Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 32. (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 127 (sequence 3)
- Language
- German
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127 Zur wissenschaftlichen Bedeutung des ״Neginoth“. 11• (Fortsetzung.) Leopold Haupt sieht in den Neginoth Umgestaltungen der althebräischen Buchstaben des Alphabets, die im Laufe der Zeit solche verschnörkelte Form angenommen haben. Sie sind von bestimmtem musikalischen Werth, מנח soll die Prime sein, גרשים und טפחא die Secunde u. s. w. Die Aufeinanderfolge solcher Neginoth bilden die moderne Durscala. Abgesehen von der willkürlichen Annahme eines Grundtones, Secunde u. s. w. für bestimmte Neginoth, ist es kaum glaublich, dass die Schöpfer der Neginoth die Dur-Tonleiter kannten, welche, wie historisch nachweisbar, erst 11m das XV. und XVI. Jahrhundert sich herausgebildet hat, also um fast ein Jahrtausend später, als für jdie Entstehung der Neginoth angenommen wird. Auch Hess sich Haupt bei der Aufstellung seiner Theorie von der griechischen »Semantik« beeinflussen, worunter eine Notenschrift der alten Griechen zu verstehen ist, die aus Buchstaben des neujonischen Alphabeths und deren Um- Stellungen und Abkürzungen bestand. Ein Buchstabe konnte öpS־öv, &ve<rc?ap.pivc׳v oder 47teat{a(i|14vov sein und bezeichnete je nach der graden, liegenden oder gewendeten Stellung eine andere Tonhöhe, (cf. Karl Schleicher, Ueber das Verhältniss der griechischen zur modernen Musik, Cöthen 1878). Nun glaube ich nicht, dass ein vorurtheilsfreies Auge eine Aehnlichkeit zwischen den Neginoth und den Buchstaben der althebräischen Schrift herauszulinden vermag, denn die Neginoth sind vorherrschend Schnörkel, die nirgends auch nur die annähernde Gestalt eines Buchstaben haben. Wohl aber will es mir scheinen, dass die Neginoth in einem nahen Verhältniss stehe zu einem Notensystem, oder besser einer Tonzeichenschrilt, welche im VII. Jahrhundert in Gebrauch kam, also um dieselbe Zeit etwa wie die Neginoth, und aus welcher sich die moderne Notenschrift entwickelt hat, ich meine die NeumenJ welche von Gregor dem Grossen in die christlich abendländische Kirche eingeführt worden sind, während die morgenländische schon im V. Jahrhundert eine aus 14 hübsch gebildeten Zeichen bestehende Tonschrift gehabt haben soll , deren Bedeutung längst verloren gegangen ist (cf. Kiesewetter, Geschichte der europ.-abendländ. oder unserer heutigen Musik. Leipzig 1884). Diese Neumen (von veupa, veopa Wink oder von 71v£up.a Hauch) hatten in der ältesten Form kein Liniensystem und bestanden aus Punkten, Haken, Strichen, Halbbogen und Schnörkeln, die sowohl über als unter dem Texte ihren Platz hatten. Man braucht sie nur anzusehen, um an die Neginoth erinnert zu werden. Zum Beweis will ich hier gleich folgende Neginoth und die ihnen der Gestalt nach gleichen Neumen anführen und bitte ich, da ich keine lithographischen Tafeln beifügen kann, die systematische Neumentafel IV in Hugo Riemann, »Studien zur Geschichte der Notenschrift«, Leipzig 1878, zu vergleichen זרקא Flexa resupica (als Fioritur, nämlich als Doppelschlag, gruppetto, noch ein Ueberbleibsel in der modernen Musik und somit zum Vergleich Jedem zugänglich), סניל - Tripunctuin, רביעי — Quadrata, וקי* קטן — Bipunctum, ־- זקף נתל Bipunctum plus Virgula longa, תלישא קטנה und גדולה =- €ephalicus, verschieden gerichtet, גרשים — Bivirgis, שלשלת — ()uilisma stehend (cf. 1. c. Taf. III). Ich will nurdiese wenigen anführen, die absolut in Gestalt und Form den genannten Neumen gleichen, mit einer gewissen Anstrengung und einiger Phantasie, was ich aber vermeiden will, Hessen sich für die übrigen Neginoth entsprechende Neumen beibringen. Die Neginoth haben mit den Neumen auch in Bezug auf die Vortragsweise grosse Aehnlichkeit, letztere zerfallen in solche, die