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Das jüdische Literaturblatt · 1894-08-31 · No. 35. (31.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 35. (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 35. Jüdisches Jahrg.XXTTT. Litteratur-Blatt. Zur R»'I«־n<־ht1״ur Aller Judenthum und Juden Itetreffenden lltteraiischen Krsrh<־i11nn1r*־n auf dem Gebiete der Philo• sophie, Geschieht»*, Ethnographie, Theolovie Orientalin, Exegese, Homiletik, Uturjrik u. Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Pr. Moritz Rahmcr. Magdeburg, den 31. August 1894. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaction /.»!gesandt werden, finden in diesem Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von xwei Reoensions-Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratis •Insertion. Ibs ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. I’reis bei allen Bachhandlnngen (in Magdeburg bei der «Expedition der Isr. Wochenschrift«) pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich l>ei allen Postanstalten und Rnehhnndhinf'cn 3 Mark zahlen, erhalten das .Jüdische l.itteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchh&ndler n Lehrer, welche direkt an die E1|>edition Inserate einsenden, erhalten 25 °/0 Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von B. R. TV. Mendelssohn hält in diesen Sätzen die Vorstellung aufrecht, als sei Lessing nicht der Verfasser des Aufsatzes »die Erziehung des Menschengeschlechtes«; es hat fast den Anschein, als habe Mendelssohn aus Theilnahine für den Freund diese Hypothese aufrecht erhalten, da allerdings Lessing sich nicht als Autor bekennt; denn es ist kaum denkbar, dass Mendelssohn den wirklichen Sachverhalt nicht gekannt haben sollte; freilieh hatte Mendelssohn insofern ein Recht dazu, als Lessing sich offenbar nicht zu allen Gedanken bekennt, die er in dem Aufsatze ausspricht, als er vielfach uns ein Spiel der Gedanken giebt. Aber das Princip des ganzen Aufsatzes ist zweifellos ein Grundgesetz seiner Weltanschaumig; er spricht es mit den erhabensten, mit «len wärmsten Worten aus: »Geh’ Deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur lass mich dieser Uninork- Uchkeit wegen an Dir nicht verzweifeln! Lass mich au Dir nicht zweifeln, wenn selbst Deine Schritte mir scheinen sollen zurückzugehen. Es ist nicht wahr, dass di«• kürzeste Linie die gerade ist.« St> hat ein Lessing natürlich nur gesprochen, wenn er «lie eigenste Ueberzeugung vertrat. Kein Zweifel, Mendelssohn wusste, dass er gegen Lessing selbst polemisirte. Aber Mendelssohn nimmt auch der Religion eine ihrer höchsten und schönsten Hoffnungen. er scheint es ganz zu vergessen, dass schon die Propheten Israels in den erhabenen Bildern der messianischen Zeiten uns das letzte Ziel «1er Erziehung des Menschengeschlechts schildern, «lass das Judenthum keineswegs der Ansicht ist, welche Schopenhauer später in die Worte gekleidet hat, die Klugen haben stets dasselbe gesagt, die Narren 11ab«‘n stets dasselbe gethan. Erst im »Nathan« fand Leasing seinen Mendelssohn und Mendelssohn seinen Lessing wieder. S«> befreundet die Männer waren, ihre literarischen Bahnen haben sich nur weuig berührt. Wenn auch Mendelssoliu mit vielen christlicheu Gelehrten, Staatsmann«*!•» und Dichtem verkehrte, so war doch Lessing der Einzige. dem er sich in völligem Vertrauen hingab. Es ist lehrreich, wie er sich hierüber in einem Brit*fe an Herder anssprieht: »Unsere Begegnung zu P. mag wohl an der darauf folgenden Entfremdung der Gemiither so ziemlich Schuld sein. Offenherzigkeit v<*rdi«*nt Gegen- Offenherzigkeit. Ich werde Ihnen gestehen, was damals in meinem Herzen vorgega11g<‘11, als ich Sie einige Mal sah und sprach. Ich glaubte in allen Ihren Blicken die Bitte zu lesen: »Lieber Mann, ich habe jetzt einen Weg zu gehen, auf dem ich mir Ihre Begleitung verbitten muss. Je näher in Lehre, desto entfernter im Leben. Sie kennen die Menschen, auf «iie ich jetzt wirken muss, wenn ich meinen Endzweck erreichen will. Unsere Wege müssen divergiren, wenn wir beide zur Herberge kommen wollen.« Diese Sprache hat mir so mancher rechtschaffene Mann in Ihrer Lage zu verstehen gegeben, dass sie mich an Ihnen nicht mehr befremdet. Ich bin ohnehin gewohnt, so oft ein Freund seinen Stand verändert oder verändern will, ein wenig schüchtern zu werden und 8«> nicht mehr mit meiner gewöhnlichen Vertraulichkeit ins Haus zu stürzen, sondern erst leise anzuziehen und zu lauschen, ob nicht innerlich eiue Veränderung vorgegangen oder wenigstens zum Schein vorgenommen werden muss. Ich beschloss daher, mich nach Ihrem Wunsch zu bequemen und der Zeit zu überlassen, was sie aus unserer Gesinnung gegeneinander machen will. So wenig ich diese weltkluge Weise im Herzen billige, 80 kann ich sie doch an Andern entschuldigen und besclmido mich willig, dass meine Missbilligung seihst der bürgerlichen Lage zuzuschreiben, in der ich mich befinde. Diese bedarf allezeit mehr passive als active Herablassung. Und nun Lessing’s Tod! Der einzige Mann, an dem ich in mehr als dreissig Jahren keine Spur von dieser Gesinnung wahrgenommen. der so allezeit ungetheilten Herzens, ganz sicli selbst gleich, ganz mein Freund und Wohlthäter blieb u. s. w.« Diese Sätze sind nicht nur eine feine Anklage, die g«*gen den Adressaten gerichtet ist und die es dem grossen Theologen und Prediger deutlich genug vorhalten, dass er weltklug den Juden gemieden habe, um den Orthodoxen keinen A11st«>88 zu geben, sondern sie lassen deutlich erkennen, wie wenig er auf die schöneu Worte der Meisten gegeben hat, die sich an ihn herandrängten. Wenn schon Herder die Probe nicht bestand, was war vollends von den Hamann, Lavater und Bonnet zu halten. Es giebt noch heut zu Tage uaive Leute, die den Streit Lavaters mit Mendelssohn einen »ehrlichen Streit« nennen, als wenn es nicht zu allen Zeiten Pfaffen gegeben hätte, die Liebe auf den Lippen und Hass im Herzen tragen; Lavater galt auch sonst für einen Mann, <l«*r hint«*r sammetweichen Worten die Krallen versteckt. Man könnte Lavater, der als er Mendelssohn in «*inen öffentlichen Streit üb«*r Religion hineinzerrte, noch iimht dreissig Jahre zählte, manche Uebt*reilung weg«•!! seim*1• Jugend zu gute halten, aber die Schwärmerei war bei dem Manne überhaupt mir Maske, mindesteus war er nach dem Urtheil Goethe’s, der doch so lange in seinen Banden gelegen, ebensoviel Schelm als Schwärmer, wie man denn überhaupt denen, die

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