Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 32. (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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128 die Neginoth diesem Zwecke genügen, ist allbekannt. Die Bücher אם״ת, d. h. Hiob, Sprüche und Psalmen, haben eine doppelte Reihe von Neginoth, deren Vortragsweise uns ganz abhanden gekommen, wahrscheinlich weil sie im synagogalen Ritus keine Verwendung haben. Ich bin geneigt, die eine Reihe der Neginoth als für den Gesang, die andere dagegen für instrumentale Begleitung bestimmt, aufzufassen, da diese Bücher ihrem Inhalte nach für instrumentale Begleitung sich eignen. Das ist aber nur meine Meinung, für die ich keine Beweise aut bringen kann. Für einige nur sehr selten vorkommende Neginoth ist uns die Vortragsweise ebenfalls nicht mehr geläulig; so für מרכא כפולה ,קרני פרה und ganz vergessen hat sich das 10V p ירח, das seltenste Zeichen von allen Neginoth. (Schluss folgt.) Recensionen. Goeteill, Dr. H.. Rabbiner in Naclnnl. Die Bibel über den Werth des Lebens. Hin Vortrag. (Besprochen v. l)r. 0. W er 11er. Rabbiner in Danzig.) In der modernen Philosophie ist der Pessimismus die Frage, die die Geister am meisten erregt. Aber nicht nur die Philosophen von Beruf denke״ und schreiben über das Plus oder Minus des Lebensglüekes, auch das nach Bildung strebende Volk, das zu «len Tngesfragen Stellung nimmt, liest mit heisser Begierde“ die Streitschriften über Optimismus und Pessimismus und will sieh selbst ein Urteil bilden, ob die Welt werth ist, dass sie zu Grande geht. W0I11 sind die Empfindung«*״ des Weltschmerzes so alt wie die Mensidilieit; wohl haben die ersten Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradiese bereits Kumpf und Schmerz kennen gelernt, wohl tönen uns aus den Werk«“״ d«‘r iilt1“stcn Denker und Dichter Jamm«“rrufe über das Elend des Daseins entgegen; aber «Imiocli hat es keine Zeit gegeben, in iler «ler Pessimismus als Weltallschaumig und Gefühlsweise sieh systematisch so ausg«‘- bildet hat, so tief in die Volkss«>ele eing(‘dru11g<“n ist, wie in der 11ns(>r11. Die philosophisch«‘״ Fragen, welche friil1«*r «lie Köpfe der Denker beschäfligten, wie Materialismus und Idealismus, Dogmatismus und Kritizismus, Imsscn das Herz «l«‘s Volkes kalt, und «lii'si• nu“taphysisclu“11 Kp«* culat.ioiu‘11 vi'rmochten nur di«“ Ho<11׳sohu!cn, aber nicht «las Volksleben zu interessiren. Kant wurile vi'rehrt, aber nicht gelesen, Fichte’s Reden wurden verbr«>itet, aber sein System blieb ein verschlossenes Buch. Hegel galt als König der Weisheit, aber tliroiu'nd in unsichtbaren Höhen. Form und Inhalt waren dem Volke nicht zugiinglich. Das schwere Küstz«“ug, in d«>m di«“ Gedankenhelden ihre Kämpfe ausfoeht(“״, und die weltmitriiekton Npeeulationen, welche mit «11*111 praktischen Lt'ben nicht immer in Beziidiuiig standen, machten die Philosophit*, die Welt Weisheit sein sollte, zu einer Be ruf s wissenschuft. Als das H«*gel'sch1' System, das grossartigste nach Kant, Uix'rwnniten war, da baute auf «ler freigewordenen Stätte Arthur Schopenhauer sein System auf, welches vom Weltschmerz ausging und zum Weltschmerz zurückkehrte. Der glanzvoll«“ Stil, mit dem der Einsiedler von Frankfurt seine schwarz«‘ Weltanschauung verklärt«“, «ler!)(‘ständige Hinweis auf die Fragen, die uns alltäglich begegu«“1), verbunden mit 111>r gmiialei; B«“fähigung, für eine grosse Irrlehre une11(Ui<־h viele Scluünlx'wcise zu find«‘״, all das eröffnet«■ für st'iiu“ Werkt« ein grossi's 1,1‘sepublikum und schaffte dem wissenschaftlich ansg«>stalteten IVssimis 11111s Eingang in das Volksbewussts«“in. Die Frage, ob «las!,«“ben «,ine Last oder eine Lust s«>i, lx*w«“gt «*ben j«‘«l«‘s Menschtmhcrz mehr als andere Speeulationen, die klare volksthü1nli«“he Darstellungsweise Seh0|)e11hauer’s hat das lnteivsse für die packende Frag«‘ erhöht. Schilpenhauer, «l«‘r leidenschaftliche Verkünder d«“s Pessimismus, «l«“r das M«‘nseh(‘nlehe11 für eine unnütz störende Episode in der sidigen Kühe «l«“s Nichts erklärt, «h‘r «las Dasein auf ein«‘1n Dast‘inwollen, mithin auf einem, Mangel voraussetzenden. Verlangen beruhen lässt, der die Unlust als positiv, die Lust als negativ hinstellt, der den Menschen als das traurigste Wesen tief beklagt, der das Menschen leben wie das zwischen Schmerz und Langeweile schwankende Pendel!)