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Das jüdische Literaturblatt · 1894-08-17 · No. 33. (17.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 33. (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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N033.׳■ Jüdisches Jahrg• xgni. Litteratur-Blatt. Bücher der cin*chlitfriKc» Mttoratur, wolohe der Kotlnotion ziikcshikU werden, finden ln diesem Blatte eingehende Bespreehung. Bel Ktnsendung von 7.we Keoensions* Exemplaren erfolgt einmalige kurze Oratls-Insertion. Zur Beleuchtung aller Judenthuin und Juden lH'treffenden litt»Tarischen Krseheinungen auf dem tJehlete der Philo- Sophie, (iesehiehte, Ethnographie, Theologie Orientalin, Kxegeso, Homiletik, Liturgik u. Pildngogik. Herausgegebcn von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 17. August Das ״Jüdisch» Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei Walther Niemann pro Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler n. Lehrer, welche direkt oder durch Walther Niemann Inserate cinsonden, erhalten 25 % Rabatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. " ' . Von B1. ff.. II. Das war im vorigen Jahrhundert ganz anders. Die Aufklärung hatte weithin gesiegt, der Rationalisinus wurde von den Kanzeln gepredigt; erst Kant, der den Bau des Rationalismus zertrümmerte, der die Religion der Aufklärung stürzte, hat, ohne es zu wollen, der Orthodoxie wieder die Wege gebahnt; es liegt ein tiefer Sinn in dem Heine’schen Witzworte, dass der schlichte Königsberger Weise ein schlimmerer Revolutionär sei als Robespierre, denn der Franzose habe einem Könige, Kant aber Gott selbst den Kopf abgeschlagen; jene Popularphilosophen, die wie Mendelssohn so fest die Beweisbarkeit ihrer Vernunftreligion verkündeten, waren für immer aus dem Felde geschlagen, und da die Religion nicht zu entbehren war, so kehrte man wieder zu den positiven Religionen und ihrem Supranaturalismus zurück. Friedrich der Grosse ist nicht der Schöpfer der religiösen Aufklärung, er ist nicht einmal ihr Anhänger; aus England und Frankreich waren ihm die Anregungen gekommen und er ging weit hinaus über die milde Frömmigkeit aller der deutschen volkstümlichen Freidenker der Wolf’sehen Schule. Aber es ist sein Verdienst,} dass wenigstens das Joch religiösen Druckes gebrochen worden ist; und da die Freiheiten unter 8M!h Zusammenhängen, da religiöse, politische, wirthschaftliche Freiheit, mehr als es für den ersten Augen- < blick den Anschein hat, sich gegenseitig erzeugen, so war dadurch für die Freiheit überhaupt viel gewonnen. Es giebt im Talmud eine Legende, wie Gott den Moses in das Lehrhaus des R. Akiba führte, wie Moses da Lehren vernahm, die er gar nicht begriif und wie er zum Schluss erstaunt die Worte hörte: das Alles sind Traditionen des Moses vom Sinai. Die geschiehtliehe Entwickelung führt oft zu Erscheinungen, die ganz naturgemäss aus einer bestimmten Ursache entstanden sind und die dennoch ursprünglich gamicht vorausgesehen wurden. So hat der Geist Friedrich des Grossen ganz wider seinen Willen, jedenfalls wider sein Wissen, einen Mendelssohn wesentlich gefördert und die Befreiung der Juden vorbereitet. Darin offenbart sich nicht zum mindesten liistorische Grösse, dass neben den Wirkungen, die beab• sichtigt waren und erreicht, wurden, noch ganz andere Wirklingen sich zeigen, deren innerer Zusammenhang mit der grossen, das Zeitalter beherrschenden Personliclikeit sich erst allmiililich offenbaren. Worin besteht Mendelssohn's Bedeutung? Wir haben dabei seine schriftstellerische Arbeit und seine social-religiöse zu unterscheiden. Wenn alle seine Schriften verloren gingen, so würde dennoch der wesentlichste Theil seiner Werke bestehen; er war überhaupt mehr als ein grosser Schriftsteller; er war eine Persönlichkeit, ein grosser Charakter. Der Weise,‘ der von jedem hervorragenden Fremden, welcher nach Berlin kam, aufgesucht wurde, der, ohne zur Zunft zu gehören, bei Denkern und Gelehrten Anerkennung fand, der bei seiner stets zur Kritik geneigten Glaubensgemeinschaft, der sogar bei den stockfrommen Rabbinern, die dem bei Andersgläubigen gefeierten Manne von vornherein misstrauten, dennoch Autorität genoss, dieser Weise stellte in sich die innigste Vereinigung deutschen und jüdischen Wesens dar. und zwar in allen den Eigentümlichkeiten, durch welche deutsche und jüdische Art ehrwürdig sind; selbst seine körperlichen Fehler erhöhten nur den Eindruck seines Geistes und seiner Tugend; dieser gebrechliche und verkümmerte Körper stand in so schroffem Gegensatz zu allen den Aeusserungen seiner hohen und schönen Seele, dass seine Worte dadurch nur um so wirksamer wurden; ein Fehler seiner Sprach- Organe zwang ihn zu langsamer, ruhiger und gemessener, eines Weisen würdiger Rede. Als der junge Lessing in einem Drama einen edlen Juden auf die Bühne brachte, konnte der bekannte Göttinger Professor Michaelis in den »Göttinger Anzeigen«, in welchen er Jahrzehnte hindurch das literarische Scharfrichteramt übte, nicht ohne einen Schein von Berechtigung behaupten, edle Juden giebt es überhaupt nicht, denn in das Innere des jüdischen Lebens einzudringen; gab sich Niemand die Mühe, aber einige Jahrzehnte später, als der »Nathan« erschien, war Mendelssohn’8 Charakter so strahlend herausgetreten, dass ganz Deutschland auf ihn stolz wur, ihn als den Seinigeil betrachtete, dass man die Behauptung, ein edler Jude sei unwahrscheinlich, als absurd verlacht hätte. Dass Millionen Juden in den verschiedensten Ländem heute ihre Muttersprache richtig handhaben, ist sein Verdienst; und dass die hebräische Spruche das Knechtesgewand, dus sie so lange getragen, abgelegt hat, dass die Sprache der Psalmen und der Propheten und der alten Weisen wieder rein ertönt, sei es in dichterischen Klängen, sei es in gediegenen gelehrten Abhandlungen oder auch in Werken des Witzes und der Laune, das hat Mendelssohn und seine Schule bewirkt. Wie wenig will es solchen Leistungen gegenüber hedeuten, ein gutes Buch geschrieben zu hüben! Aber auch seinen Schriften stehen wir heute ganz anders gegenüber als seine Zeitgenossen.

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