Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 32. (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Abonnenten der »lsra<*litis<‘hen \\H<־l1t*nsrhrilt״, die vierteljährlich hei allen INtstiiiislalte״ und Uiirlihaiulltin^rh 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdisch׳* Litteratur-Blatt* gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. fiir di<* gesjiallene IVtitzril׳*, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Kxpeditiun 41ieses Blattes zu senden. Buchhändler u. Lehrer, welche direkt oder durch Walther Niemann Inserate eins<‘nden, erhalten "/״ Ihdiatt. Moses Mendelssohn und sein Zeitalter. Von li. H. I. Juden und Judenthum des achtzehnten Jalirlmnderts stehen zu Friedrich II. von Preussen in ähnlicher Beziehung wie die deutsche Literatur; Friedrich war der Wohlthiiter der Juden,- er hat zur Hebung iles religiösen und wissenschaftlichen Lehens unter den Juden und zur Ausgestaltung des gegenwärtigen von der Misere früherer Zeiten sich vortheilhaft unterscheidenden Zustandes den mächtigsten Anstoss gcgehen. Aber diese Leistung, durch die Friedrich der Grosse unter den Erneuerern des Judentlmms einen dev ersten Plätze einninimt, ist eine ganz unfreiwillige, diese Wohlthat ensprang keineswegs aus dem Wohlwollen und der alte Fritz würde verwundert darüber den Kopf schütteln, welche wichtige und segensreiche Stellung in der Arbeit für die Entwickelung und Vorjüngung des Judentlmms man ihm einriiumt. Die deutsche Literatur bietet uns ein ähnliches Bild; es kommt wohl bald nicht ein zweites Mal vor, dass der Fürst eines Landes die Literatur des Landes so gründlich und so grundsätzlich verachtet, wie Friedrich es mit der deutschen Literatur getlian hat; wo er einmal eine deutsche Dichtung loht oder uii»tkennend erwähnt, zeigt er meist den denkbar schlechtesten Geschmack; die führenden Geister der damaligen Zeit in Deutschland sind für ihn gar nicht da; er seihst fühlt sich literarisch völlig als Franzose und so viel er sich dichterisch versucht hat, wenn es auch die Franzosen anerkennen oder es ihm verzeihen, in deren Literaturgeschichte er gehört, die Deutschen haben an dem Literaten Friedrich nichts zu rühmen, nichts zu entschuldigen; literarisch betrachtet■ ist er ein Franzose, der sieh in Berlin aufhiilt und dem der dortige Aufenthalt nichts weniger als nützlich ist. Dennoch hat die moderne deutsche Literaturgeschichte mit vollem Rechte ein Zeitalter Friedrich des Grossen׳ festgestellt; dieser Verächter deutschen »Schriftthums hat den Aufschwung deutschen Geistes wesentlich gefördert, denn er hat den tiefgebeugten .Nationalgeist gehoben, er hat den Deutschen den Glauben an die eigene Kraft zuriiekgegeben, er ist mittelbar der Urheber grosser dichterischen Sc _ gen, die der deutschen Literatur zum dauernden Ruhm gereichen. Nicht anders ist er ohne es zu wollen für die Juden segensreich geworden. Friedrich hat sehr scharf und nicht gerade zum Vortheil seiner Regierung zwischen politischer und ökonomischer und zwischen religiöser Freiheit unterschieden. Diesem »ersten Diener seines Staates׳ durfte Niemand dreinreden, wie dem Staate am besten gedient sei; selbst die Justiz war ]licht nnantastbar und jener vom Volksdichter Hebel verherrlichte naive Glaube des Müllers von Sanssouci an die Allmacht des Berliner Kammergerichts ist nur eine schön(» Fabel; der Philosoph auf dem Throne begünstigte den Adel in der Armee, ja machte die Oflizierstellen zu einer Domäne der adligen Geschlechter und es ist bekannt, wie hart und willkürlich die Hand des Königs in alle wirthschaftlichen Verhältnisse hineingriff; es ist wenig Ursache, das Preussen Friedrich fl. als ein Eldorado der Freiheit zu betrachten; cs war keine Undankbarkeit, als das preussische Volk bei dem Tode des grossen Königs froh aufathmete; denn Freiheit herrschte im Wesentlichen nur auf religiösem Gebiete, lind diese Freiheit hatte ihren tiefem Grund nicht in der Achtung vor der religiösen Ueberzeugung und 1)111düng jeder religiösen Meinung, sondern in der persönliehen Irreligiosität des Königs, die freilich nicht soweit ging wie die Zeloten, die ihn als Atheisten verschreien, voi’geben. Die Juden vollends hatten fiir Friedrich ein wesentlieh fiscalisches Interesse; menschliche Theilnahme für die Unterdrückten lag ihm fern; viele Maassregeln haben den Charakter der kleinlichsten Chicnne; die ganze Gemeinde war haftbar, wenn ein Jude einen Diebstahl beging; dieses Gesetz wurde noch in der letzten Regierungszeit Friedrichs auf directen Befehl des Königs praktisch ausgeführt. Nichtsdestoweniger, obgleich Friedrich von durchaus unfreundlichen Gesinnungen gegen die Juden heseelt gewesen ist, war dennoch das Berlin des aufgeklärten Königs der Ort, von dem die Erneuung des Judentliiims atisgegnngen ist. Der freie Haiieh. der dort auf religiösem Gebiete wehte, lmt auch das Judenthum wunderbar erfrischt. Demi religiöse Knechtung ist allerdings schwerer zu ertragen als jede andere; das PfatVeiiregiment, das die Menschen nicht nur dienstbar, sondern auch dumm machen will, ist das schwerste Joch. Davon war damals in Berlin keine Hede, in Berlin konnte die religiöse Aufklärung frei sieh iiiiHser.ti. Das war von unendlichen Wirkungen auf das .luden- 11111111; mau hat nicht mit Unrecht behauptet, »lass nur in Berlin eine Persönlichkeit wie Mendelssohn sieh frei entfalten konnte; aber auch nur von Berlin aus konnte er den weitreichenden Einlluss gewinnen. Mendeissolm ist bei all seiner Religiosität, bei all der scrupulösen Frömmigkeit, die er seihst, christlichen Freunden gegenüber offen bekundet. ein Product des Friednciauischen Zeitalters. Mendelssohns Loboiissehicksale waren keineswegs ungünstige; die Zeit des Mangels und der Entheb- 03