug, um neidlos einem Juden die europäische Stellung einzuriiumen, dit* Mendelssolin einuahin. Lavater wusste es, musste 1*8 wissen, dass er mit seiner Aufforderung die Schleuse öffnete, aus der alle die Vorurtheile einströmteu. Die Juden haben dessen gar kein Hehl, dass im Volke Vorurtheile gegen Juden und Judenthum nisten; wie sollte es auch anders sein, da viele Jahrhunderte ständig von unzähligen Kanzeln gegen Juden gepredigt worden ist•, da sie gewaltsam zu Berufsarten hingedrängt worden sind, die niemals besonderer Beliebtheit sich erfreut haben. Der Jude wird als arbeitsscheu verschrieen, aber man verjagt ihn vom Acker und man verschliesst ihm die Werkstatt. Nicht minder wirkt das religiöse Vorurtheil, dass die Juden das Heiligste, was die Christenheit verehrt, angetastet haben und fort und fort verleugnen. Es giebt keine Entschuhligung für den, der Mendelssohn, den körperlich müden und mehr noch für seine Glaubensgenossen als für sich besorgten Mann auf den Plan gerufen zu einem Glaubensstreit; und man hat um so eher noch jetzt die Pflicht ihn 7.11 entlarven, zu zeigen, dass er nur die Maske des Propheten trägt, da ja heute dies Geschlecht ebenso stark, ja noch stärker sein Unwesen treibt als im vorigen Jahrhundert. Lavater möchte sich mit einem Kölbele nicht zuauniinenstellen lassen, aber Lavater hat erst einem Kölbele Mutli gemacht sich gegen Mendelssohn zu erliehen. Mendelssohn wusste nur zu gut, was auf dem Spiele stand, wie dünn der Firniss der Bildung war, der im vorigen Jahrhundert den barbarischen Sinn verdeckte. Stand er denn selbst fest? Er war schon ein berühmter Mann und lebte, weil er ein Jude war. in Berlin wie ein Vogel auf dem Zweige, und der freisinnige König vergass vielleicht nicht ganz unabsichtlieh das Gesuch zu erledigen, welches dem jüdischen Philosophen in Berlin Heimatsrecht erwerben sollte. Noch eine andere Sorge quälte den Mann, desseu ganze Seele bei seinen zürückgebliebenen Brüdern weilte. Der erste Strahl der Aufklärung hatte bei der jüdischen Gemeinde damals Eingang gefunden; auch dort war die Partei noch mächtig genug, die die Zelte Juda s vor diesem neuen Lichte verschliessen wollte, dem berühmten Glaubens- und Gemeindegenosseu begegnete man mit sauersüsser Miene; man konnte nicht an ihn heran, da er in seinem religiösen Leben auch der strengsten und übelwollenden Prüfung keinen Anstoss gab; und zudem schien es gefährlich den Mann anzugreifen, der mit so vielen einflussreichen Persönlichkeiten in vertrauten Beziehungen stand; aber Feinde, die die Fäuste in der Tasche ballten, das wusste Mendelssohn, hatte er genug, auch diesem Mose war die Aufgabe, sein Volk wider dessen Willen zu befreien; und ob er auch, wie einst Mose in Aegypten, sich nur ungern ihr unterzog und solange als möglich sie von sich ablehnte, so war ihm doch die Sache der Aufklärung eine heilige, und nun wurde er von Lavater herausgefordert. Mussten nicht die Strengen sagen: sehet her, was dabei herauskommt, wenn ein Jude sich herauswagt in das literarische Treiben der nichtjüdischen Welt, wenn er nach einem andern Ruhm strebt, als dem, der in den »vier Ellen der Halaclia« blüht. Wenn ein Gewitter am Horizonte heraufzog, veranlasst durch die Theilnahme eines Juden am Denken und Dichten des deutsches Volkes, mussten nicht von diesem Gewitter am ehesten die jungen Keime der Aufklärung und der Bildung getroffen werden, welche eben erst auf jüdischem Boden sich hervorgewagt hatten. So ungleich war der Kampf, zu dem Lavater herausforderte; für den Züricher Geistlichen stand wenig auf dem Spiele; das hat ja der ganze Verlauf der Angelegenheit gezeigt; die Niederlage konnte kaum kläglicher sein als sie der ungestüme Proselytenjäger erfahren hat; was hat es ihm geschadet, wenn wir die Brandmarkung seines heimtückischen Verhaltens bei der Nachwelt einen Augenblick bei Seite lassen I Mendelssohn musste, falls er sich im Streite nur die geringste Blösse gab, Ungelegenheiten fürchten für sich und sein Haus, Gefahren seitens der ^taatsgewalt, seitens einer unduldsamen Geistlichkeit, und endlieh sah er dadurch das Auf klär ungs werk unter den Juden bedroht, zu dem gerade der Grundstein gelegt worden war. Was die Gefahr noch erhöhte, war der Umstand, dass Mendelssohn keinen Berather hatte, dass unter den Berliner Juden zwar viele klug genug waren, um die Tragweite solcher Händel zu ermessen, aber niemand gescheidt und unterrichtet genug, um bei der Abwehr mitratlien zu können. Selbst ein Lessing erwog nicht die volle Verantwortlichkeit, die Mendelssohn zu tragen hatte und drängte den Freund zu einem aggressivem Vorgehen gegen die Kirchlichen, das von den bedenklichsten Folgen hätte werden können. Er schreibt an Mendelssohn in demselben Briefe, in welchem er bekennt, dass ihm der Name Bonnets, des berühmten Naturforschers, durch seine Kunststücke gegen Mendelssohn zum Ekel geworden sei: »Noch mehr aber bitte ich Sie. wenn Sie darauf antworten, es mit aller möglichen Freiheit, mit allem nur ersinnliehen Nachdruck zu tliun; Sie allein dürfen und