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Das jüdische Literaturblatt · 1894-08-17 · No. 33. (17.8.1894) · p. Seite 130

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 33. (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Was ist uns der »Phädon«, jene hochberiihmte Schrift, die den Namen Mendelssohn s durch Europa getragen hat? Ein sehr frappanter Beweis, wie wenig mau den Zeitgenossen glauben darf, wenn sie eine Schrift als unsterblich proklamieren. Wir staunen über die Naivität, die auf so schwache Beweise eine gewaltige Lehre mit soviel Zuversicht glaubte stützen zu können. Der glatte, flüssige Stil, dem doch Mark und Kraft fehlen, kann uns nicht dafür schadlos halten, dass wir an der Oberfläche bleiben, dass wir nicht in die Tiefen des Problems eiudringen. Ja, wenn es eine erbauliche Predigt über die Unsterblichkeit wäre, unter diesem Titel könnten wir vieles gelten lassen; ja wir müssten sogar zugestehen, dass bevor es eine deutsche Predigt unter den deutschen Juden gab, im Phädou bessere Predigten geleistet worden sind, als vielleicht jemals später auf jüdischen Kanzeln. Nur, dass zwischen diesen Oasen sich lange Sandwüsten streiken, wo die Unsterblichkeit — bewiesen Wird. Wir müssen das ganze achtzehnte Jahrhundert in unserem Geiste reconstruiren, um diesen ungeheuren Erfolg einigermasseu zu erklären. Dagegen giebt es einzelne Aufsätze Mendelssohn’s, die als sie erschienen, bei weitem nicht die Auf merksamkeit erregten und die noch heute nicht veraltet sind. Wo Mendelssohn ganz modern war und sein wollte, da ist er heute antiquirt; wo er aber als Jude dachte und schrieb, da ist er noch heute lebendig und anregend und wir müssen Lavater als jene Kraft preisen, die das Böse will und das Gute schafft, als er jenen halb schwärmermerischen, halb schelmischen Versuch machte, Mendelssohn zu bekehren. Dass Mendelssohn überhaupt in das öffentliche Leben gekommen ist, ist, wie bekannt, ein Verdienst Lessings, der in der Wissenschaft wie im Leben stets der starke Anwalt der Schwachen gewesen ist. Es wäre eine ungeheure Ueberhebuug, wollten wir Mendelssohn und Lessing als gleichwertige Persönlichkeiten nebeneinander stellen. Vieh eicht in keinem anderen deutschen Mann war das Wahre, das Schöne, das Gute so innig vetbunden als in Leasing. Auf den entlegensten Höhen, in verborgenen Tiefen hat er nach Erkenntniss geforscht: er war ein Gelehrter, in jenem weiten, viel umspannenden Sinn, der heute gar keine Geltung mehr hat; er war auf keinem Gebiete ein Dilettant, der nur so nippte am Kelche der Wissenschaft, nein, wenn ihn erst seine Lippen berührten, so leerte er ihn bis auf den Grund; ihm war es ein hohes Spiel den gelehrten Maulwürfen zu zeigen, dass, wenn es sein müsste, er auch diese Maulwurfsarbeit besser besorgen könnte als sie; aber wenn er sich in Schlupfwinkel zurückzieht, wohin so leicht ihm keiner folgen kann, er bleibt nicht daselbst, er holt nur den Diamant, um ihn dem Volke zu zeigen, er hasst die stolze Buchgelehrsamkeit, er vergleicht diejenigen, die nur gelehrten Kram zusammenhäufen mit Kindern, die im Sande blinkende Kiesel aufsuchen und sie der Mutter in den Schoss werfen, die Mutter lächelt darüber und wirft sie imbemerkt wieder fort, er will ein Lehrer des Volkes sein, er will um den Preis seines eigenen Friedens, um den Preis seines Lebens die Zwingherrn des Gedankens aus ihren Burgen jagen, er will zum Volke die Fackel der Erkenntniss tragen und die Menschen bessern durch das - - Schöne. Darum nennt er das Theater seine Kanzel; und