nur einen Ton anzeigen. (Neumae simplices), und in solche, die eine ganze Tonreihe resp. Figur anzeigen, (Neumae compositae). Als Beispiel für Neginoth, die nur einen Ton nach der jetzt üblichen Vortragsweise haben, kann das פשטא gelten, wo vom aus ausgehenden Grundton nur die Quinte genommen wird, während zu den Neginoth, die eine ganze Tonreihe angeben, das ר® und שלשלת gehören. Interessant ist, dass eine Reihe der Neumae compositae im Mittelalter »Tropen« hiessen; das waren kurze melodische Formeln, welche den Psalmenversen und den Responsorien angehängt wurden. (Dass unsere Neginoth im Volksmunde die Bezeichnung »Tropt tragen, ist schon oben erwähnt worden). Die Anzahl der Neumen war je nach der Gegend und dem Jahrhundert verschieden gross, in der einen Gegend und zu einer Zeit gab es Zeichen, die in der anderen oder in eiuem anderen Jahrhundert unbekannt waren; dass in der oben von Pinsker erwähnten Handschrift andere und zahlreichere Neginoth enthalten sind, als wir sie jetzt kennen, davon war auch schon die Rede. Da nun die Benennungen der Neumen uns aufbewahrt worden sind, so lag es nahe, sie mit den Bezeichnungen für die Neginoth zu vergleichen. Es erweist sich, dass die Neumen vorherrschend nach ihrer äusseren Form benannt worden und nur wenige nach der Art des Vortrages, während für die Neginoth, soweit etymologisch nachgewiesen werden kann, das Umgekehrte der Fall ist: hier war die der Stimme zu gebende Wendung massgebend und nur bei sehr wenigen drückt der Name die äussere Form aus. Zum Beweis seien hier folgende Neumen und deren Bedeutung (nach Dufresne du Cange's »Wörterbuch für mitteralterliches Latein«) angeführt: Punctum: Punkt; Bipunctum: Doppelpunkt; Tripunctum: Dreipunkt; Quadrata: Geviertpunkt; Virga seu virgula: Ruthe, Stab; Bivirgis: Doppelruthe; Cephalicus: mit einem Kopf versehen; Flexa resupica (schlecht abgegeleitet von resupnare): Zurückgebogene; Sinuosa: Gebogene; Toreolus: die Presse; — alle diese zeigen die äussere Form an und bl״s wenige lassen sich anführen, die den Gesangmodus angeben, nämlich: Scandicus — der Steiger, Faller und Salicus — der Springer. Bei den Neginoth dagegen kommt die Stimmführung bei der Bezeichming in Betracht: פשטא von פשט ausbreiten, d. 11. die Stimme; TOD von נוח sich niederlassen, ruhen, d. 11. die Stimme bleibt auf demselben Ton; זרקא von זרק streuen, werfen, verwandt mit זירקתא Ketten- oder Schuppenpanzer; סנול wahrscheinlich von עגל rund sein (D ist dem Grundworte beigegeben; טפחא von טפח ausbreiten, anschwellen; אתנחתא von נוח Ithpael, zur Beruhigung gereichen; ר® vielleicht von ר® zerstreuen, oder aber wenn von פזרא Stock (Persisch), dann auch die Form bezeichnend; מהפך von הפך Pael part. zurückführen, entspricht somit dem heutigen Leitton, was besonders in der gewöhnliehen Verbindung mit פשטא indem es zum Grundton zurückführt, passt; תלישא von תלש abreissen; אזלא von אזל fortgehen, verlassen; נרשים von נלשא Graupe, d. 11. den Ton graupenförmig führen, vielleicht trillern; - alle Namen enthalten somit die Belehrung, wie die betreffenden Neginoth zu Gehör zu Gehör zu bringen sind. Auf die äussere Form dagegen weisen hin: *רביע: Quadrata und מרכא, welches entweder von מרמב oder מרכוף : ein hölzernes Pferd, oder aber ■von המרבוב של זמר der Grill' an der Sichel des Winzers ubzuleiten ist. Für die anderen Neginoth finde ich keine genügende etymologiche Erklärung, aber diese Beispiele dürften genügen, klarzulegen, dass es sich um ein den musikalischen Vortrag bezeichnendes System handelt. Die Neginoth können ebensowenig wie die Neumen auf ein Notensystem im heutigen Sinne Anspruch erheben, weil beiden die Höhe des Grundtones und die Zeiteintheilung fehlt, wohl aber dürften sie genügen zur Gedächtnissunterstützung für diejenigen, welchen die Melodien durch Vorsingen schon bekannt sind und dass