«‘trachtet, er sieht natürlich im .!iidcnthum die ihm «mtgegengesetzte feindliche Weltansehaung und das Christenthum benutzt er nur dann als Bundesgenossen, wenn es sich von dem Ursprung, aus dem es hervorgegangen ist, loslöst und statt des Sinaiwortes br.ahuianixchc und buddhistische Weisheit verkündet. Die Bibel lehrt: Die W«• 11 ist sehr gut. Schopenhauer lehrt: Die Welt ist sehr schlecht. Die Bibel verkündet die Hoh«‘it des im Ehenbilde Gottes geschaffenen Menschen; Schopenhauer beneidet das Tier um seine Sorglosigkeit. Die Bibel lehrt den allwissenden Gott, Seil, predigt den blinden, grundlosen Willen. Die Bibel verheisst die weitbejahende niessianisehe Zukunft, er sieht in der Weltverneinung die einzig wahrhafte Erlösung. Wenn Schopenhauer theoretisch auf der Arena der Wissenschaft gegen «las Judenthuin gekämpft hätte, so wäre dt>r Kampf ein sachlicher geblieben, aber dieser leidenschaftliche Denker konnte Theorie von Praxis nicht trennen, und weil das .ludcnthum idealer Optimismus ist, musste alles, was dasselbe hervorgebraeht hat, schlecht sein und mithin auch die Juden selbst. Man traut zuweilen kaum seinen Augen, wenn man Schopenhauers unerhörte Urtheile über Jud(“11 und Judenthum li«“st. Er, der sonst auf den verschi(“d(‘11sten Gebietmi ein«“ wunderbare, viels«‘itige Sachkenntniss entwickelt, ist oft geradezu erstaunlich unwissend, wo ei Fragen «l«‘s Judcnthiims erörtert. Man ist zuweil«“״ geneigt, die Unwissenheit für eine absichtliche Verkennung der Thatsaclnm zu halten. Den »foetor judaicus wittert er in seiner Phantasie überall. Dieser Judenhass Schopenhauers hat' unendlich viel Schaden anrichtet. Juden, Frauen und Professoren sind die von ihm Bestgehassten; die beiden l«*tztere11 Kategorien brauchten die gallige Feder des geniahm Schopenhauer nicht zu fürchten; aber den armen Judtm erstand in ihm ein Feind, der stets ins Treffen geführt wird, wo es gilt, hochbegabte Menschen als Judenfeinde anzuführeii. Aber die jüdische Wissenschaft ist selbst dem grössten Feinde gegenüber g«‘recl)t und hat, soweit die Philosophie Schopenhauers in ihr Bereich hineinragt, stets geprüft und nicht wie er so häutig wie ein Poltron gescholt«“״. Der Pessimismus des Schopenhauer im Lichte «ler heiligen Schrift und unserer Religion iilx'rhaupt wurde schon oft von berufener Seite in Wort und Schrift erörtert. Es ist wohlthuend, zu beobachten, dass die jüdisshen Schriftsteller sich nicht von dem Jmlenhasse eines Schopenhauer verbittern lassen und nicht ders«‘lben ätzenden Lauge, die er über uiisere Heiligtlnimer a11sgeschütt«“t. hat, sich bedienen. Diese vornehme Ruhe und rein der Sache gewidmete Forschung zeichnet auch die Schrift aus, die uns zur Beurtheilung vorlii'gt und zu dem eben Gesagt«‘״ die Veranlassung g<*- geben hat._(Schluss folgt ) Inhalt. Moses Mendelssohn. I. — Zur wlssenschahllchen Bedeutung der ״Neginoth‘‘. (Schluss.) Von Dr. meil. E. 11. Löwensoh 11. Recensionen: (iuotuiii, Dr. II., ltahbincr in Nuchod. l)io Bibel über den Werth dos Lebens. Ein Vortrag. Besprochen von Dr. C. Werner, Rabbiner in Danzig. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist untersagt. Litterarischer Anzeiger. Aeltere Jahrgänge vom ״JUd. Littcniturblatt•*, darunter auch JuhrgunglbUÜ, «ler die Artikel-Serie : ״Das Leben und die Werke des Or. Leop. Zunz, von Dr. Chotzner enthält, sind — so weit der Vorratli reicht — a I Mark (franco haar) direct zu heziehen von der Expedition diese« Blaltes. [tili) ewl's, Verlag Waltüor Niemand, süimntlieh in Magdeburg. Im .Selbstverlag des n«“ten ersi'hien soeben: Taut1<>11<Util1rig<‘r ITiiirechuungM-Kalemler oder praktische Anleitung für Jedermann, auf einfache und leichte Weise einen Dopp.-Kal. jiid. 11. ehrisll. Zeitrcclin. I. «i. .1.1000-2000 «1. g. Z. an- /.liiert.. Nebst 2 Form, u.4 Mustertab. Breis broeli. 1.50 Mk. Sehr mässige Auflage. L. Cohen, ladirer, Reesa. Rhein. Verantwort!. l!edae:«׳ur Dr. M. Ralimer, Drin k Leist ncr W Dr