wer bezweifelt, dass es eine der wirksamsten und erbaulichsten ist, wenn ein Lessing auf ihr redet. Wer möchte es abwägen, ob in diesem grossen Manne •las Wahrheitsstreben oder der Schönheitssinn oder die edle Begeisterung für Duldung und Menschlichkeit die wichtigste Triebfeder gewesen ist. Weil diese Vielheit so innig in ihm zur Einheit verwoben war, darum ist er der einzige, der unerreichte, darum durfte aus berufenem Munde von ihm gesagt werden, dass sein letzter Sang, der Nathan, das hohe Lied der Menschlichkeit unsere ganze klassische Literatur im Keime enthält. Auch für die Religion empfiehlt er die Pflege der Schönheit; nur die missverstandene Religion, meint er, kann uns von dem Schönen entfernen und es sei ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt. Mit einem Mann von solchen Grundsätzen führte ein glückliches Ungefähr Mendelssohn gerade in der Zeit zusammen, wo ihm der Verkehr mit diesem führenden Geiste am nützlichsten werden konnte. Les8ing und Mendelssohn, gleichaltrig,• waren üngefähr fünf und zwanzig Jahre alt, als sie beim Schachspiel sich zusammenfanden. Lessing war damals schon ein geachteter und gefürchteter Schriftsteller, Mendelssohn hatte Vieles gelernt, über Vieles nachgedacht, er glich der Knospe, die nur eines stärkeren Sonnen- Strahls bedurfte, um sich dem Lichte zu öffnen. Wer weiss, was aus Mendelsohn geworden wäre, wenn ihm Lessing nicht begegnet wäre! es ist sehr bequem zu sagen, dass das Genie sich selbst Bahn bricht; nur ist diese Regel von den Genies entnommen, die sich Bahn gebrochen haben; ob der stotternde, schwächliche, gebrechliche Mann, dem es freilich, als er in der Oeffentlichkeit stand, an Muth nicht gefehlt hat, den Muth gehabt hätte an die Oeffentlichkeit zu treten! Zu alledem war Mendelssohn Autodidakt; Autodidakten haben gewöhnlich eine allzu hohe Meinung von sich, aber auch eine grosse Scheu mit ihren Ansichten sich lierauszuwagen. Die äussern Umstände begünstigen oder hindern vielfach die Entwicklung; noch mehr die öffentliche Wirkung. Danken wir es der Vorsehung, die diese beiden providentiellen Personlichkeiten zusammengeführt hat. (Fortsetzung folgt.) Der Bann im ialmudischen Schriftthum. IV. Fernere einzelne Fälle, Umbildung und Weiterentwickelung im tannaitischen •Zeitalter1.*)" Für die genaue historische Fixirung des Banninstituts als Anfang einer formellen juridischen Maassregel wäre aus Gesagtem zu entnehmen, dass wir es in den bislierigen Fällen (Rabbi Eliesers mit inbegriffen) nicht mit jener verhängnissvollen Bannstrafe zu thun haben, welche gegen Abtrünnige und Lästerer in den verschiedenen Zeit״■ in Anwendung kam. Die vorgeschriebenen Punkte (vgl. III. Th. 2), nach welchen der Bann seine eigentliche Sanction erhielt, gipfelte, wie an anderer Stelle hervorgehoben, in dem Bedürfnisse, die Schranken der Achtung vor dem Gesetze und den Gesetzeslehrern aufrecht zu erhalten. Rabbi Elieser verstiess nun gegen keinen dieser Punkte. Es scheint unzweideutig, dass hier mehr der subjective als die gemeinrechtliche Machtbefugniss des Nassi in die Waagschale fiel. Dem gegenüber musste sich der Rabbi Elieser als vor der autoritativsten Persönlichkeit seiner Zeit wohl oder übel fügen. Dass dies sich so verhält, ersieht man aus Synhedrin p. (58b. Dort wird das Lebensende lt. Eliesers in ergreifenden Zügen geschildert. Seine Genossen unterhalten sich mit ihm vor seinem Hinscheiden *) ln Xo. 30 muss es in •1er IVberschrilt »Discussioncn« (statt Dimensionen) heissen.

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