Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 32. (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
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126 rungon in seinen Studienjahren war eine sehr kurze; von seinem ein u n dzwa n zinsten Jahre war er aller Sorge um den Bedarf des Ta ״es enthoben. Wenu wir an Lcssiiig denken, der l)is an sein Lebensende mit Sorten zu kämpfen hatte, der auf den kargen Ertrag seiner Schriften angewiesen war. wenn wir an so viele deutsche Dichter des achtzehnten Jahrhunderts denken, deren dichterisches Streben von der Sorgt‘ niedergelallten wurde, so werden wir Mendelssohns Schicksal preisen, der frühzeitig eine wirthschaftliehe Selbststiindigkeit erlangt hat. Wenige unter denen, die damuls den deutschen Parnass bewohnten, waren so begünstig!. Auch was Mendelssohn zuweilen beklagt, dass er sein•‘ Zeit theilen muss zwischen nüchterner kaufmiinnischer Arbeit und philosophischer Spekulation, war wohl keine so arge Ungunst. Es ist für die Festigung des Charakters wichtig, wenn Jemand nicht als Pensionär sein Brod erhält, sondern als Arbeiter in seinem Beruf es verdient. Mendelssohn folgte da den Spuren alt jüdischer Weisheit, welche den Spruch enthält: Gut ist die Wissenschaft׳ im Verein mit einem praktischen Berufe׳. Vielleicht hat er gerade durch diese Vereinigung von praktischer und Wissenschaft- Hoher Arbeit sich jene Lebensweisheit׳ erworben, durch die er sich vortheilhaft von sinnen stürmischen Jüngern unterscheidet und die seine reformatorisehen Erfolg!* so entscheidend gefördert hat. In der Studierstube entsteht jener Principien- Starrsinn, der mit der Principientre 11 e sich keineswegs deck!, während der reg!‘ Verkehr mit den Nebenmcuscheu milde Schonung fremder Schwächen und Vorurtheile lehrt. Auch die edle und vorbildlich!‘ Häuslichkeit Mendelssohns hat unter den damaligen Schriftstellern Deutschlands nicht viele ihres Gleichen; dieses gastliehe Haus war der Sammelplatz würdiger Männer, wackerer Jüngling!‘, die dem religiösen Fortschritt ergeben waren. Diese (bistlichkeit wäre nicht möglich gewesen, wenn Mendelssohn etwa vom Schriftstellerhonorari* oder vom Erbe seiner Viit־׳r hätte leben sollen, wenn er nicht neben dem Literaten und Reformator auch noch Buchhalter und später Seideiiwuarenfabrikant gewesen war!‘. Es war weder für!las persönliche Behagen Mendelssohns noch für sein Wirken in der Oett'entlichkeit ein Schaden,!lass er einen Tlieil seines arbeitsreichen Lebens in einem kaufmännischen t'omtoir verbracht hat, wie denn überhaupt Vielseitigkeit 111*1• Arbeit, sobald sie nicht in Zersplitterung ausartet, ein offenbarer Segen ist. Mendelssohn ist sich des Segens wohl bewusst׳,!11*11 er mittelbar von der Regierung des grossen Friedrieh empfangen hat. Dies ist ein schönes Zeugniss der Reife und der Freiheit seines llrtheils, das sich durch persönliche ׳ Erfahrungen nicht beirren lässt. Renn er wurde, selbst auf den Höhen seines literarischen Rufes, des ausserordentlichen Ansehens, das er wegen seiner Werke und wegen seiner Weisheit genoss, oft genug daran erinnert,!lass er bürgerlich ein Jude sei in der ganzen Rechtlosigkeit, die damals eine Folge der jüdischen Abstammung war. Die Polizei in Berlin schützt!“ auch den Mann, der einen europäischen Namen sich erworhen hatte, nicht davor, dass ihm die Strassenjugend wie jedem anderen Juden Schimpfwort!׳ nachrief oder ihn noch schlimm!‘!׳ trat•- tirte. Der deutsche Sokrates, wie er bei Lebzeiten und auch noch später mit einem etwas schiefen Vergleich genannt worden ist. war in Berlin bei der hohen Obrigkeit so wenig gelitten als der at heniensische in seiner griechischen Heimat und figürlich geredet musste Mendelssohn manchen Gifttropfen hinunterschlucken, der an seinem Leben gezehrt hat. Alle diese Plagen waren um so schmerzlicher, als sie von dem »Philosophen auf dem Throne« ausgingen. All der Druck der Juden, der unter Friedrich dem Zweiten ungemindert. fortdauerte, ja in mancher Beziehung noch verstärkt wurde, wurde für denjenigen noch empfindlicher, der es wusste, wie feine Gedanken Friedrich in seinen Schriften und an seiner philosophisehen Tafelrunde anssprach. Wenn ein bigott kirchlieber oder ein ganz gedankenloser Fürst die Juden quält, so ist dies gewissermassen natürlich; von Friedrich, dem Philosophen, dem Freunde aller Freigeister in Europa, durfte man höhere Erwartungen liegen; sie sind getäuscht worden, weil Friedrich zu viel Geschäftsmann gewesen ist; nicht religiöse, nicht politische, sondern wirtschaftliche Vorurtheile machten ihn zum Judenfeind, und diese wirtschaftlichen Vorurteile haben auch sonst seinem Ruhme geschadet, er ist heute durch einzelne Maassregeln selbst bei denen zum Spott, die sonst dem Schutzzoll ergeben sind. Ein Tyrann, der in die Töpfe guckt, der es als ein Verbrechen ahndet, Kaffee zu trinken, wird kleinlich, und nur ein Fürst, wie Friedrich, konnte sich solche wirtschaftliche Thorheiten erlauben, ohne an seiner Grösse wesentlich einzubiissen. Die Juden hatten, wie bekannt, unter diesen Extravaganzen am meisten zu leiden und Mendelssohn war auf dem Gebiete des Handels vielleicht noch auchverständiger, als auf irgend einem andern, so dass er das Verfehlte dieser Wirtschaftspolitik sehr gut einsah. Aber alle diese persönlichen Beschwerden, wie auch der scharfe Gegensatz zwischen der Weltanschauung Mendelssohns und Friedrichs, konnten Mendelssohn nicht verhindern, den Segen zu erkennen, den er selbst als Untertan Friedrichs von seinem Fürsten empfangen hat. So spricht sich Mendelssohn in seiner reifsten Schrift, in Jerusalem«, wie folgt aus: »Ich habe das Glück in einem Staate zu leben, in welchem diese meine Begriffe weder neu noch sonderlich auffallend sind. Der weise Regent, von dem er beherrscht wird, hat es seit Anfang seiner Regierung beständig sein Augenmerk sein lassen, die Menschheit in Glaubenssaclien in ihr volles Recht einzusetzen. Er ist der erste unter den Regenten unseres Jahrhunderts, der die weise Maxime in ihrem ganzen Umfang niemals aus den Augen gelassen: die Menschen sind für einander geschaffen; belehre deinen Nächsten oder ertrage ihn. Mit weiser Mässigung hat er zwar die Vorrechte der äusseren Religion geschont, in deren Besitz er sie gefunden. Noch gehören vielleicht Jahrhunderte von Cultur und Vorbereitung dazu, bevor die Menschen begreifen werden, dass Vorrechte um der Religion willen weder rechtlich noch im Grunde nützlich seien, und dass es also eine wahre Wohlt.hat sein würde, allen bürgerlichen Unterschied um der Religion willen schlechterdings aufzuheben. Indessen hat sich die Nation unter der Regierung dieses Weisen so an Duldsamkeit gewöhnt, dass Zwang, Bann und Ausschliessungsrecht wenigstens auf gehört haben, populäre Begiiffe zu sein.« Wir haben heute Mühe uus in die freie Atmo- Sphäre jene.-! Zeitalters der Aufklärung zuriiekzuversetzen. Es ist der Orthodoxie nahezu vollständig gehingen, die Kirchen zu erobern. Nur ganz sporadisch sind freisinnige Theologen anzutreffen, und selbst diese wenigen müssen ihre Ansichten mehr verhüllen, als bekunden, so rütiiselhaft ist der Ausdruck ihrer Mei-!Hingen. (Kortsetzuug folgt.) 0485